M

rollt und rauscht der Strom der Zeit, Er eilt ins Meer der Ewigkeit;

Hilf mir, o Herr, daß jeder Tag Mich auch dem Himmel nähern mag.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ortmann.

lFortsetzung.)

Achtes Kapitel.

Unter den neuen Gästen, die an diesem Mittag zur Wirtstafel imKönig von Spanien" erschienen, war auch ein auffallend stattlicher Herr mit starkem, schwarzem Knebelbart und kleinen, beweglichen, etwas stechenden Augen. Er war nicht in dem Hotel des Herrn Schwan- flügel abgestiegen, aber es unterlag trotzdem keinem Zweifel, daß er ein Fremder war; denn er beantwortete eine gelegentliche Bemerkung seines Tischnachbarn mit einer höflichen Entschuldigung wegen seiner Unbeholfen­heit in sehr schlechtem, gebrochenem Deutsch, und ver­ständigte sich, bei der Weinbestellung mit dem Oberkellner in französischer Sprache. In geringer Entfernung von ihm, aber auf der anderen Seite der Tafel, saßen Rudolf Sandory und Franz Eschenbach, der seit der plötzlichen Abreise der beiden Schauspielerinnen den frei gewordenen Platz der Frau Pollnitz eingenommen hatte. Zu einem festen Entschluß bezüglich der Villa, die er sich in Walden- berg kaufen wollte, schien der schüchterne Hamburger Pri­vatgelehrte noch immer nicht gekommen zu sein, wohl aber hatte er sich nach dem denkwürdigen Kostümfest noch enger als zuvor an Sandory angeschlossen, der sich die Freundschaft des wunderlichen, naiv neugierigen Menschen halb gelangweilt und halb belustigt gefallen ließ.

Der neue Ankömmling mit dem Knebelbarte, dessen imposante Erscheinung freilich nicht leicht zu übersehen war, hatte gleich bei seinem Eintritt die Aufmerksamkeit Sandorys auf sich! gezogen.

Kennen Sie den Mann da drüben?" fragte er seinen Nachbar.Er muß erst heute angekommen sein, ich habe ihn noch nicht gesehen."

Herr Franz Eschenbach folgte mit den Augen der Richtung, die eine Kopfbewegung Sandorys angedeutet hatte.

..Meinen Sie den Schwarzbärtigen?" erwiderte er gleichgiltig. ),Nein, idji kenne ihn nicht. Aber vielleicht O es der französische Weinreisende, von dem ich Herrn

Schwanflügel im Vorbeigehen mit dem Oberkellner sprechen hörte."

So? Er sieht eigentlich nicht aus wie ein Franzose."

Der unbeholfene Hamburger lächelte.Ihren Scharf­blick rn Ehren, Herr Sandory, aber daß man den Leuten ihre Nationalität immer vom Gesicht ablesen kann, glaube ich denn doch, nicht."

Nun, was gilt die Wette, daß der da drüben, trotz ferner schwarzen Augen und seines Zwickelbartes, kein Romane, sondern ein Slawe ist? Ich halte zehn gegen erns, daß er einen stockrussischen Namen führt."

Ich, bin sonst kein Freund von Wetten, aber Spaßes halber können wir's ja 'mal versuchen. Eine Flasche Rotwein, wenn es Ihnen recht ist."

Ja, vorausgesetzt natürlich, daß der Gewinner die Marke bestimmen kann. Fritz, kommen Sie doch einmal her!"

Aber der Kellner vermochte die gewünschte Auskunft nrcht zu geben. Der neue Gast war ihm ebenfalls voll­ständig unbekannt.

Er wohnt nicht bei uns. Herr Schwanflügel hält rhn für einen Italiener; aber der Oberkellner behauptet, es wäre unzweifelhaft ein Franzose."

So müssen wir den Austrag unserer Wette wohl verschieben", meinte Sandory,bis uns jemand zuver­lässige Auskunft geben kann, oder bis ich Gelegenheit gehabt habe, mich mit dem Manne bekannt zu machen. Eine Flasche Mouton Rothschild aber dürfte Sie der Spaß wohl kosten, mein lieber Herr Eschenbach."

Dann sprachen sie von anderen Dingen, und der naive Privatgelehrte bemerkte es in seiner Unbefangen­heit gewiß nicht, daß die Blicke seines Tischnachbarn wäh­rend des Gespräches immer wieder forschend zu dem breitschulterigen Unbekannten hinüberflogen, der doch seinerseits von den beiden Herren an der anderen Seite des Tisches nicht im mindesten Notiz zu nehmen Men.

Als man sich nach! beendeter Mahlzeit zum Aufbruch anschickte, wandte sich Eschenbach in seiner bescheidenen, fast zaghaften Weise an Sandory:Wenn Sie über den heutigen Abend noch nicht verfügt haben, möchte ich Sie wohl bitten, mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft zu schenken. Ich habe in der Königstraße eine allerliebste kleine Weinstube entdeckt, wo sich's sehr behaglich plaudern lassen muß. Und es ist so langweilig für mich, die Abende immer ganz mutterseelenallein hinzubringen."

Sandory bedachte sich, einen Augenblick, dann sagte er zu.Aber Sie müssen mir die Kneipe etwas näher bezeichnen, damit ich! am Abend nicht erst genötigt bin, lange danach zu suchen."

Den Namen des Inhabers habe ich. leider vergessen. Aber Sie können gar nicht fehl gehen; denn die Wein-