Ausgabe 
9.8.1900
 
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Flucht nun nimmer an den Tag kommen könnte. Wer in aller Welt hat ihn denn Verraten?"

Er bezichtigte sich selbst- als unser Haus Polizeilich durchsucht werden sollte und als mein Vater im Begriff stand, die Beamten in mein Zimmer zu führen, wo sie unfehlbar den von Dir zurückgelasseneu Mantel gefunden hätten. Um mich zu retten, gab er seine eigene Zukunft preis; denn er wurde auf sein Geständnis hin ver­haftet und vor ein Kriegsgericht gestellt".

Fürwahr, eine ivackere That! Nein, das wußte ich nicht! Welche Strafe aber konnte man über ihn ver­hangen ?"

Seine Richter waren ihm wohl gesinnt. Sie schenkten ihm Glauben, daß er nicht einem gemeinen Ver­brecher habe forthelfen wollen, sondern einem Unglücklichen, der in der Notwehr zum Degen gegriffen. Und es kam ihm zu statten, daß der Franzose nicht, wie man erst ge­fürchtet hatte, seiner Verletzung erlag. Das Urteil lautete auf zweijährige Festungshaft, ohne daß ihm sein Offiziers­rang aberkannt worden wäre. Der König aber bestätigte den Spruch des Kriegsgerichts nicht. Die zwei Jahre Festung wurden Herrn von Plothow auf dem Gnadenwege erlassen; dafür aber traf ihn das härteste, das dem heldenmütigen Mann überhaupt widerfahren konnte, er wurde mit schlichtem Abschied entlassen. Seine militärische -Laufbahn war zu Ende, seine Hoffnungen waren zerstört, fein Dasein, das so glänzend und verheißungsvoll be­gonnen, war vernichtet. Ich bin gewiß, daß an dem Tage, wo ihm des KönigsGnade" verkündet wurde, kein Mensch auf Erden elender war, als er".

Elisabeth brach ab, denn sie »fühlte, daß ihre Be­wegung sie im nächsten Augenblick überwältigen würde, und sie wollte die unter dem Messer der Erinnerung von neuem blutende Wunde ihres Herzens nicht vor diesem .Zuhörer offenbaren.

(Fortsetzung folgt.)

Vom Monat August.

Augast 1900.

Nachdruck verboten.

Unter der Einwirkung der Ernte erfahren die Markt­produkte teilweise eine Steigerung der Preise, durch die wegen Zeitmangels knappere Zufuhr auf die Märkte. Auch die Flußfischerei wird auf Kosten der Ernte zurück- gestellt, da die ländlichen Gelegenheitssisch^er gegenwärtig Lohnenderen Verdienst in der Erntearbeit finden. Stark ist der Großhandel mit seinem Tranport in Eisverpackung oder dem Lebendversand in feuchtem Moos, um den Be­darf in Stadt und Land zu decken. Durch den Versand frischer Fische in eigenen dazu eingerichteten Eisenbahn­wagen ist zur Genugthuung aller Fischsteunde die Ursache mancher Verlegenheit und Verdrusses aus dem Wege ge­räumt. Bekanntlich hat die Verzweiflung über das Aus­bleiben eines Transportes frischer Seefische den ersten Küchenchef Ludwig XIV. int Jahre 1674 ins eigene Küchen­messer getrieben, ein Beweis, welchen kulinarischen Wert die Fische damals schon hatten. Die großen Fischhand­lungen bieten fast alle Fischarten in reichster Auswahl, Süßwasserfische wie auch Seefische. Sehr schmackhaft sind jetzt in ihrer Hochsaison die frischen Heringe. Auf der Speisenkarte florieren die Krebse, dieselben sind im letzten Monat ohneR" am besten und in jeder Größe verhält­nismäßig billig zu haben. Am billigsten ist der galizische Krebs, ein vornehmer Tafelpatrizier aber bleibt der Fluß^ krebs. Im 17. Jahrhundert man die Krebse noch roh mit Essig, Oel, Pfeffer und Salz. Dieselben sind jedoch in jeder Zubereitung eine stets beliebte, höchst wohl­schmeckende Speise, und Krebse a la bordelaise, Krebswürst- chen mit Blumenkohl, die leckeren Krebssuppen u. a. m. sind hochfein; aber auch für die einfachere Küche ist z. B. Krebs mit Reis, gewürzt mit -Currypulver, ein leichtes und sehr schmackhaftes Gericht. Eine Anzahl schöner nicht Zu kleiner. Krebse werden gekocht; nach dem Erkalten löst man das Fleisch aus der Schale und schneidet es in schräge Scheiben. Hierauf hackt man zwei Zwiebeln sehr fein, schwitzt sie in Butter weich, -überstreut sie mit einem Kaffee­löffel Mehl und einem knappen Kaffeelöffel Currypulver, gießt ein Viertel Liter Brühe aus 5 Gramm Liebigs Fleisch-

Extrakt hinzu, verrührt dieses über dem Feuer, bis es femig ist, legt das Krebssleisch hinein, dämpft es noch ein wenig, preßt vor dem Anrichten noch den Saft einer halben Citrone hinein, fchüttet das Curry auf eine erwärmte Schüssel und umgiebt dieses mit einem Reisrand.

Auf dem Wildmarkt ist Reh knapper, und die Preise infolge dessen höher, größer ist die Zufuhr von Hirsch Da bei der Hitze die Wildvorräte ip kurzer Zeit demhaut gout" verfallen, wird die spärliche Zufuhr nicht allzu sehr beklagt. Nebenbei bemerkt, betrachtet die -gastronomische Wissenschaft die Vorliebe fürhaut gout", welches auch für die Krankenkost nicht paßt, als eine Geschmacksver­irrung. Ende August tritt für den Feinschmecker das sehn- lichst erwartete Ereignis, der Beginn der Jagd auf Reb­huhn, des seit den ältesten Zeiten hochgeschätzten Wildes, ein. Auf den Gütern Karls des Großen war das Rebhuhn neben dem Pfau und dem Fasan ein Ziervogel. In der Grafschaft Dettingen in Bayern wurde es noch 1313 als Fürstenwild, also zur höchsten Jagd gehörig, betrachtet. Es soll sich- der besonderen Anerkennung gekrönter Häupter rühmen. Ferdinand I. schmeckte es heraus, ob das Wild auf der Jagd erlegt oder nach mehrtägiger Gefangenschaft getötet war. Friedrich Wilhelm I. von Preußen nannte soviel Kenntnis sein eigen, daß er die Heimat des Wildes, ob Preußen, die Mark oder Cleve, fast augenblicklich nach dem Geschmack erkannte; die preußischen galten ihm für die besten. Das junge Rebhuhn ist in jeder Zubereitung schmackhaft und leicht verdaulich, besonders zu empfehlen für die Krankenkost. Im August geben die jungen Tier­chen die köstliche Rebhuhnkükensuppe, das glänzendste Ein­gangsgericht für ein großes Gastmahl. Alte Hühner finden noch- als Haschee, Suppen re. Verwendung, auch! ist folgen­des Rezept für geschjwungene Rebhühner sehr zu empfehlen. Man teilt dazu die Rebhühner, löst die Brust ab und häutet sie sorgfältig. Der obere kleine Kugelknochen bleibt darin, wird aber kurz gehauen. Brust und Keulen werden nun in eine große flache Kasserolle, -in geklärte, zerlassene Butter gelegt, nachdem sie mit Pfeffer und Salz bestreut und mit Citronensaft (beträufelt worden find. In dieser Marinade müssen die Rebhühner gut drei Stunden liegen. Bon den Flügeln und anderen Abgängen wird eine Sauce gekocht, 10 Gramm Liebigs Fleisch--Extrakt beigefügt, mit etwas Mehl weiß einpassiert und kurz vor dem Anrichten mit 34 Eiern abgezogen. Die Hühner werden aus starkem Feuer 56 Minuten hin und her geschwungen, bis sie von beiden Seiten gar sind; nachdem die Sauce darüber ge­gossen, werden sie noch einmal durchgeschwungen. Stehen darf das Gericht gar nicht.

Gut gediehen ist junges Geflügel, dessen Tisch von den Ernteabfällen jetzt gut versorgt wird, halten aber hart­näckig fest am hohen Preise.

Die Natur produziert jetzt an Garten- und Feldfrüch­ten mehr als der Markt verbrauchen kann, das Gemüse ist wohlfeil.

Starke Mohrrüben und Kohlrabi sind billig, gute Schoten und Blumenkohl halten Preise, ebenso großblätt­riger Spinat. Ae Gurken bereiten sich allmählich- für die Alleinherrschaft vor und beanspruchen bereits einen bedeu­tenden Platz auf dem Markte. Die Einlege- oder Ein- sanerzeit steht auf dem Höhepunkt. Ae wenigen Arti- schoken, die wir sahen, sind für den bürgerlichen Haus­halt ohne Bedeutung, unsere Hausfrauen gehen meist ackft- los an der Dornendistel vorbei, während dieselbe im süd­lichen Europa einen Teil des Jahres einen Platz in der Volksernährung einnimmt, wie im Norden die Kartoffel. Der Handel mit Kohl beginnt; in großen Mengen ist Rot- und Weißkohl vorhanden, ebenso die gelblichen Köpfe des Wirsing ober Welschkohl, der zu Gemüsen feiner ist als der Weißkohl, namentlich in Begleitung einer geschmorten Ente oder eines gedämpften Rebhuhns. Eine angenehme Abwechselung bietet der jetzt zarte Wirsing gefüllt. Recht feste Heine Köpfe werden von den äußeren Blättern be­freit, in zwei Hälften geteilt, jede Hälfte ausgehöhlt, mit Kalbfleischsarce gefüllt, mit einem Kohlblatt bedeckt und mit starkem Zwirn fest umwickelt. Dann schwitzt man ge­hackte Petersilie in gutem Fett ober Butter, legt bie Köpfe hinein, gießt ein Viertel Liter kräftige Brühe aus 5 Gramm Liebigs Fleisch-Extrakt barüber unb dünstet sie mit Satz und Pfeffer weich Indes macht man etwas Butterem-