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Ein kleines Abenteuer.
Von Fred Hood.
Nachdruck »erboten.
Als Zeitungs-Korrespondent in Paris beschäftigt, erhielt ich eines Tages den schnöden Mammon in Form eines Checks; ich machte mich sofort auf den Weg, um den Betrag in dem Bankhause zu erheben. Zufällig kam ich an einer Garderobenhandlung vorbei, und es fiel mir em, daß es ganz zweckmäßig sei, für die heißen Tage einen leichten Rock zu kaufen. Es war ein vornehmes Geschäft, aber die Preise, nach den Auszeichnungen zu schließen, nicht eben zu hoch, und so trat ich idenn in den Laden ein. Der Commis fand nicht sogleich, was ich! wünschte, und
zwar, daß mir der Assessor Neumeister seine Kundschaft aufkündigt —" ,
Der Himmel bewahre mich davor, Sie einer solchen Gefahr auszusetzen. Lassen Sie den Assessor Neumeister ruhig an seinem beneidenswerten Platze. Ich komme ohnedies nicht an die Table d'hote, wenigstens heute noch nicht. Man mag mir um fünf Uhr ein gutes Diner aus meinem Zimmer servieren. — Adieu!"
Er schlug den nämlichen Weg em, den er vorhin gegangen war. Herr Schwanflügel aber wandte sich mit strahlendem Gesicht an seinen Oberkellner: „Jean — em Diner a Part um fünf Uhr! War übrigens eine verwunscyt hübsche Idee von Ihnen, den Mann oben unterm L/ach einzuquartieren! Ich sage Ihnen, das ist wenigstens em verkappter Graf. Verlassen Sie sich darauf — ich habe für sowas den richtigen Blick."
Drittes Kapitel.
Das kleine einfenstrige Arbeitskabinett des Bankiers Franz Norrenberg verriet in seiner Ausstattung durchaus nichts von jenem Reichtum, dessen Herr Schwanslugel als einer unzweifelhaften Thatsache Erwähnung gethan. Es lag gleich den beiden größeren Kontorräumen im Erdgeschoß eines alten, ziemlich unansehnlichen Hauses und empfing von dem engen Hofe ein so dürftiges Licht, daß schon zu früher Nachmittagsstunde die Lampe auf dein Schreibtisch des Bankiers angezündet werden mußte. Zwar hatte es außer der Glasthür, durchs die es mit dem Hauptkontor verbunden wurde, noch einen besonderen Ausgang nach dem Treppenflur; eine Benutzung desselben aber fand beinahe niemals statt, und er wurde deshalb stets sorgfältig verschlossen gehalten.
j Auch die junge Dame, welche sich eben fetzt int Arbeit»- ! zimmer des Bankiers besand, hatte das ganze Geschasts- I lokal passieren müssen, um dahin zu gelangen. Sie war von den Kassierern und Buchhaltern sehr unterwürfig
I gegrüßt worden, und hatte nach- kurzem Anklopfen die Schwelle des Allerheiligsten überschritten, ohne daß eine Anmeldung oder Anfrage nötig gewesen wäre.
Nun saß sie schon seit einer halben Stunde auf dem einfachen, mit grünem Wollstoff überzogenen Sofa und führte mit ihrer etwas dunkel gefärbten Stimme die I Unterhaltung fast ganz allein. Sie mochte wohl zwci- I undzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt sem. ^hre hohe voll entwickelte Gestalt war von bewunderungswürdiger Schönheit der frauenhaft reifen Formen. . Die | schweren braunen Zöpfe, die am Hinterhaupt zu einem I einfachen Knoten aus gesteckt waren, hatten einen meri- I lichen Stich ins Rötliche, und ihr Teint war von jener I zarten, durchsichtigen Weiße, die sich! fast nur bei weiblichen Personen mit dieser Haarfarbe beobachten laßt. Um I so frappierender wirkten die etwas tiefliegenden, aber I auffallend großen mnd ausdrucksvollen dunklen Augen, I die selbst jetzt, in einem Moment scheinbar vollkommener Gemütsruhe, wie in heißem, unruhigem Feuer glühten. Das stark entwickelte Kinn, dessen beinahe männliche Bildung die sonstige Regelmäßigkeit des Antlitzes empfindlich beeinträchtigte, und die gewölbten Lippen gaben tm Verein mit diesen merkwürdigen Augen dem jungen Gesicht einen I Ausdruck von Leidenschaftlichkeit und Energie, der ev, wenn auch nicht zu einem anziehenden, so doch jedenfalls | zu einem sehr interessanten machte.
(Fortsetzung folgt.)
an einer Villa außerhalb der Stadtmauer. Ist das der I nämliche Norrenberg?"
,Aufzuwarten. Ein so reicher Mann kann sich schon I den Luxus eines Hauses an der Esplanade gestatten. Man 1 schätzt ja sein Privatvermögen aus mindestens eine Million."
In diesem Augenblick wurde die nach der Straße führende Glasthür geöffnet, und zwei mit etwas auffälliger Eleganz gekleidete Damen rauschten herein. Man hätte sie aus den ersten Blick wohl sür Schwestern halten I können, aber eine aufmerksamere Betrachtung mußte doch I bald darüber belehren, daß die scheinbare Jugendlichkeit der kleineren und beleibteren von ihnen nur eine I durch allerlei künstliche Hilfsmittelchen erheuchelte war. Der weiße Puder lag dick auf den welkenden Wangen, und die schön geschwungenen schwarzen Augenbrauen I hätten sicherlich ebenso wenig wie die korallenroten Lippen I eine energische Prüfung auf ihre Echtheit vertragen. I Ueberdies waren das schwammige Doppelkinn und em I paar verräterische Runzeln an den Augenwinkeln lewer durch keinen schönheitlichen Kunstgriff zu verbergen sodaß weder die Wunder des Schminktöpfchens noch die Koketterie der an lebhaften Farben überreichen Kleidung der verblühten Schönheit ihren einstigen Zauber hatten zuruck- qeben können. Davon, daß diese Schönheit einst wirklich vorhanden gewesen war, zeugten indessen noch manche unverwischten Spuren im Antlitz der korpulenten Dame. | Und wenn das junge Mädchen an ihrer Seite — wie I gewisse charakteristische Aehnlichkeiten vermuten keßen - ihre Tochter war, so durfte man es der Mutter wohl glauben, daß auch sie vor Zeiten ein Gegenstand der I Bewunderung für das stärkere Geschlecht gewesen war. I Denn die großen dunklen Augen der höchstens Achtzehnjährigen, ihr feines Näschen und die schön gewölbten Lippen, die gewiß keiner nachhelfenden Färbung bedurft I hatten, gaben ihrem Gesicht einen bestrickenden Reiz.
Herr Schwanflügel hatte beim Anblick der beiden I Damen sofort wieder jene herablassende Haltung ange- I nommen, in der ihn Sanbort) vor zwei Stunden kennen gelernt hatte. Als ihn die ältere beim Eintritt m das Speisezimmer mit holdem Lächeln grüßte, nicht ohne gleich- I zeitig einen scharf prüfenden Blick auf den eleganten Fremden zu werfen, neigte er nur kaum merklich sem Haupt. Der Schwarzbärtige aber lüftete sehr artig feinen $Ut’gn jener nachlässigen Art, die seiner Unterhaltung mit dem Hotelwirt von vornherein eigentümlich gewesen war, toarf Scmdory hin: „In dieser ausgezeichneten Stadt giebt es also auch ein Theater?"
Herr Schwanflügel lächelte und erlaubte sich, vertraulich mit den Augen zu zwinkerm
Sie sind, wie es scheint, em Menschenkenner, mein | Herr' Uebrigeus hat unsere Bühne einen bedeutenden künstlerischen Ruf- Sie sollten nicht versäumen, die Vorstellungen zu besuchen. Wenn Sie gestatten, lasse ich ^hnen gleich sür heute abend einen der besten Platze —"
„Es waren Mutter und Tochter — nicht wahr? Vermutlich die Anstandsdame und die sentimentale Liebhaberin des erlesenen Künstlerpersonals." .
„Vollständig getroffen. Man steht, daß Sie sich auf diese Dinge verstehen, Herr Sandory! — Frau Bertha Pollnitz und ihre Tochter Elli - unser Stern Ah Sie müßten sie spielen sehen — die Kleine, meine ich. Selbst meine Frau, die sonst nicht für folche Geschichten ist, hat dicke Thräuen geweint, als sie neulich die Waise von Lowood —" „ , .... , . „„
„Und die Damen speisen regelmäßig bei Ihnen?
Allerdings! Aber wenn man es nicht aus Interesse für die Kunst thäte - Sie verstehen mich wohl, Herr Sandory! Man muß öfter ein Auge zudrucken, was das Bezahlen anbetrisfi. Mein Gott, bei der knappen Gage und den großen Bedürfnissen für die Toilette
Der Fremde hatte gemächlich feinen Handschuh wieder angezogen und wandte sich zum Gehen, ohne das Ende der vertraulichen Mitteilung abzuwarten. Herr Schwanflügel trippelte unterwürfig hinter ihm her.
„Uebrigens — wenn Sie gestatten, lasse ich ^hnen Ihr Gedeck neben Fräulein Elli auflegen. Ich riskiere


