Ausgabe 
9.12.1900
 
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qanq einer unscheinbaren kleinen Weinstube verschwanden würde einem sehr aufmerksamen Beobachter vrelleuM solcher Verdacht aufgestiegen sein, und einen aufmerk­samen Beobachter hätte dann auch wohl noch! manches andere, das er jetzt wahrnehmen konnte, einigermaßen be- fxcnibct.

Noch auf der Treppe nämlich befreite sich der Glatt­rasierte sowohl von der häßlichen blauen Brille, wie von dem dicken Shawl, unter dem er allerdings schon dem Erstickungstode nahe gewesen sein mußte. Mit einem er­leichterten Aufatmen trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und blieb dann wartend stehen, bis auch der andere, der Herr mit dem Knebelbart, über dessen Natio­nalität Sandory und Eschenbach sich nicht hatten einigen können, die Stufen herabkam. In einer sehr konsonanten­reichen Sprache, die weder deutsch noch französisch, gewiß aber am allerwenigsten italienisch war, flüsterten sie einiges mit einander. Der Große schüttelte wie m leb­haftem Mißvergnügen den Kopf, und in leisem, eifrigem Gespräch durchschritten sie das eigentliche ®[t8ttnmer' um in ein dahinter liegendes, kleineres Stübchen zu gelangen, das nur einen einzigen runden Tisch mit einem Dutzend steiflehniger Stühle aufzuweisen hatte.

(Fortsetzung folgt.)

stube liegt unmittelbar neben dem Gebäude des Polizei- ömtes. Ich darf also sicher auf Ihr ErMiuen rechnen?

.Gewiß! Ich halte immer, was ich verspreche. Pünkt­lich um neun Uhr werde ich zur Stelle sein. Auf Wieder- fctMMt <xlfo

Auf Wiedersehen! Aber da ist ein Mädchen mit einem Brief, das hier jemand zu suchen scheint. Vielleicht ist es eine Liebesbotschaft an Sie."

In der Thal deutete der Oberkellner, an den sich iie Botin gewendet hatte, gerade in diesem Augenblick auf Rudolf Sandory. Rasch, wie von lebhafter Erwartung sngetrieben, ging dieser auf das Mädchen zu. -

Mein Name ist Sandory. Bin ich es, den Sie

' Jawohl! Das Fräulein schickt mich mit diesem Brief aber Sie sind es doch aud) wirklich?"

Wünschen Sie, daß ich mich! durch ent Geburtsattest oder dergleichen ausweise?" lächelte er.Und ist es Unbescheiden, nach dem Namen des Frauleins zu fragen?

Er wird wohl in dem Briefe stehen. Ich sollte ^hu Mi Sie persönlich abgeben, aber ich. sollte mich unter keinen Umständen auf eine Unterhaltung einlassen.

Es wäre unverantwortlich, wenn ich. Sie verfuhren wollte einem so bestimmten Verbot zuwider zu handeln. Rehmen Sie dies für Ihre Mühe, und richten Sie der­jenigen, die Sie geschickt hat, mente allerschonsten Ern- p^Aber das Mädchen wies das Geldstück, das er ihm hatte in die Hand drücken wollen mit beleidigter Miene zurück und entfernte sich rasch. Noch rm Vestibül des Hotels erbrach Sandory das Billet. Er brauchte nicht viel Zeit, es zu lesen; denn der Brief war nur wenige «eilen lang und lautete: ,

Da ich nicht weiß, wo ich Sie fönst unter vier Augen sprechen kann, bitte ich Sie dringend, mich morgen vormittag um zwölf Uhr an dem ^rte urlserer letzten Zusammenkunft zu erwarten., Die Wichtigkeit dessen, was ich Ihnen zu sagen habe, wird diesen Schritt in Ihren Augen entschuldigen; denn ich. habe Sw über einen Irrtum aufzuklären, den ich nur auf Kosten meiner Seelenruhe und meiner Selbstachtung fort-

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Leise pfeifend faltete Sandory den Brief Zusammen und stieg die Treppe zu feiuem 3immer empor. Er konnte wohl kaum im Ungewissen darüber fern, worin nach Mar- oaretens Meinung fein Irrtum bestand; aber wenn dw spöttische Gleichgiltigkeit auf feinem Gesicht Nicht auch in diesem Moment nur eine Maske war, hatte die wenig verheißungsvolle Andeutung seine bisherige Zuversicht m das Gelingen seiner Pläne kaum zu erschüttern vermocht.

Er besaß ja ein Mittel, sie zu zwingen, und bte§ Wittet hatte sich bei der ersten Anwendung zu augenfällig chs ein höchst wirksames erwiesen, um ihn beim zweiten- tttcdfe toöllin int Iciffett M föttnctt.

Fast in dem nämlichen Augenblick, da das Geräusch der zufallenden Thür unzweifelhaft erkennen ließ daß Rudolf Sandory sein Zimmer betreten hatte, tauchte aus dem Halbdunkel der kleinen Pförtnerloge m Mann auf, den bisher noch niemand unter den .Besuchern des Königs von Spanien" gesehen hatte. Er schien sthr kränk­lich äu fein; denn er trug eine dunkelblaue Brille mit Sen, ruitbeit, gewölbten Gläsern, und hatte einen dicken, wollenen Shawl derart um den Hals gewunden, daß noch beinahe die ganze untere Hälfte seines glattrasierten

tr-t M.nn auf

die Straße hinaus und schlug ine Richtung nach der Königstratze ein. Es traf sich zufällig, daß der stattliche Herr mit dem schwarzen Knebelbart fast unmittelbar nach, ihm denKönig von Spanien" verließ, Und sich eben­falls nach jener Richtung wandte, ^n einer Entfernung von wenig Schritten ging er hinter dem anderen her, doch beschleunigte er feinen Gang nicht, um wn einzn- hvlen, und keiner von den Vorübergehenden hatte auf die Vermutung kommen können, daß ^aend welcher Zu­sammenhang zwischen den beiden bestehe. Erst als ste rasch nacheinander in dem etwas versteckt liegenden Em-

Einebrennende" Frage.

Ein zeitgemäßes Kapitel aus der Hygiene int Winter. Von Dr. Max Neuwirth.

Nachdruck verboten.

Zur Poesie des Winters gehören nicht nur der Tannen­baum mit seinen glänzenden Lichtern, die Krippe mit dem Christuskinde, die heiligen drei Könige und ähn­liche Dinge, die seit den ersten Jugendeindrucken in unserer Seele unzertrennlich mit dem Festkreis der Weihnacht und der Jahreswende verknüpft sind. Auch recht prosai- chen Dingen, die unserem täglichen Gebrauch dienen, haftet ein Teil jenes Zaubers an,, der von altersher dem Winter als der Jahreszeit eigen ist, tn welcher das wirt­schaftliche Leben, wenigstens in früheren Zeiten zu einem gewissen Stillstand kam und dem Menschen Gelegenheit bot, einmal Einkehr in sich selbst M halten. Der Groß­städter, für den gerade die Winterszeit die hauptsächlichste Periode der Geschäfte ist, merkt freilich wenig davon. Wer aber beispielsweise einmal auf dem Lande oder in kleinen Städten int wuchtigen Federbette eines getafelten und urgroßväterlichen Zimmers liegend tu früher Morgen­stunde den an den Wänden herumhuschenden Lichtern des von der fleißigen Magd lange vor Tagesgrauen ange- zündeten Ofenfeuers zugeschaut hat oder tn ^endlicher Dämmerstunde int patriarchalischen 8cmiiltenkreise auf der Ofenbank gesessen hat, während der alte Pluto schnarchend von seinen Jagderlebnissen träumte und Miezi dazu schnurrend ihm Gesellschaft leistete, wird zugeben, daß auch das rauchende, kohlenfressende Ungetüm in der Zimmerecke seine eigene Poesie besitzt.

Im diesjährigen Winter der erschrecklichen Kohlen­teuerung sind wir freilich wenig geneigt uns solchen dichterischen Gedanken hinzugeben. Aergerlich überschlagen wir die Summe, um welche diesmal das Heizbudget tm Vergleich mit früheren Jahren überschritten werden wird, und sind dabei, in Anbetracht der Launen, die der wärmende Freund nicht selten entwickelt, nicht einmal gewiß, ob er seinen Pflichten getreulich nachkommen wird

Freilich liegt die Schuld, wenn das nicht der Fan ist, nicht immer am Ofen, sondern auch oft am Menschen, der nicht im (taube ist, ihn richtig zu behandeln; denn eine richtige Heizung der Wohnung ist ein Ding, das durchaus nicht so einfach ist, als es aussieht, und bei der Herstellung des künstlichen Klimas in unseren Wohnungen sind immer­hin einige Dinge zu beobachten, damit unsere Zimmer in der kalten Jahreszeit uns auch wirklich einen Aufent­halt Bieten, wie ihn die Rücksicht auf unsere Gesundheit crforbc^t

Der erste Punkt, in dem die meisten Beim Beginn der rauheren Witterung sündigen, ist der, daß fie gewohm lich viel zu spät mit dem Heizen anfangen. Es ist freilich sehr verlockend für die Hausfrau, damit recht spat zu W"