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Richtung vorwärts, wo er sie vermuten mußte. Er war ein rüstiger Läufer und kannte jeden Baum in der Umgebung von Lasdehnen. So vermochte er trotz der beträchtlichen Entfernung das Totendorf zu erreichen, lange bevor Elisabeth es aus ihrem Heimwege berührte. Darüber hinaus aber wagte er sich nicht; denn jenseits der weiten Lichtung hörten alle gebahnten Pfade aus, und wenn sich seine tollkühne Base wirklich dort drüben befand, so hätte ihm doch nur der Wahnwitz den Gedanken eingeben können, in der weglosen Wildnis ihre Spuren zu suchen. Und er bedurfte dessen auch nicht; denn sie konnte bei ihrer Rückkehr nach Lasdehnen kaum eine andere Richtung nehmen als die über das Totendorf. Kam sie nicht innerhalb der nächsten Stunde hier vorüber, so hatte er sich eben in seiner Vermutung über den Ort des Stelldicheins betrogen, und mußte sich zu der Erkenntnis bequemen, durch eigenes Ungeschick um einen seiner besten Triumphe gebracht worden zu sein.
Nun aber, da sie erhitzt und erschöpft auf schweiß- bedecktem Pferde so nahe an seinem Versteck vorüber gesprengt war, daß er deutlich jeden Zug in ihrem schönen Gesichte hatte erkennen können, nun sühlte er sich überreich belohnt für alle Mühsal, mit der er die unschätzbare Gewißheit hatte erkaufen müssen. Die Zuversicht des nahe bevorstehenden Sieges ließ ihn selbst die eifersüchtige Pein, die er im ersten Moment bei Elisabeths Anblick empfunden hatte, bald wieder vergessen.
Gemächlich, ohne jede Ueberstürzung, schlug auch er nun den Heimweg ein, und als er aus dem Walde heraustrat, blinkten ihm chon ferne in den Strahlen der eben aufgegangenen Sonne die Helme der Möllen- dorf'schen Kürassiere entgegen.
„Ihr hättet früher aufstehen müssen, wenn Ihr den Listen eines verliebten Weibes zuvorkommen wolltet", dachte er geringschätzig. „Aber reitet nur zu, dem aufgeblasenen, jungen Burschen, der die ganze Sache tote eine lustige Jagdpartie ansieht, kann die Lektion wahrhaftig nichts schaden".
Er haßte den Leutnant von Kapnist, seitdem er gesehen, wie geflissentlich der junge Offizier seiner Base gestern den Hof gemacht hatte, und jetzt, da es der Vernichtung des Majors nicht mehr bedurfte, um ihn an das Ziel Leiner Wünsche zu bringen, empfand er eine wirkliche Schadenfreude bei der Vorstellung, daß bte Kürassiere das Nest leer finden würden. Wenn Kapmst, mit dem Fluch der Lächerlichkeit beladen, nach Lasdehnen zurückkehrte, würde diesem Leutnant schon bte Lust vergehen, sich bett Damen gegenüber als helben- haften Schwerenöter aufzuspieleri, unb er würbe in ber Beschämung über seine winbigen Prahlereien wahrscheinlich eiligst barauf bedacht sein, seine weiteren krteger- ischen Operationen von einem anberen Stanbquartier aus zu unternehmen. t
Aber es war burchaus ntcht nottg, dass bte Solbaten ihn hier auf ihrem Wege fanben, unb sich müßige Ge- banken über bte weit ausgedehnten Morgenspaziergänge des Gutsverwalters boit Lasdehnen machten. Im Schutze des Waldes, der ihn ihren Blicken entzog, schlug Franz, statt die Richtung nach dem Herrenhause festzuhalten, den Weg nach dem Vorwerk ein, wo auf Elisabeths Befehl seit mehreren Tagen ein großer Holzbau in Angriff genommen worden war, von dem außer ihr niemand wußte, welcher Bestimmung er eigentlich dienen sollte. Auch Franz hatte sich bisher'vergebens darüber den Kopf zerbrochen, jetzt aber, während er hinüberging, um das Fortschireiten der Arbeiten zu beaufsichtigen, war er durchaus nicht mehr aufgelegt, unmutig über ihren verborgenen Zweck zu grübeln. Seiner unumstößlichen Neberzeugung nach war ja die Stunde nahe genug, da die junge Herrin von Lasdehnen nicht mehr wagen durfte, irgend welche Geheimnisse vor ihm zu haben. v
Bis zum Abend des folgenden Tages jrelltch bot sich ihm noch keine Gelegenheit, die Auseinandersetzung herbeizuführen, die mit einem Schlage seine ganze Zu- llmft umgestalten und ihm die gebührende Stellung auf Lasdehnen verschaffen sollte. Er erfuhr von Frau von Menzelius, daß Elisabeth nach einem wohl allzu früh unternommenen Morgenritt von einem Anfall des in jener Gegend nicht eben seltenen Sumpffiebers heim gesucht
worden sei, und daß sie auf ihre dringenden Vorstellungen Yin eingewilligt habe, das Bett vorläufig nicht zu verlasset!. Die Möllendorf'schen Kürassiere aber waren zur Nacht nicht nach Lasdehnen zurückgekehrt, was jedenfalls als ein sicherer Beweis dafür angesehen werden konnte, daß sie den erhofften glänzenden Sieg über die Marodeure noch nicht davongetragen hatten. Alles auf dem Gute ging seinen gewohnten, ruhigen Gang, und die Dienstleute fanden, daß ber verhaßte und gefürchtete Verwalter niemals wohlgelaunter unb gnäbiger gewesen sei, als in biesen zwei Tagen.
(Fortsetzung folgt.)
Em trostloses Schicksal.
Novelette von Helene Lang-Anton.
Nachdruck verboten.
Assessor Mölldners waren auf ber Hochzeitsreise, sie hatten ein Seebab gewählt; stein Luxusbad, sonbern eine kleine Insel, die uugerechterweise bei vielen als langweilig verschrieen ist, deren Eigenart und Schönheit jedoch niemand vergißt, der sich ein empfängliches Herz für die Natur bewahrt hat.
Gerade ersteres bestimmte das junge Paar zu threr Wahl; sie wollten keine Zerstreuung, keine Abwechselung, sie wollten sich nur allein genießen.
„Heute wollen wir segeln, Maus."
Ost schon hatte er diesen Wunsch ausgesprochen, war aber auf entschiedenen Widerstand bei ihr gestoßen; sie fürchtete sich, wollte ihre Furchtsamkeit aber nicht ein- gestehen, sondern behauptete, es mache ihr kein Vergnügen. Der junge Ehemann hatte sie durchschaut, und als sie eines Tages wieder verneinend auf die Frage geantwortet hatte, sagte er: .
„Ja, mein Lieb, da bleibt mir nichts anderes nbrtg, als allein zu fahren, Du erwartest mich wohl hier." •
Nach diesen Worten erhob er sich und ließ sie bei ihrer Schokolade sitzen. Sprachlos vor Erstaunen ließ ste den Löffel fallen. Er «ging, ging wirklich ohne sie. Wenn ihm nun etwas passierte? Wenn er ertrank? ohne sie! 9iein, das durfte nicht sein, da mußte sie mit, mit ihm zu sterben wäre nicht so schrecklich, als ohne ihn weiter zu leben. Heroisch ließ sie Schokolade und Kuchen im Stich und ging ihrem Manne nach. Er unterhandelte schon mit einem der bärtigen Gesellen, als sie leise seinen Arm berührte und ihm zuflüsterte: „Mit jenem Fischer, ber dort an dem Holzpfahl lehnt, will ich fahren." Er wandte sich lächelnd zu ihr -und spielte ben Ueberraschten: „Ah, ba bist Du ja!" unb setzte schnell, als er ihre Verlegenheit bemerkte, hinzu: „Warum gerabe mit biesem Mann, mein Liebling?"
„Er hat so schöne Augen."
„Sapperlot, guckst Du jetzt schon nach ben schönen Augen anderer Männer", neckte er und musterte den von ihr bezeichneten Fischer; schön fand er die Augen nun gerade nicht, aber es waren ein paar schwermütige Augen, an welchen man nicht gleichgiltig vorübergeht. Er trat an den Manu heran.
„Wollt Ihr mit uns segeln?"
„Tanke, Herr, ich habe kein Boot."
„Ich miete eins."
„Glaube nicht, daß es jemand hergiebt, es ist jetzt viel zu thun."
Er sagte dies mit müder, schleppender Stimme, ohne seine Stellung zu verändern.
Schon wollte ihn Mölldner stehen lassen, als die junge Frau abermals flüsterte:
„Ich fahre nur mit diesem Fischer!"
Was war da zu machen. ,
Bald war auch für Geld und gute Worte ein Boot gefunden, unb sie fuhren ans Meer hinaus.
Sie versuchten ein Gespräch mit beut schweigsamen Mann anzuknüpfen, nur widerwillig staub er Rebe. Am liebsten staub er still unb starrte mit seinen traurigen Augen träumerisch in bte bewegte Flut. Der Wind war stark genug, das Segel zu treiben, er hatte nicht nötig zu rudern. Bald überließen ihn Mölldners seinem Brüten und beschäftigten sich miteinander, eine Beschäftigung, die


