begab sich schließlich nach einem Hinteren Raum, Mo ich! ein zweites Lager ober das Kontor vermutete. Vielleicht wollte er auch seinen Chef herbeirufen, um ihn zu veranlassen, mich zu bedienen. In demselben Moment fuhr eine elegante Equipage vor, in welcher ein vornehmer Herr von etwa 40 Jahren, eine mit Pariser Chic gekleidete Dame, anscheinend seine Frau, und ein allerliebstes kleines Mädchen saßen. Da es sehr heiß war, hatte ich meinen Hut abgelegt und auf einem Stuhl Platz genommen, nm mich ein wenig auszuruhen.
„Kommen Sie sofort her und öffnen Sie mir den Wagen!" rief der Herr. Ich war ganz starr; einer solchen Grobheit war ich bei einem Franzosen noch nicht begegnet. Sein Knebelbart gab ihm ein militärisches Aussehen, aber deshalb hatte er noch keine Veranlassung, mich als seinen Rekruten zu betrachten. Ich nahm gar keine Notiz von ihm und rauchte ruhig meine Cigarette. Ich! glaubte, er würde nun erkennen, daß ich nicht der Eigentümer des Ladens sei. Aber im nächsten Moment sprang er 'aus dem Wagen und fragte im schroffsten Tone: „Weshalb kommen Sie nicht? Haben Sie es nicht mehr nötig, Ihre Kunden zu bedienen?"
„Nein, ich habe es nicht nötig. Sie zu bedienen", entgegnete ich ihm, indem ich mir Mühe gab, ebenso grob und aufgeregt zu erscheinen, wie er es war.
„Na, das ist ja eine nette Art, Geschäfte zu machen!" schrie er, indem er ganz dicht, an den Ladentisch! herantrat.
Erst jetzt bemerkte ich daß er auf einem Fuß ein wenig lahmte.
„Weshalb haben Sie mir nicht heute den schwarzen Rock geliefert, den ich bestellt hatte?"
„Gar nichts haben Sie mir bestellt. Ich erinnere mich! überhaupt nicht. Sie jemals gesehen zu haben."
„Ha, Sie sind mir ein reizender Geschäftsmann! Ick habe den Rock bei Ihrem Commis bestellt, und das ist wohl dasselbe. Uebrigens steht es doch wohl im Bestellbuch!"
„Beruhigen Sie sich, mein Herr! Ich habe weder einen Commis, noch ein Bestellbuch. Und id} schere mich den Teufel was um ihre Aufträge."
Auch jetzt sah er nicht, in welchem Irrtum!er befangen war; er wurde feuerrot und hätte mich am liebsten in Stücke zerrissen. Schon war er im Begriffe, den Laden zu verlassen, da plötzlich bemerke ich,, daß sich draußen der Wagen in Bewegung setzte; das Pferd war unruhig geworden und begann mit der Equipage davonzulaufen. Ehe sich der zornige Herr vor Schreck noch fassen konnte, jagte ich hinaus, faßte das Pferd mit schnellem Griff beim Zügel und riß es zurück. Ich hatte das Glück, Frau und Tochter des liebenswürdigen Herrn aus einer großen Gefahr zu erretten. Sie waren ganz bleich, erschöpft und einer Ohnmacht nahe. Ich brachte sie nach dem Laden, welchen inzwischen der Kaufmann wieder betreten hatte. Herr Grobian wußte nicht wie ihm geschah. Als man ihn umständlich über seinen Irrtum aufgeklärt hatte, bat er imich jedoch hundertfach! um Verzeihung und versicherte mir seine ewige Freundschaft für den großen Dienst, den ich! ihm geleistet.
Ich mußte in seinem Wagen Platz nehmen und fuhr nun in der angenehmsten Gesellschaft nach dem Boulevard des Italiens, um den fälligen Betrag von der Bank zu erheben. Man begleitete mich ohne weitere Umstände. Dann gingen wir hinüber nach dem Cafee Riche, wo wir unter heiterem Plaudern den Hellen Nachmittag verbrachten. Erst hier erfolgte die Vorstellung. Herr von Lalle- ment war pensionierter Offizier, der bei einem Manöver einen Unfall erlitten hatte, und nun mit seiner kleinen Familie von einer sehr auskömmlichen Rente lebte. Er verbrachte mit dieser die heiteren Monate des Jahres auf Reisen und hatte, wie ich, Köln und den Rhein besucht; das gab einen unerschöpflichen Gesprächsstoff. Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, das köstliche Lied „Sie sollen ihn nicht haben" mit trotziger Stimme dem Herrn Offizier vorzudeklamieren. Er lächelte verbinblich reichte mir die Hand über den Tisch hinweg und erklärte: „Ich! habe es nicht anders verdient — für meine Grobheit. Dem Feinde gegenüber soll man besonders artig sein. Aber lassen Sie uns das jetzt vergessen, wo die Nationen -auf dem Marsfeld ihr großes Völkerfest feiern."
Gegen Abend fuhren wir zusammen nach der Ausstellung, um im Pavillon Bleu unser Diner einzunehmen. Ein Glas Wein hatte auch bie Damen zu fröhlichem Plau- bern angeregt, unb als wir uns schließlich gegen 10 Uhr trennten, ba „Baby" — so nannten sie scherzweise die Tochter — zu Bett gebracht werben mußte, ba hatte ich bas angenehme Bewußtsein, nie zuvor in ber Gesellschaft eines Grobians so schöne Stunben verlebt zu. haben.
Gefärbte Konserven.
Nachdruck verboten.
Das Publikum will betrogen sein und betrügt sich selbst. Diesen Satz könnte man eigentlich an den Kopf jedes Artikels setzen, der von den Nahrungsmitteln handelt. Die Polizei warnt so häufig vor gefälschten Nahrungsmitteln, und das ist sehr anerkennenswert; aber im Grunde könnte die Polizei etwas Besseres thun und zur Aufklärung des Publikums beitragen, das gerade an die Fabrikanten die unglaublichsten Forderungen stellt. Ein wichtiges Kapitel spielen die Färbungen der Nahrungsmittel. Das Publikum will, daß Fleisch und Wurst in jedem Falle prächtig rot fei, Bisquits sollen schön gelb erscheinen, als wenn sie aus lauter Eidotter beständen, und die konservierten Schoten, Bohnen und Gurken sollen ein so srisches Grün zeigen, als wären sie soeben frisch gepflückt worden. In vielen Fällen kann man den thörichteu Wünschen des Publikums, das alles nach der Farbe beurteilen möchte, Rechnung tragen, indem man ganz unschädliche Färbemittel verwendet. Ist es aber wirklich unbillig, Konserven von Früchten und Gemüsen mit natürlichen Farben zu verlangen, da diese doch Naturgemäß durch die angewandten Konservierungsmittel verwandelt werden! Ist es da nicht ganz richtig, zu sagen, daß nur das Publikum sich selbst betrügt?
Am schlimmsten steht es mit dem Grünfärben der Früchte-und Gemüsekonserven. Diese Grünfärbung ist nur durch künstliche Färbung zu erlangen, und am günstigsten durch giftige Kupfersalze. Es ist allerdings richtig, daß die Kupferverbmdungen lange nicht so gefährlich- sinb, wie diejenigen des Bleies, aber sie können doch auch sehr schwere Gesundheitsstörungen Hervorrufen, die schließlich auch noch den ganzen Organismus zu gefährden vermögen. In Deutschland ist die Verwendung dieser Kupfer salze glücklicherweise durch Gesetz untersagt, aber aus dem Auslande kommen in großer Menge gefärbte Konserven, bie zum Teil recht schübliche Bestanbteile enthalten. Man kann nicht jebe Flasche unb jebe Büchse polizeilich überwachen, vielmehr muß bas Publikum selbst so vernünftig sein, und ben ungefärbten Konserven den Vorzug geben. Kleinere Mengen von Kupfer kann allerdings nur der Chemiker nachweisen: int allgemeinen ist es aber auch dem Laien nicht schwer, zu ermitteln, ob Kupfer in ben Speisen enthalten sei. Ein blank geputztes Messer, bas von allen fettigen Stossen sorgfältig befreit sein muß, wird in bie Speisen hineingesteckt, und wenn diese Kupfer enthalten, so wird sich die eiserne oder stählerne Klinge sehr bald mit einer dünnen roten Kupfer schicht überziehen. Es giebt dann noch ein anderes untrügliches Mittel, das 'von erfahrenen Fachleuten empfohlen wird. Durch das Oehr einer sorgfältig gereinigten Nabel führt man einen feinen Platindraht, toinbet denselben einige Male um den Kopf ber Nadel unb biegt ben übrigen Draht so, daß er zur Nabel parallel liegt. Man erhält so ein kleines galvanisches Element, bas man in bie Speise steckt. Enthält biese Kupfer, so lagert sich basselbe auf ber Nabel ab, und zwar in einer stärkeren Schicht, als auf der breiten Messerklinge. Dieses Erkennungsmittel dient auch zur Ermittelung kleinerer Kupfermengen.
" Vielleicht wird mancher, der ein solches Experiment versucht, von feiner Begeisterung für die grünen Konserven des Auslandes etwas zurückkommen und den heimischen Obst- und Fruchtkonserven ben Vorzug geben. Hb.
Der Garten im Oktober.
Nachdruck verboten.
Der Winter kommt. Gruselnd denken wir an die 1 langen Abende, an die kalten unb rauhen Tage, und mit-


