Donnerstag den LO. Mai.
IW k4.
uWW
■>115! ö
Nachdruck verboten.
„Es sah eine Linde ins tiefe Thal/'
Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
Die Wohnung der Frau Kraneck, der Mutter seiner erkrankten Schülerin, Ivar in ein paar Minuten erreicht — es gab überhaupt in dem kleinen Landstädtchen keine Entfernungen — und etwas zögernd ergriff Herr Hobrecht den Zug der Hausglocke. Dieser Gang war ihm unangenehm." Die Frau würde erschrecken, lamentieren, vielleicht auch in Ohnmacht fallen — die Friederike hatte soeben, als ihr der feine Regen ins Gesicht gesprüht, die Augen geöffnet, sie aber sofort wieder mit einem tiefen Seufzer geschlossen — und dazu mußte er gerade fetzt so lebhaft der Stunde denken, in der er zum letzten Male die Glocke dieses Hauses gezogen hatte. Wie ein Sieger war er damals gekommen, wie einer, der das Füllhorn des Glückes in der Hafnd trägt, und war es nicht ein Glück, ein namenloses Glück, welches er der blutarmen jungen Witwe mit seiner Hand zu bieten im Begriff gewesen? Ihn nährte sein Stand, die Privatschule, welche unter seiner Leitung so vortrefflich ging, und dann hatte er noch gerade geerbt. Sein Vetter, der Bauernhofbesitzer, welcher ihm! einst die Mittel, das Seminar besuchen zu können, gegeben! —t wie oft hatte er ihn in letzter Zeit darum gemahnt! — itxir plötzlich gestorben, und die schönen Tausende, welche er in seinem Leben zusammengespart hatte, waren ihm, dem Leopold Hobrecht, mühelos in den Schoß gerollt.
War es ihm da zu verdenken, daß er sich selbst einen großmütigen Narren gescholten hatte, und einen Moment zögernd, wie eben jetzt, an der Thür dieses Hauses steheü geblieben war, und mit heimlichen Bedauern der hübschen, rundlichen und — reichen Brauerstochter gedachte, welche ihin schon so oft unzweideutige Beweise ihrer Zuneigung gegeben hatte? Aber er hatte sich nun einmal in die Rolle des Menschenbeglückers verrannt und — ja, es ließ sich auch heute, wo das rundliche Minchen bereits seit Jahresfrist Frau Lehrer Hobrecht Hieß, nicht leugnen — die junge Frau mit dem wunderschönen bleichen Gesicht und, dem schwebenden Gange hatte es ihm angethan, und so
nb du fragest, was wir sollen?
Immer auch bas Gute wollen, 't1 Uns ben Ebelsten vereinen,
Was wir sinb, auch immer scheinen.
G. Keil.
war er denn klopfenden Herzens ins Haus und die Treppe hinaufgegaugen.
Aber als er dann vor ihr gestanden und sie mit großen verwunderten Augen — die ihrer Kleinen zeigten oft denselben Ausdruck, und das reizte Herrn Hobrecht mehr, als er sich selbst eingestand -- seine feierliche Erscheinung von dem glänzenden Cylinder in seiner Hand bis zu den nicht minder glänzenden Stiefelspitzen gestreift hatte, da war er verwirrt geworden und hatte diese Frau, welche sich mit ihren Musikstunden nur gerade so durchschlug, um ihre Hand wie um eine Gnade gebeten. Aber unbegreiflich empörend hatte ihre Antwort geklungen. Sie hatte eigentlich wenig gesprochen, nur ein paar kurze höfliche Worte, aber ein gewisses Etwas war plötzlich in ihre Erscheinung getreten, sie war größer geworden, und er — er war sich klein und unbeschreiblich anmaßend vorgekommen, als er mit seinem Korbe die Treppe hinabschlich.
Jetzt begriff er sein damaliges Empfinden nicht, und „Bettlerstolz!" brummte er vor sich hin, als er nun zum zweiteumale und energischer die Klingel zog. Es gab einen schrillen, lang nachzitternden Ton, und eine Minute darauf wurde die Thür von innen geöffnet. Ein ältliches, gutmütiges Frauengesicht, umrahmt von dem Gefältel einer blütenweißen Haube, beugte sich über das Treppengeländer, hinter ihr, im Rahmen einer offenen Thür, wurde eine schwarzgekleidete Fraueugestalt sichtbar.
,„Wer ist dort, Brigitte? Warum klingelt man so heftig?" Eine leichte Unruhe zitterte in der weichen, melodischen Stimme, die so fragte.
Die ältliche Frau neigte sich weiter vor.
„Ich weiß nicht, gnädige Frau! Ich glaube, es ist Herr Lehrer Hobrecht."
„Herr Lehrer Hobrecht?" Die Worte wurden hastig hervorgestoßen, und nun stand die zarte mädchenhafte Erscheinung des jungen Weibes auf der obersten Treppenstufe, fliegende Röte auf dem so bleichen Antlitz und qualvolle Angst in den großen dunkelblauen Augen.
„Herr Hobrecht, Sie? Was führt Sie her? Jetzt, zu dieser Stunde? Was ist meinem Kinde geschehen?"
Sie schrie bei den letzten Worten gellend auf. Sie hätte die Schuldienerin, welche erst jetzt hinter dem breiten Rücken des Lehrers sichtbar wurde, und todbleiche Kindergesicht mit der blutgetränkten Stirnbinde erblickt.
„Mein Kind! Meine Elfe! Barmherziger Gott, was ist meinem Kinde?"
Sie drängte ihre Dienerin, welche mit zitternden Händen der alten'Frau das Kind abnehmen wollte, beiseite, riß es an ihre Brust und flog mit ihm ins Zimmer, wo sie es behutsam auf ein niedriges Ruhebett gleiten ließ.
„Mein Kind! Mein Einziges! Mein Sonnenstrahl!" stteß sie dabei mit dem Ton einer Gemarterten hervor.


