Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Ein paar Jahre waren so hingegangen. Noch immer wohnten die Seitres in dem Chambre-garni von Montmartre. Nettchen war stiller geworden seit kurzem, sie wich den im Laufe der Zeit z'ur Alltäglichkeit gewordenen häuslichen Szenen mit Absicht aus.
Eines Tages, als Jerome nach Saufe kam, fand er sie in einer aufgeregten, freudetrunkenen Stimmung vor.
Jerome!" rief sie aus. „Nun trügt mich nichts mehr! Gott wird uns ein Kindchen schenken! Komm, laß uns gut sein, laß uns einander versöhnen. O mein Himmel, mein Hinlmel, wie freue ich mich!"
Sie drehte sich jubelnd im Kreise, ihre Löckchen flatterten, und einen Augenblick war sie ganz das Nettchen von einst, voll trunkener Lustigkeit, sprühenden Ueber-
Jerome blickte sie mit erstaunten Augen au. „Denkst Du auch an die Mühe?" sagte er, „die so etwas macht? Du kannst Dich dann nicht mehr produzieren. Die Halste unseres Erwerbes geht damit verloren."
Sie hatte sich nach ihm umgewandt. Ihre Augen maßen ihn mit einem Ausdruck von Entsetzen. „Die Mühe, die so etwas macht?" klang es ihr wie gellender Hohn in den Ohren. Doch nur einen Moment blieb ste bet diesem Schrecken vor der Rohheit ihres Gatten stehen. Daun griff wieder klingender Jubel an ihr Herz, und nut einer Bewegung gegen Jerome, als scheuche sie em lästiges, ver- ächtliches Insekt von sich weg, murmelte sie vor sich hm:
„Ein Kind!"
Ueber ihre in der letzten Zeit verhärmt gewordenen Züge war ein Lächeln ausgebreitet, ein Glanz, der nicht
„Ja, ich werde mich produzieren", sagte sie leicht und obenhin, als spräche sie zu einem Fremden. „Denn ich muß Geld verdienen, um mein Kleines würdig zu empfangen. Aber wenn es da ist, — wenn es erst da ift, sage ich Dir." —---
1900.
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ur zu einem fest entschlossen, Sei es Dulden, Thal, Genuß; Aus dein Zweifel, trag verdrossen,
Stets beglückend hebt dich der Entschluß.
Gottfr. Kinkel.
Sie brach ab, als verlohne es sich nicht, weiterzusprechen, diese Gedanken, die ihre Seele mit so vielem Licht erfüllten, näher auszudrücken.
Eilig trat sie in die Kleiderkammer um ihren Buhnenputz hervorzusuchen. Zum erstenmale feit langer Zeit kam ein Lied von ihren Lippen, ein helles, jauchzendes Schmettern, während sie den Trikot über ihren Körper zog, und die kleine, goldene, ihr bei einer Preisverteilung zuerteilte' Medaille auf ihrer Brust befestigte.
Jerome blieb im Wohnzimmer zuruck. Er sah auf die halb offene Thür, hinter der Nettchen soeben jubelnd verschwunden war, und ein bohrendes Gefühl des Neides, der Unfähigkeit, sich auch zu freuen, stieg in feinem Inneren auf. , „ _
Ja, das war es: Sich die Schlinge um den Hals werfen lassen, heiraten, Nahrungssorgen haben, Kinder kriegen. Keine (Karriere vor sich sehen, die Freiheit dran geben, draufgehen in dem häuslichen Philisterium, während die Freien, Klugen in der Welt ihr Glück versuchen.
Und er sollte sich freuen? Er ballte die Hände. Warum hatte er sich so irre leiten lassen, er, der scharfblickende, vorwärtsdrängende Mensch, wie hatte er sich verleiten lassen können, in dieser kleinen Artistin eine Gefährtin fürs Leben zu setzen, wie er sie suchte, leichtlebig, kalt, berechnend und schlau, ein Welt- und Bühnenkind, ohne Skrupel und langweilige Anforderungen, — für Paris und die (Karriere geschaffen?!
Seine Worte von einst fielen ihm ein, die er ihr zu jener Zeit, als noch völlige Fremdheit zwischen ihnen stand, gesagt hatte:
„Daß Sie sind ein Mädchen mit kalten Sinnen, mit blondem Haar, aus guter, bürgerlicher Familie, und daß Sie nicht passen zu Mademoiselle vom Trapez" —
Damals, damals war er klug gewesen, um sich schließlich doch ins Garn locken zu lassen, wie andere. —
Nettchen trat ein. Ihre Wangen brannten, m ihren Augen glühte Feuer, aber nicht die ruhelose Flamme von einst. Der in sich gekehrte, leuchtende Blick, mit dem sie über ihren Mann hinwegsah, verriet Träume an eine neue Welt, die fernab lag, weltenweit von dem unsauberen Fremdenquartier in Montmartre.
-„Hättest Du immer so ausgeschaut!" rief Jerome unwillkürlich aus, „bann hätten Dir andere Erfolge geblüht. O, Du bist schön, Du wirft die Menschen hinreißen, komm, küsse mich, sei mir gut." ' ,
Sie schob ihn von sich weg. „Fort!" sagte ste, — nur das eine Wort.
„Ich kaufe Dir einen Schmuck", flüsterte Jerome,- „komm, sag mir was Du Dir wünschest, Du sollst alles von mir haben." .
Sie schritt an ihm vorbei, durch den Flur, die Treppen hinab. Unten vor der Hausthür stand fte auf-


