(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Reinhold O r t m a n n.
(Fortsetzung.)
Dieser aber zeigte sich durch die ungnädige Abfertigung keineswegs zerknirscht. Ohne einen Moment die Augen von der reizenden Gestalt zu verwenden, die da so anmutig vor ihm herschritt, folgte er ihr durch das spitzbogige Stadtthor und die engen Straßen mit dem Lächeln eines Menschen, der mit sich selber oder mit dem Geschick ganz ausnehmend zufrieden ist. Es war, als ob sie seinen beharrlichen Blick zu fühlen vermöchte und dadurch, allgemach um all' ihre Unbefangenheit gebracht würde. Mit glühenden Wangen und niedergeschlagenen Augen strebte sie immer hastiger vorwärts. Sie wagte es ersichtlich nicht einmal, den Kopf nur um ein geringes nach^ rechts oder links zu drehen, und fo geschah es, daß sie einigemal von Borübergehenden höflich. gegrüßt wurde, ohne es auch nur zu bemerken.
Vor einem stattlichen alten Hause, das sich dereinst einer der angesehensten Waldenberger Patrizier erbaut haben mochte, blieb sie endlich stehen. Ihr Atem ging rasch, und etwas, kindlich Trotziges war in der schnellen Bewegung, mit der sie nach kurzem Kampfe den Kopf zurückwandte.
„Wenn Sie in die nächste Seitenstraße zur Linken einbiegen, sehen Sie den Marktplatz vor sich", sagte sie sehr laut, als sie inne geworden war, daß der Fremde sich noch immer hinter ihr besaust „Sie können den Weg jetzt nicht mehr verfehlen."
Dann flog sie die ausgetretenen Steinstufen empor und zog mit Ungestüm an dem blanken Messinggriff der Thürglocke. Der Schwarzbärtige grüßte höflich, alg! er unten vorüberging, aber wie flüchtig auch scheinbar seine verschleierten Augen dabei über sie hinwegglitten, sie hatten doch den abermaligen Wechsel der Farbe auf ihrem Gesicht ebenso deutlich gesehen, als . die Inschrift auf dem iveißen Porzellanschild neben dem Glockenzug, darauf in klaren Buchstaben zu lesen stand: „Dr. Hermann Ruthardt, praktischer Arzt".
Ein paar Sekunden später hatte sich der altertümlich geschnitzte Thorflügel hinter seiner schönen jungen Führerin geschlossen. —
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age nicht immer, was du sagst.
Herr Schwanflügel dienerte wieder sehr unterwürfig, als sein eleganter Gast das Haus betrat. Der Fremde aber weißt; aber wisse immer, was du kam seiner unzweifelhaft beabsichtigten Anrede zuvor.
Claudius. ._ „Ich möchte nicht, daß man mich noch einmal auf meinem Zimmer mit dem Fremdenbuche belästigt", sagte er. „Geben Sie das Ding her, damit ich mich auf der Stelle einschreiben kann."
Während .der Oberkellner dienstbeflissen herzu eilte, streifte er lässig bett rechten Handschuh ab, und Herr Schwanflügel sah an dem kleinen Finger seiner aristokratisch geformten Hand einen haselnußgroßen Brillanten blitzen. Mit einer Verbeugung, die noch tiefer war, als alle früheren, nötigte er den so schnöde verkannten Gast an das Schreibpult des Pförtners.
Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn Sie vorhin gestört wurden, mein Herr — nur eine Ungeschicklichkeit des Oberkellners. Die Eintragung hat ja gar keine Eile, zumal ich hoffentlich das Vergnügen haben werde. Sie längere Zeit bei wir zu beherbergen."
Dabei schielte er sehr angelegentlich über den Arm des Schreibenden hinweg in das Buch Die starken und energischen Schriftzüge des Fremden machten es ihm verhältnismäßig leicht, seine Wißbegierde zu befriedigen, und er las: „Rudolf Sandory aus Odessa."
Die Rubrik, welche für die Angabe des Standes oder Berufes dienen sollte, war unausgefüllt geblieben, und für Herrn Schwanflügel ergab sich daraus die Gewißheit: ein reicher Privatier, der zu seinem Vergnügen reist. In gebeugter Haltung stand er ehrerbietig da, während der andere den Federhalter wieder auf das Schreibzeug warf und sich leicht über die Fingerspitzen blies.
„Längere Zeit? — Wohl kaum! Die Aussicht auf Ihren Hof ist zwar ausnehmend hübsch, aber ich fürchte doch, daß es ihr auf die Dauer ein wenig an der wünschenswerten Abwechslung mangeln könnte."
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung — : es war eine llngeschicklichkeit des Oberkellners. Er hatte mir nicht gemeldet, daß gerade heute früh ein Salon mit Schlafkabinett im ersten Stockwerk freigeworden ist. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis werde icfy sogleich Ihr Gepäck —"
Sandory unterbrach ihn durch eine kürz abwehrende Handbewegung.
„Später vielleicht! Jedenfalls wünsche ich, daß meine Effekten von niemand augerührt werden, es sei denn auf meinen ausdrücklichen Befehl. — Und eine Frage! Es giebt hier am Platze einen Bankier Franz Norrenberg?" „Zu dienen, Herr Sandory! Ein Bankhaus von ausgezeichnetem Rufe. Ich kann es Ihnen mit gutem Gewissen empfehlen."
„Ich las die Firma im Vorübergehen an einem Hause der Hauptstraße, aber ich fand denselben Namen auch


