Ausgabe 
9.9.1900
 
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llzeit fröhlich ist gefährlich;

Allzeit traurig ist beschwerlich;

Allzeit glücklich ist betrüglich; Eins um's and're ist vergnüglich.

Nicht zu wenig, nicht zu viel, Die Mitte ist das beste Ziel.

Altdeutsch.

Sprichwort.

(Nachdruck verboten.)

Geächtet. ,

Roman von Lothar Bren kendors.

(Fortsetzung.)

Fünfzehntes Kapitel.

So schnell, als es die erschöpften Kräfte des treuen Tieres nur immer zuließen, war Elisabeth in der ersten fahlen Morgendämmerung durch das Totendorf gejagt. Sie durfte nicht mehr hoffen, daß ihre Abwesenheit daheim unbemerkt bleiben würde; denn ihre Leute, die nach ländlichem Brauch mit dem ersten Hahnenschrei auf- stauden, waren sicherlich schon auf den Beinen, bevor sie Lasdehnen erreicht hatte. Aber es geschah keineswegs zum ersten Male, daß sie früher als die Tagelöhner draußen auf dem Felde war, und niemand würde in ihrem Morgen­ritt etwas Auffälliges finden, wenn sie es nur vermeiden konnte, den Soldaten gerade auf diesem Wege za begegnen. Darum mutzte der arme Braune den ganzen Rest seiner Leistungsfähigkeit daransetzen, noch vor Sonnenaufgang den Waldrand zu getoinnen, und wie in instinktivem Ver­ständnis der Lage "gehorchte er willig dem Verlangen der Herrin, obwohl seine Flanken keuchend flogen,, und seine Haut trotz der empfindlichen Morgenkühle mit Schweiß bedeckt war.

..Nichts hatte sich zwischen den grausigen Trümmern der zerstörten menschlichen Wohnstätte geregt, als Elisabeth im schärfsten Galopp das Totenfeld passierte. Wenige Minuten später aber, als die rückschauende Reiterin auf dem schwarzen Schpttfelde keine Einzelheiten mehr hätte erkennen können, lösten sich aus einem stehen gebliebenen Mauerwinkel die Umrisse einer menschlichen Gestalt.

Mit haßverzerrtem Antlitz blickte Hans von der Röck- nitz der gegen den Wald hin verschwindenden Reiterin nach und mit zischenden Lauten klang es zwischen seinen fest zusammen gepreßten Zähnen hervor:Ich hab's also richtig erraten sie hat ihn gewarnt! Nun halte ich Dich, Du Hochmütige, nun ist es endlich an der Zeit, daß wir unsere Rollen tauschen".

Er reckte die halb erstarrten Glieder, denn er hatte schon geraume Zeit in der scharfen Morgenluft hinter seinem schützenden Versteck gelauert, ehe seine Ausdauer belohnt worden war, und immer unmutiger hatte er gefürchtet, sich diesmal auf einer falschen Fährte zu be­finden; waren doch die Dinge weit anders verlaufen, als. er. es gewünscht und voraus berechnet hatte. Seitdem sich Elisabeth am Nachmittag den Schlüssel zu. der Mauer­pforte hatte geben lassen, war er nicht mehr im Zweifel gewesen, daß sie das Schloß noch vor den Kürassieren zu verlassen beabsichtige, um den Major zu warnen. Aber er hatte es nicht für möglich gehalten, daß sie die Kühnheit haben könnte, sich bis in den weit ent­fernten Schlupfwinkel der geächteten Schar zu begebem Irgendwo in der Nähe des Herrenhauses, so meinte er, werde sie auf vorherige Abrede mit Sixtus zusammen­treffen; denn es galt ihm nach seinen Beobachtungen für ausgemacht, daß sie einen ständigen, geheimen Ver­kehr mit dem ehemaligen Offizier unterhalte. Und auf diese Vermutung hatte er seinen Plan gebaut.

Er wollte sich in der Nähe jener Mauerpforte auf die Lauer legen, wollte der Ahnungslosen nachschleichen und ihr Thun belauschen, um sie durch die Mitwissen­schaft ihres gefährlichen, hochverräterischen Treibens endlich unter seine. Gewalt zu zwingen. Wahrscheinlich hätte er sich's nicht verdrießen lassen, die ganze Nacht seinem wichtigen Vorhaben zu opfern, wenn nicht der Ausbruch des furchtbaren Unwetters ihn unter das schützende Dach zurückgescheucht hätte. Daß sie sich bei Donner und Blitz, bei Sturm und Regen mutterseelen­allein in die Nacht hinaus wagen könnte, dünkte ihm trotz aller bisherigen Beweise ihres geradezu männlichen Mutes denn doch ganz undenkbar, und er war auf das äußerste betroffen gewesen, als er nach dem Auf­hören des Gewitters die Pforte unverschlossen und bei weiterem Nächforschen den Stand von Elisabeths Leib­pferd leer gefunden hatte. War auch der Verdacht, auf den er alle seine Hoffnungen gesetzt hatte, durch diese Entdeckung zur zweifellosen Gewißheit geworden, so sah er sich doch nun der Möglichkeit beraubt, Elisabeths Zusam­menkunft mit dem Major zu belauschen. Und gerade davon hatte er sich einen Triumph versprochen, der die stolze Herrin von Lasdehnen noch heute für immer in seine Hände geben sollte. Aber die Erkenntnis dieses verlorenen Vorteils hielt ihn nicht ab, ihre Verfolgung wenigstens zu versuchen.

Ein Pferd durfte er uicht satteln; denn es war ja vielleicht notwendig, sich bei einer Begegnung ihrer Aufmerksamkeit zu entziehen. Er verließ also, in seinen Mantel gehüllt, den Hof zu Fuß auf demselben Wege, den Elisabeth eingeschlagen hatte, nnd wanderte, vom Mondschein begünstigt, mit langen Schritten in der