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beth den Besuch eines unbekannten Mannes zu melden, der sie in wichtiger Angelegenheit unter vier Augen zu sprechen begehre.
„Wenn er seinen Namen nicht genannt hat, darf er auch nicht erwarten, daß ich ihn allein empfange", entschied das junge Mädchen mit jener ruhigen Bestimmtheit, die all ihren Worten und Handlungen eigentümlich war. „Sage ihm das, Sophie, und wenn er auch dann noch! aus Einlaß besteht, so führe ihn hier herein."
Ein paar Minuten verstrichen, während deren namentlich die wißbegierige Charlotte ihre Hellen Augen mit großer Spannung auf die Thür gerichtet hielt. Dann trat der geheimnisvolle Fremde über die Schwelle.
Er war von großer, hagerer Gestalt und nach Art eines Mannes aus dem kleinen Bürgerstande, eines Handwerkers oder bescheidenen Kaufmannes gekleidet. Ein rötlicher Bart umgab, der Sitte der Zeit entgegen, sein bleiches, eingefallenes Gesicht, und eine schwarzseidene Binde zog sich schräg über die Stirn und das rechte Auge hin. —
„Ich bitte JhroGnadeu Unterthänigst Um! Verzeihung", sagte er nach tiefer Verbeugung mit leiser, fast klangloser Stimme, „aber eine Mitteilung, die ich dem gnädigen Fräulein nur ohne Zeugen machen darf —"
Seit dem Moment seines Eintrittes hatte ihn Elisabeth mit großen Augen unverwandt betrachtet; nun wandte sie sich, ohne das Ende seiner Rede abzuwarten, plötzlich an ihre junge Freundin: „Laß uns allein, Charlotte! Ich möchte mit diesem Manne reden."
Die Kleine schmiegte sich an sie und flüsterte ihr ins Ohr: „Er sieht so unheimlich aus, Elisabeth — willst Du mich nicht hoch lieber bei Dir behalten?"
Aber eine verneinende Gebärde bedeutete sie, zu gehorchen, und zögernd ging sie hinaus.
Sobald Elisabeth mit dem Fremden allein war, trat sie in sichtlicher Erregung auf ihn zu. „Täuschen mich meine Augen nicht? Du bist es, Franz? —* Du wagst es, zurückzukehren?"
„Ja, ich bins — Dein armer Vetter Franz von der Räcknitz — oder, wie die Welt mich seit sieben Jahren nennt, der Handelsmann Peter Wülfing. — Und ich preise mich glücklich!, Elisabeth, daß ich Dich nach langem Suchen endlich gefunden."
Er streckte ihr seine Hand entgegen, doch sie reichte ihm die ihrige nicht. Wie die Starrheit eines schönen Statuenantlitzes lag es auf ihrem Gesicht.
„Was gab Dir ein Recht, mich zu suchen? Wie durftest Du mir noch einmal unter die Augen treten, nachdem Du das Glück meines Lebens zerstört hast?"
Bestürzt hatte er den erhobenen Arm sinken lassen. Schmerz und Zerknirschung schienen sich in seinen verwüsteten Zügen zu malen.
„Das Glück Deines Lebens?" wiederholte er leise. „Dessen, bei Gott, bin ich! mir nicht bewußt, und solchen Empfanges war ich nicht gewärtig. Du bist mir dereinst eine großmütige Retterin gewesen, Elisabeth, ohne Deine Hilfe wäre ich längst im Zuchthause verdorben. Nicht einen Augenblick habe ich seit jenem Tage ausgehört. Dir zu danken, und all mein Sehnen war nur darauf gerichtet, Dir auch durch! die That noch diese unauslöschliche Dankbarkeit zu beweisen. Da kannst Du noch fragen, was mir «ein Recht gab. Dich! zu suchen?"
„Last das!" wehrte sie mit einer gebieterischen Handbewegung ab. „Ich begehre Deine Dankbarkeit nicht, und Du konntest mir keinen besseren Dienst erweisen, als wenn Du Dich auf ewig von mir fern hieltest. Ich! habe es wahrlich teuer genug bezahlen müssen, daß ich Deinen lügnerischen Worten einmal Glauben geschenkt."
„Du weisest mich von Dir? Freilich, ich! habe nicht daran gedacht, daß Du inzwischen zu stolz und zu vornehm geworden sein könntest, um dem Ausgestoßenen anders als mit Abscheu und Verachtung zu begegnen."
„Wenn Du ein Ausgestoßener bist, Franz, ziemt es Dir dann, Dich darüber zu beklagen? Haben Deine Handlungen Besseres verdient als Abscheu und Verachtung?"
Wie ein tückischen Wutblitz flammte es in dem unverhüllten Auge des Mannes aus, doch schon in der nämlichen Sekunde senkte er wieder demütig das Haupt.
„Du richtest streng, Elisabeth! Von Dir zuerst hatte ich Vergebung erhofft für meine That, an der meine unüberlegte Jugend und schändliche Verführung ungleich größeren Anteil hatten als die Schlechtigkeit meines Herzens."
>,Darüber mit Dir zu rechten, ist meines Amtes nicht. Du magst der Vorsehung auf den Knieen danken, daß sie Dich nicht zum Mörder werden ließ, aber Du darfst nicht Dir selbst ein Verdienst daran zurechnen. Fast ein Wunder war es zu nennen, daß jener Unglückliche damals mit dem Leben davon kam."
„Ich weiß es, und ich; habe seine Rettung niemals anders als wie eine Gnade des Himmels betrachtet. Meine Schuld war groß, unermeßlich! groß, doch! unermeßlich habe ich auch! dafür gebüßt. Das Leben, das ich seit sieben Jahren in aller Herren Ländern geführt, war schlechter als das Leben des verworfensten Vagabunden, mühseliger und grausamer als das Leben eines räudigen Hundes, den man mit Fußtritten noch aus der schmutzigsten Zufluchtsstätte aufjagt, in die er sich! verkrochen. Es giebt keine Entbehrung, die ich! nicht erlitten, keine Qual, die ich nscht ausgekostet hätte! Mein Dasein war ein beständiges, langsames Verschmachten, ein ins unendliche verlängertes Sterben. Und das alles — alles soll noch nicht genug sein, die sträfliche Verirrung eines unreifen Knaben zu sühnen?"
Stockend und in gebrochenen Lauten wie aus einer todwunden Brust kamen die Worte über seine Lippen. Dem erschütternden Eindruck einer furchtbaren Wahrhaftigkeit, den sie dadurch erhielten, vermochte auch! Elisabeth sich nicht ganz zu entziehen.
„Es ist nicht allein jene Verirrung, Franz, die uns trennt", sagte sie in milderem Tone. „Die Wunde des französischen Komödianten ist geheilt, und die Huldbeweise des Königs mögen ihn für die erlittenen Schmerzen entschädigt haben. Ein anderes, tausendmal kostbareres Dasein aber, das Dasein des edelsten, hochherzigsten Mannes hast Du auf dem Gewissen, und nie, nie kann ictji Dir verzeihen, daß Du mich zu Deiner Mitschuldigen gemacht hast an diesem Verbrechen."
Franz von der Räcknitz schüttelte den Kopf. „Ich« verstehe Dich, nicht, Elisabeth! So wahr ich auf ein gnädiges Urteil hoffe am Tage des Jüngsten Gerichts, von jener Schuld weiß ich! nichts."
„So hast Du nicht erfahren, was aus Deinem heldenmütigen Retter geworden?"
„Aus dem Leutnant von Plothow? Nichts sonst, als daß man mir einmal erzählte, er habe sich im letzten Feldzug rühmlich hervorgethan."
Elisabeths Augen öffneten sich weit. „Wer hat Dir das erzählt? Sprich schnell! O, wenn Du die Wahrheit sagtest, ich wollte Dir alles, alles von Herzen vergeben !"
„Wer es mir erzählte? — Hab' nur einen Augenblick Geduld, ich werde mich! gleich! darauf besinnen. Ja so, es war allerdings eine etwas unsichere Quelle. Ein heruntergekommener Deserteur, mit dem ich einmal in einer Scheune übernachtete, erzählte mir so allerlei von den Schlachten, in denen er mitgekämpft haben wollte — Wahres und Falsches; und es mag sein, daß des Falschen mehr darin war als des Wahrhaftigen. Da war dann auch beiläufig von einem Herrn von Plothow die Rede, der Wunder der Tapferkeit gethan habe. Und ich meinte, daß es der nämliche Offizier sein müsse, dessen Uniform mir das Leben gerettet".
Das hoffnungsvolle Leuchten in Elisabeths Augen war schön wieder erloschen
„Der Deserteur hat gelogen oder es gab noch einen anderen Plothow in der Armee. Der Leutnant, der Dich! gerettet, wurde schon wenige Wochen nach Deiner Flucht aus den Listen der preußischen Offiziere gestrichen".
„Um meinetwillen? Es wurde also entdeckt, daß er mir Beistand geleistet?"
„Ja. Hättest Du davon in Wahrheit bis heute nichts gewußt?"
„Nicht das geringste, Elisabeth! Seiner Weisung gemäß hatte ich die Uniform vergraben, als ttij1 ihrer nicht mehr bedurfte, und ich meinte, daß seine Teilnahme bei meiner


