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atmend stille. Der Himmel mit Milliarden Sternen lag wie ein unendlicher Kirchenbogen über der Welt. Eine kalte, frische Vorfrüh'lingsluft stand fast wie in greifbarer Wesenheit in den Straßen. Nettchen hüllte sich tiefer in den weiten Mantel, der ihren Theaterputz verbarg. Sie hob die Augen zum Himmel empor, und zum ersten Male in ihrem Leben stammelten ihre Lippen etwas wie Gebet. —
Wie an der Blume sich unter der sengenden Glut die Blütenblätter trocknend aufrollen, so zog ein leises, feines Welken über Nettchen hin.
Unter ihren Augen entstanden große, blaue Ringe, die wie dämmrige Inseln den leuchtenden Blick umrahmten. Ihr Gesicht wurde hagerer, das Rot aus ihren Wangen verwischte sich, ihre Gestalt wurde breit und schwer, und langsam näherte sie sich dem Bilde der gesegneten Frau, die ihre äußere Schönheit hingiebt für die Fülle inneren, hoffnungjauchzenden Reichtuws.
Ende April weigerte sie sich standhaft, die Bühne noch weiter zu betretn und sich vor dem Publikum zu produzieren. Ein düsterer Blick aus Jeromes Augen traf sie, er prallte jedoch an ihrem in die Ferne gerichteten, träumenden Lächeln ab. —
Die ersten Veilchen blühten, und sie wanderte hinaus ins Bois de Boulogne, unter die Scharen festlich und leuchtend gekleideter Menschen, die wie vom Frühling beflügelt dahinschritten, laut sprechend, laut lachend, als flösse Wein durch ihre Adern.
Auch über Nettchen kam singende Frühlingsstimmung, eine unendliche, friedliche Heiterkeit, voll Träumen, Hoffnungen und Erinnerungen. Und als sie die vielen aneinandergeschmiegten Paare betrachtete, diese glücklichen, jungen Eltern, die ihre Kinder .auf dem Arme trugen, oder im Wägelchen mit sich führten, da schwoll auch ihre Seele, nach solch einem gemeinsamen Glück, und! der Wunsch, ihrem Kindlein zugleich mit dem Leben den Vater zu schenken, das Glück der beiderseitigen Elternliebe, ergriff sie mit stürmischer Gewalt.
Der Gedanke brachte ihr Herz zu raschem, fast wildem Klopfen, und während sie der ihr begegnenden Menschen nicht achtete, lief sie unaufhaltsam weiter. Jetzt, wo ihr Leben auf der schwanken Wage schwebte, erwachte in ihr doppelt die hilfsbedürftige Sehnsucht des Weibes, sich an- zulehnen an den stärkeren Mann, ihre Seele mit der seinen zu verbinden, um gegen die Dunkelheit, das nahe Geheimnisvolle, im Schutze seiner Arme anzukämpfen.
Die Liebe zu Jerome, die mißhandelte, zertretene und einst dvch so heiße Liebe stieg wieder auf aus den Tiefen ihres Herzens, und erfüllte sie mit einer zitternden Hoffnung.
.j (Fortsetzung folgt.)
Tapeten im neuen Stil.
Von C. Ehsell-Kilburger.
(Nachdruck verboten.)
Schon im frühen Altertum machte sich das Bestreben geltend, die Wände der Jnnenräume unserer Wohnungen mit Fellen und Teppichen zu bekleiden, damit den Rohbau unsichtbar zu machen und ein Gefühl der Wärme, Abgeschlossenheit und Wohnlichkeit hervorzurufen. Zu diesem Zweck wurde im Laufe der Jahrhunderte das verschiedenste Material herangezogen, vom Gobelin, der Wandbekleidung und Wandschmuck, das „Bild", in sich vereinigt, und deshalb die idealste Tapete ergiebt, bis herunter zum einfachen Anstriche
Heute, in unserem „papiernen Zeitalter" besteht die Wandbekleidung der Wohnräume fast ausschließlich aus Papiertapeten, wobei nur der Name — lateinisch tapetum — Teppich —noch an ihre edlen Vorgänger erinnert. Die Tapeten werden meist in Rollen von ca. zehn Metern Länge zu einem halben Meter Breite hergestellt, zuweilen auch in abgepaßten Größen als Plafond- oder Füllungstapeten; ihre Billigkeit und verhältnismäßige Dauerhaftigkeit ist so groß, daß sie selbst in der Wohnung des kleinen Mannes den Anstrich fast verdrängt haben.
Natürlich hat auch aus diesem Gebiete die Mode htufig gewechselt, z. A. hat die Vorliebe für dunkle „altdeutsche" Zimmereinrichtungen, die vor 15 und 20 Jahren herrschte, gedämpfte dunkle Tapeten hervorgebracht, aus denen sich
das Müster nur sehr wenig vom Grunde hob — in Rücksicht auf den Gesamteindruck der Wände entschieden ein Fortschritt gegen die vorangegangenen hellen, groß und lebhaft gemusterten Tapeten, auf denen überhaupt kein Wandschmuck, wie Bilder, Zierteller, Konsolen mit Werken der Plastik u. s. w. zur Geltung kommen konnte. Derselbe große Irrtum über das Wesen einer Wandbekleidung, der damals sich breit machte, der übersah, daß eine Tapete nicht dazu da ist, um durch sich selbst zu wirken, sondern um einen ruhigen Hintergrund für die Möbel und den Wandschmuck zu geben, ist auch jetzt wieder eingerissen: unsere allermodernsten Tapeten sind, so hochinteressant sie sich auch in Farben und Musterung darstellen, dennoch viel zu unruhig und aufdringlich, um an der Wand einen wirklich wohl- thuenden Eindruck zu machen.
An sich betrachtet, auf den breiten Ständern im Magazin des Händlers ausgebreitet, sind sie wundervoll, gut weilen in der Erfindung geradezu genial. Der Grund ist meist hell, ziemlich energisch gefärbt, grün überwiegt darin, doch finden sich auch überaus seine, geradezu nervöse Mischungen, ein stumpfes Grünblau, das mit Violet gebrochen ist, ein gleichfalls durch Violet äbgedämpftes mattes Terrakotta. Die Zeichnungen sind groß und energisch, die extrem-modernsten Motive sind dafür herangezogen worden, Tiergestalten, die bis zur Unkenntlichkeit ihrer Form ins Ornament aufgelöst sind, Pflanzen, wiederum in so phantastischer Stilisierung, daß sie fast wie etwas Lebendiges, zum mindesten wie Polypen mit ausgestreckten Fangarmen wirken. Dazwischen als Vermittlung alle jene sonderbaren Wellenlinien und ovalen Flecke, die wohl als stilisierte Andeutung der Wellenbewegung und Spiegelung des Wassers gelten sollen. Zuweilen treten auch naturalistisch gehaltene Blumen auf, z. B. Chrysanthemum, Magnolien, Iris, Tulpen, aber auch sie erscheinen in der ganzen Art, wie sie behandelt sind, wild und aufdringlich. Daß fast alles, was Pflanze heißt, steil aufwachsend gezeichnet wird, braucht wohl kaum betont zu werden.
Selbstverständlich verlangen die beschriebenen großen Muster auch, daß zwischen sie und den Plafond ein vermittelndes Element eingeschoben wird. Mit der einfachen schmalen Bordüre, oder dem glatten, nur in reinem Tone gehaltenen Streifen ist es hier nicht mehr gethan, und so hat man denn Bordüren von Halbmeterbreite, ja einen ganzen Meter breit, komponiert, in welchem sich das Ornament der Tapete, je nachdem auch die Blume oder die stilisierte Tiergestalt gewissermaßen ornamentiert wiederholt. Das ist jedenfalls geistreich gedacht, und wiederum, nur an sich betrachtet, wunderschön, aber das Zimmer wird durch solche Querteilung in seiner ganzen Höhe beschränkt, die ganze Tapete büßt ihren Zweck, einen ruhigen Hintergrund zu geben, ein, sie wird Selbstzweck; eine interessante Farben- und Formenkompositivn, die man gern einmal betrachtet, die aber wenig von der für den Hausgebrauch notwendigen Wohnlichkeit an sich hat.
Man denke sich z. B. eine Tapete, auf deren grün-blaugrauem, von weißlichen Wellenlinien durchzogenen Grunde steife grüne Schilfstengel aufwachsen, zwischen denen Schwäne, in einer helleren Nuance des Grundes ausgeführt, dahingleiten, alles natürlich, wie die moderne Richtung es verlangt, von starken, dunklen Konturen umzogen. Bis zur Bordüre setzt sich das Muster in ewiger Wiederholung fort, die Bordüre selbst ist meterbreit, zeigt denselben Grund wie die Tapete, durch dieselben, in gemessenen Abständen aufwachsenden Schilfstengel geteilt, und die Schwäne in langer Reihe, einer dicht hinter dem anderen schwimmend.
Es läßt sich nicht leugnen, daß dem Ganzen ein bestechender Reiz des Phantastischen und Besonderen innewohnt — aber fragt man sich dennoch: wie kann man in einem derartig ausgestatteten Raume wohnen? Wie sollen die Möbel beschaffen sein, die zu diesem Hintergründe hurmonisch stimmen? Wie vor allen Dingen die Menschen, die in solchen Wohnräumen atmen? Solange wir noch all-, tägliche Menschen sind in modernen Kleidern, solange wir' uns nicht zu prärafaelitischer Schlankheit durchgehunyert hwben und nicht in weißen, faltigen Gewändern, mit Lilienstengeln in den Händen, einhergehen — solange werden zum mindesten wir selbst einen schreienden Mißton in die Harmonie dieser ultramodernen Wände bringen.


