Ausgabe 
10.5.1900
 
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getragen werde. Heute genießen die Flaschenposten völ­kerrechtlichen Schutz und werden bei Auffindung von der Ortsbehörde dem Konsul der betreffenden Nation über­sandt, der für Weiterbeförderung Sorge zu tragen hat. Allerdings dienen diese Botschaften von der See heute Nicht nur privaten Zwecken, sondern vorzüglich hydro­graphischen Instituten zur Sammlung größerer Kenntnisse .über Geschwindigkeit und Richtung der Meeresströmungen. Von Zeit zu Zeit werden von den Schiffen Flaschen über Bord geworfen, derenFindezettel" die geographische Lage Les betreffenden Ortes enthält, eine genaue Zeitangabe, wann die Botschaft dem Meere anvertraut wurde, und endlich in mehreren Sprachen die an den Finder gerichtete Aufforderung, seinerseits Zeit der Auffindung und Fundort auf dem Zettel zu notieren und denselben an Das hydrographische Amt seines Landes weiter zu befördern. In sogenannte Flaschenkarten'werden .Ergebnisse dieser Bot­schaften eingetragen, natürlich nur in geraden Linien, welche je Aufgabeort und Fundort miteinander verbinden; denn von ihren Kreuz- und Querzügen aus dem Meere vermögen die Flaschen nichts zu erzählen. Außerdem wer­den die Resultate alljährlich imNautical Magazine" (Lon­don), in der deutschen Zeitschrift für SeewesenHansa" und in den hydrographischen Mitteilungen der Marine­ministerien veröffentlicht.

Von vielen Hunderten derartiger Nachrichten erreichen natürlich nur sehr wenige bewohnte Küsten, und von diesen wenigen vermag man auch nicht alle zu entziffern. In der Regel zerschellen die Flaschen an felsigem Gestade, oder .es dringt Salzwasser durch einen Riß des Glases oder des Korkes in das Innere und verlöscht die Schrift oder bringt die Flasche zum Sinken. Häufig setzen sich auch zahlreiche Muscheln an derselben fest, beschweren sie mehr uftb mehr, so daß sie schließlich in der Tiefe verschwindet. Bisweilen ruht eine Flasche viele Monate und Jahre lang an irgend einer einsamen Küste, bis sie durch einen Zufall einem Menschen in die Hände gespielt wird. Unter anderem soll .eine Botschaft, welche ein amerikanischer Kapitän im Jahre 1837 absandte, erst 21 Jahre später an der Küste Irlands aufgefunden worden sein.

Man hat die Erfahrung gewonnen, daß aufrecht schwimmende Flaschen besser erhalten werden, als solche, deren Körper ganz auf der Oberfläche des Wassers ruht, und deshalb zieht man es heute vor, den Boden der Flaschen bis zu einem gewissen Grade mit Sand oder Blei zu beschweren, nachdem man sie durch Eintauchen in heißes Pech allseitig mit einem dichten Wassermantel umgeben. Am Flaschenhals befestigt man einen leichten Stab von ungefähr 15 Zoll Länge und bringt am oberen Ende des­selben eine kleine Flagge an, um die Aufmerksamkeit der -Seeleute aus die Flaschenpost zu lenken. Das hydro­graphische Amt der Vereinigten Staaten bezeichnet außer­dem jede von ihm ausgesandte Flasche mit den Buchstaben H O (Hydrographie Office) und einer Nummer, welche einer Bezeichnung in seinen Büchern entspricht. Wird die Post von einem vorüberfahrenden Schiffe bemerkt, so wird nur die Zahl notiert, und diese nebst dem Ort der Begegnung an den Hydrographen des Navigationsbureaus zu Washing­ton berichtet. Aufgefangen wird die Flasche erst, wenn sie das trockene Land erreicht. Dieses,Verfahren hat den Vorzug, daß man den Weg der Botschaft bis zu ihrer Landung genau zu verfolgen vermag. Die von dem hydro- araphischen Amt der Vereinigten Staaten herausgegebenen Karten, insbesondere die der letzten beiden Jahre, sind von 'besonderem Interesse, da die eingezeichneten Wege der See- bvten sehr deutlich die beiden Hauptrichtungen der Strö­mungen an der Oberfläche des Nordatlantischen Ozeans bezeichnen. Wir haben hier zunächst die großen Wirbel- strömungen, die sich vom Aequator bis zum 48. Parallel- freife nördlicher Breite erstrecken. Es ist das Gebiet, das Len Seefahrern als Sargassomeer bekannt ist, und von welchem frühere Schriftsteller fabelten, es sei so dicht mit Seetang erfüllt, daß die Fahrzeuge des Kolumbus sich mit Beilen den Weg bahnen mußten. Thatsache ist, daß die wechselnden Winde und regellosen Strömungen hier den Weg versperren oder wenigstens zu einem sehr gefahr- bollen machen, weshalb auch jetzt dieses Wirbelgebiet von Seeschiffen vermieden wird. Es kommt aber ferner die Ausdehnung des Golsstromes in Betracht, der die nördliche

Grenze dieses Gebietes bei dem 30. Grad ö. L. verläßt und nordöstlich weiterströmend die Küste Irlands im Westen und die von Schottland und Norwegen im Osten berührt. Dieser fortwährende majestätische Strom warmen Wassers hält die norwegischen Häfen offen, so daß die Walfisch- ahrer schon bis zum 74. Grade nördlicher Breite bei 4 Grad östlicher Länge freie Durchfahrt gewonnen haben, während zu derselben Zeit noch unter dem 50. Breitengrade gelegene nordamerikanische Häfen durch Eis verschlossen waren.

Einige interessante Beispiele von Flaschenposten, die uns über die Richtung dieser Strömungen näheren Auf­schluß geben, verdienen an dieser Stelle Erwähnung. Am 31. Mai 1894 wurde von dem DampfschiffGuildhall", etwa aus dem halben Wege zwischen Brest und Neusund­land, eine Flasche über Bord geworfen, welche am 13. Fe­bruar 1890 zu Antigua ausgefunden wurde, nachdem sie einen Weg von ungefähr 4500 Seemeilen zurückgelegt hatte. Sie soll zu diesem Ziele gelangt sein, nachdem sie dicht bei den Azoren, den Kanarischen Inseln und dem Kap Verdi vorbeigeschwommen. Eine zweite Flasche, welche etwa an derselben Stelle am 20. Juli von dem Dampfer Sapolio" abgesandt wurde, schwamm zunächst östlich auf die Azoren zu und verfolgte dann den Weg der erstgenann­ten, bis sie nahe den Turksinseln nördlich von Haiti, nach einer Seereise von etwa 6000 Meilen, aufgefunden wurde. Weit interessanter noch verlief aber die Reise einer dritten Flasche, welche den Ozean nach allen Richtungen durch­querte/ Sie wurde etwa 700 Meilen westlich von der Sierra Leone ausgesetzt und richtete sich unter dem Ein­fluß des.Guineastromes zunächst östlich gegen die afrika­nische Küste, dann nahm sie durch irgend einen äußeren Umstand veranlaßt, in westlicher Richtung ihren Lauf, trieb, auf diesem Wege beharrend, gemächlich durch die Windward-Jnseln (Antillen) hindurch und landete endlich nach einer Reise von etwa 8000 Meilen bei den Shetland- Inseln, wo sie am 20. März 1896 nach Verlauf von nur 1000 Tagen seit ihrer Abreise aufgefunden wurde.

Daß aber in vielen Fällen die Flaschenpost in der That ihre Aufgabe, irgend einem beliebigen Adressaten Bot- schasten von der See zu bringen, erfüllt, dafür mögen folgende Beispiele den Beweis liefern. Unter anderem enthielt eine im Jahre 1893 aufgefundene Flasche folgende Nachricht:Schiff Buckingham, am 24. November 1890 Der Kapitän wurde am 11. Oktober unter 12 Grad 30 westlich von den Shetlands-Inseln von einem Arbeiter ermordet. Das Schiff befindet sich gegenwärtig auf seiner Route nach New-Iork, bei Bermuda, 45 Tage von 'Dundee entfernt. Sonst alles wohl! Wenn aufgefunden, an Fred Seaborne, West-Street, Newport in der Grafschaft Pem­broke (Süd-Wales) zu befördern". Das Schiff war Eigen­tum des Hauses MacVicar, Marshall u. Co. zu Liverpool, deren Inhaber die Handschrift als die ihres Lehrlings Leaborne erkannten, der sich an Bord jenes Schiffes be- T An der Humanaküste zu Neu-Seeland fand ein Ein­geborener eine Flasche folgenden Inhalts:Kirkhill-Barke, 33 Grad 16' s. B., 166 Grad 48' ö. L. aus der Route von Newcastle nach Callao, am 18. September 1893. Der Fin­der wird dringend gebeten, dieses Schreiben Clement R. Wrogge, Mitglied der königlichen Geographischen Gesell­schaft, Staatsmeteorologen zu Brisbane in Queensland zuzustellen und anzugeben, wann und wo er dasselbe ge­funden. Dieses Schreiben vertraute Schiffsherr ^ames Brennel dem Meere an". Diese Mitteilung war m eine Geschäftsreklame gehüllt, welche aus diesem Wege dem schwarzen Eingeborenen die ironischen Worte zutrug. Guten Morgen! Haben Sie schon Pears Seife benutzt ?

Ein Bewohner von Kapstadt erhielt kürzlich einen Brief zuqestellt, dessen glückliche Beförderung der Postverwaltung im Reiche Neptuns alle Ehre macht. Am Weihnachtstage 1894 in eine Flasche gesteckt und vier Tage spater imGols von St. Vincent über Bord geworfen. Am 14. Februar 1895 wurde die Flasche an der Gambier-Küste in ^Sud- Australien aufgefunden und sogleich an den Adressaten in Kapstadt weiter befördert. Er empfing sw völlig un­versehrt innerhalb dreier Monate nach der Msendung. Adressat und Absender mögen sich nicht wenig über diese bequeme und wohlfeile Beförderung ihrer Korrespondenz gefreut haben.