Ausgabe 
9.12.1900
 
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ginnen und das hierbei Ersparte für andere Zwecke zu verwenden. Aber wenn die Quecksilbersäule im Thermo­meter am Fenster immer tiefer sinkt und die Mauern unserer Häuser beträchtlich auskühlen, sinkt unmerklich, über unaufhaltsam auch die Temperatur in unseren Zim­mern, und eines Tages erklären alle einstimmig, daß es hundekalt und nicht mehr zum Aushalten sei. Dann wer­den freilich Kohlen und Briketts und dergleichen in Menge verfeuert; aber Erkältung und Schnupfen sind bereits da und erst nach längerem Heizen wird endlich wieder eine menschliche Temperatur erzielt, bei der es sich behaglich lebt. Die Hausfrau und Töchter des Hauses, falls sie felbstthätig in die Hauswirtschaft mit eingreifen, werden unter kalten Zimmern weniger leiden, weil sie sich durch das Hin- und Hergehen und durch eine leichte, aber immer­hin die Muskulatur in Bewegung setzende Arbeit leichter warm halten. Der Hausherr jedoch, der vielleicht stunden­lang vom Schreibtisch nicht fortkommt, und die schulpflich­tigen Kinder, welche ihre Schulaufgaben zu erledigen haben, werden ihren Pflichten besser Genüge leisten, wenn sie sich in angemessen warmen Räumen aufhalten.

Wenn beim ersten Einheizen brenzliche Düfte und Rauchwolken als Brandopfer das Zimmer füllen, wird ebenfalls die Schuld daran meistens am Wohnungsinhaber und seinen Leuten liegen. Denn nachdem der Ofen sechs bis sieben Monate hindurch bereitwilligst seine Pflicht und Schuldigkeit gethan hat, kümmern wir uns um ihn, der seine Gedärme mit einem schweren Ballast von schwarzem Ruß gefüllt hat, in der Regel nicht weiter und verabsäumen es meistens, ihn rechtzeitig putzen zu lassen. Allerdings ist die gründliche Reinigung der Oefen ein unangenehmes Ding; denn der umherfliegende Ruß verdirbt der Haus­frau ihre Gardinen und Portieren, ihre Decken und mühe­vollen Häkelarbeiten und zwingt schließlich, zu einer Allgemeinreinemacherei. Da dieser aber doch nicht ausge- Echichen werden kann, ist es viel zweckmäßiger, sie und die Ofenreinigung zu einer Zeit vorzunehmen, wo noch die Tage länger und warm genug sind, um alles in Be­quemlichkeit und bei geöffneten Fenstern vorzunehmen.

Beim Reinigen des Ofeninnern möge man übrigens auch nie vergessen, das obere Dach des Ofens, an welches im Sommer wohl nur selten gedacht wird, gründlich vom Staube zu befreien; denn dieser ist, wenn er erhitzt wird, die Hauptquelle jenes schon erwähnten brenzlichen Geruches, der sich wie ein scharfes Gas auf unsere Lungen legt, zum Husten reizt und den chronischen Katarrh erregt, der vielfach ganz mit Unrecht den ungünstigen Witterungs- Verhältnissen im Freien zur Last gefegt wird. Viel ärger als bei aus Kacheln zusammengesetzten Zimmeröfen, die nie so übermäßig heiß werden, ist die Belästigung durch den verbrannten Staub bei allen Arten von Zentral­heizung, weil auf den metallenen Wärmvorrichtungen der­selben sich eine bedeutend höhere Temperatur entwickelt, und auch das glühende Metall an sich schon einen Geruch entwickelt, den nicht jede Nase aus gleiche Stufe mit den Rosendüften aus Schiras" Fluren stellst

Selbstverständlich müssen auch alle Fugen und Ritzen des Ofens derartig mit Lehm oder anderen Bindemitteln verstrichen sein, daß ein Herausdringen schlecht riechender oder schädigender Verbrennungsgase aus dem Ofen ins Zimmer ein Ding der Unmöglichkeit ist. Bei den ele­ganten porzellanenen Oefen ist letztere Gefahr sehr gering, ' weil sie derart genau gesetzt sind, daß die kaum Millimeter breiten Fugen überhaupt selten undicht werden. Viel größere Achtsamkeit ist aber in dieser Beziehung bei äl­teren, nachlässig gebauten Oefen geboten, aus deren klaffen­den Ritzen meist große Mengen fchädlicher Gase in den Luftraum des Zimmers übertreten. Während sich nun beim Brennen von Kohlen, die viel organische Beimengen und daneben noch freien Schwefel und Phosphor enthalten, die Anwesenheit dieser giftigen Luftarten dem Gerüche sehr bemerkbar macht, werden die besten Sorten Kohle dadurch gefährlich, daß sich nur reines Kohlenoxyd und ^Dioxyd entwickeln, die beide ebenfalls in hohem Grade giftig sind mnd sich durch ihre Geruchlosigkeit der Wahr­nehmung entziehen, sodaß es oft erst dem Arzte, der bei Anzeichen längeren Unwohlseins und Uebelkeiten gerufen wird, nach eingehender Untersuchung gelingt, eine Kohlen- fäurevergiftung als der eigentlichen Krankheitsursache «ruf

die Spur zu kommen. Je'reiner die Kohlen sind, die irr einem Haushalte gebrannt werden, um so strenger müssen auch die Oefen auf ihren tadellosen Zustand beaufsichtigst werden.

Am wichtigsten ist aber für die Hygiene des Einheizens die ausgiebige Lüftung der Räume und das Maßhalterr in der Temperierung derselben. Leute, die im Winter ungern die Fenster öffnen, berufen sich mit Vorliebe auf eine von der theoretischen Wissenschaft ausgesprochene Thatsache, daß im Winter ohnehin auch ohne ausgiebiges Oeffnen der Fenster ein gründlicher Luftwechsel stattfinde, da die zum Verbrennen des Heizmaterials erforderlichen, großen Luftmengen durch die Zuglöcher der Zimmerluft, entnommen und durch von außen nachströmende frische Lust ersetzt werden. Dies ist aber nur zum Teil wahr. Zum Verbrennen von einem Kilo Kohle sind in der That etwa 16 bis 18 Kubikmeter Luft erforderlich, und wen» man einen Ofen mit 4 bis 5 Kilo Steinkohle täglich heizt, so wären danach etwa 80 bis 90 Kubikmeter Luft, also der Luftinhalt eines Zimmers von mittlerer Größe erforder­lich, sodaß eigentlich eine völlige Erneuerung der Zimmer- luft eingetreten wäre. Wenn bei strenger Kälte tüchtig geheizt wird, findet ein derartiger Eintritt frischer Außen­luft nun auch in der That statt; sobald es sich aber um geringere Temperaturunterschiede handelt, sinkt dieUeber- leitung der Luft durch die Mauern und Fensterritzen; es wird an und für sich weniger Luft zum Verbrennungs­prozeß verbraucht, und diese Ergänzungsluft sucht sich ihren Zutritt in noch höherem Maße als es auch bei strengerer Kälte der Fall ist, durch die Thürritzen von den Fenster» und Gängen her oder dringt aus den tiefer gelegenen Stockwerken durch die meistens mit Schutt und anderen Stoffen von zweifelhafter Reinlichkeit gefüllten Doppel­böden, sodaß überhaupt nur ein geringer Teil frischer Außenluft ins Zimmer tritt. Es kann daher nicht oft genug wiederholt werden, daß es eine Sünde gegen die Gesundheit ist, wenn aus Sparsamkeitsrücksichten nicht auch! im strengsten Winter mindestens einmal täglich gründlich und hier und da noch einige Male auf eine oder zwei Minuten das Zimmer gelüftet wird. Wer andauernd int Zimmer sitzt, stumpft seine Riechorgane schnell gegen der­artige verdorbene Luft ab; wer jedoch mit Halbwegs em­pfindlicher Nase begabt aus dem Freien hereintritt, wird sofort den maukigen und muffigen Geruch bemerken, der in einem schlecht gelüfteten Zimmer herrschst.

Eine Norm für die Zimmertemperatur anzugeben, ist nicht ganz leicht. Jüngere Leute, die eine rege Wärme-- produktion besitzen, kommen natürlich mit einer geringere» Zimmerwärme aus, als ältere Leute, die leicht zum Frösteln neigen, besonders wenn sie von schwachem Körper sind und nur geringe Mengen von Nahrungsmitteln zu sich zu nehmen pflegen. Die übliche Vorschrift, die Zimmer­wärme auf 15 Grad Reaumur zu bringen, entspricht nur dem Durchschnittsbedürfnis, und es kann daher, je nach den Lebensbedingungen des Einzelnen, hiervon sowohl nach oben wie nach unten um 23 Grad abgewichen werden. Immerhin müssen aber 1218 Grad so ziemlich als dir äußersten Temperaturgrenzen bezeichnet werden.

Leute, die oft den ganzen Winter hindurch ihre Wohn­ungen kaum verlassen, wundern sich, daß sie trotzdem fast ebenso häufig von Katarrhen befallen werden, wie die, welche regelmäßig ihre Geschäftswege oder Spaziergänge ins Freie machen. Der Grund hiervon ist die meist über­große Trockenheit der Zimmerluft int Winter. Kalte Lust vermag nämlich nur sehr viel weniger Wasserdampf auf­gelöst zu halten; die Folge davon ist, daß eine Luft, die bei Null Grad und! weniger im Freien den genügende» Feuchtigkeitsgrad besitzt, um von den Lungen als angenehm empfunden zu werden, bei einer Zimmerwärme von 15 bis 16 Grad Reaumur überaus trocken erscheint und in Verbindung mit dem ausgedorrten Staube den Kehlkopf und die Luftröhren samt ihren Verästelungen reizt, bis sich Entzündung derselben, also echter Bronchialkatarrh' einstellt.

Diesem Uebelstande wird in der einfachsten Weise da­durch vorgebeugt, daß man ein großes flaches Gefäß, z. B. den Untersatz eines großen Blumentopfes, mit Wasser ge­füllt, auf den Ofen stellt, wobei man seine Wunder er­leben wird, welche Mengen Wasser täglich verdunsten.