319
nicht vergessen, daß der Zucker immer so kostspielig war daß er in der umfassendsten Weise mit andern wertlosen Pulvern vermischt wurde, die das Produkt nicht schmackhafter machten. Aber von dem Geschmack ganz abgesehen waren btefe Zuckerwaren auch wirklich schädlich. (Ls war nichts seltenes, daß Kinder, welche überzuckerte Mandeln genossen hatten, erkrankten. Der „Zucker" bestand nämlich aus nrchts anderem als Alba Terra, dem gerade genügend Zucker beigefügt war, um etwas süß zu schmecken. Aber das war noch! nicht das schlimmste; die Mandeln waren auch noch mit einer schädlichen Mineralfarbe schön glänzend gefärbt. Sicher ist, daß Süßigkeiten auch heut, zu reichlich genossen, dem Magen schaden; aber wenn ängstliche Mütter in ganz übertriebener Weise vor dem Genuß von Süßigkeiten warnen, so stehen sie sicher noch unter dem Einfluß ihrer Großmütter, welche allerdings die Schädlichkeit gewisser Süßigkeiten noch, am eigenen Leibe erprobt haben mögen.
Das ist jetzt anders geworden; im allgemeinen darf man sagen, daß die deutschen Zuckerwaren heute keinerlei schädliche Zuthaten enthalten, so verschieden sie auch an Qualität sind. Der Zucker ist. mit der Zeit so billig geworden, daß auch sehr gute Bonbons und Konfekts zu wohlfeilen Preisen erzeugt werden können. Die Verfälschung ist nicht mehr ganz so einträglich wie früher, und wenn sie auch noch in ziemlich umfassender Weise betrieben wird, so begnügt man sich doch mit ganz harmlosen Beimischungen. Es giebt allerdings ängstliche Gemüter, die da meinen, daß das bischen Ultramarin, mit welchem der Zucker bisweilen, um ihm einen klaren lichten Ton zu verleihen, leicht bläulich gefärbt wird, ihnen schaden könne. Diese Leute können aber ganz beruhigt sein; wenn jemand einen 'ganzen Zuckerhut auf einmal verspeiste, so könnte er sich noch keine Ultramarinvergiftung zuziehen — geschweige denn beim Genuß einiger Stückchen Zucker. Der Farbzusatz ist äußerst minimal.
Die kleinen Zuckerbäckereien haben heute im allgemeinen den großen Fabriken den Platz geräumt. An die Stelle des primitiven Geräts sind Drehpfannen und Dampfheizapparate, Schlag-, Knet- und Mischmaschinen, Apparate zum Mahlen, <pchneiden und Schaben der Rohprodukte, Maschinen zum Ausrollen der Blätter und Ausschlagen der Formen, Apparate zum Zerquetschen des Eises, zum Schneeschlagen und zur Verrichtung von fünfzig anderen Funktionen, von denen der Beschauer garnicht einmal weiß, welchen Zwecken sie dienen, die aber doch wohl erforderlich, sind, da der Zuckerbäcker und Konfitürenfabrikant doch, auch, seine Leute und Maschinen nicht zu seinem Privatvergnügen unterhalten dürfte. Allerdings darf ich! nicht verschweigen, daß immer noch die teuersten Konfekts mit der Hand bereitet werden. Aber das ist doch nur ein ganz kleiner Teil; die große Masse der Handelsware, einschließlich vorzüglicher Qualitäten, werden mit Maschinen hergestellt.
Es giebt heute in allen Kulturstaaten große Zucker- waren-Fabriken, welche nicht allein wegen der Ausdehnung ihrer Anlagen, sondern auch wegen der Mannigfaltigkeit der Fabrikationsprozesse und der wunderbaren exakt arbeitenden Maschinen den Besucher mit größtem Erstaunen erfüllen.
Zur Herstellung von Bonbons wird weißer Zucker, dem bei geringeren Qualitäten Stärkezucker zugesetzt wird, in einer geringen Quantität Wasser und unter Zuführung hinreichender Wärme aufgelöst und dann über freiem Feuer gekocht bis eine ziemlich, klare Masse entsteht, die bei gelinder Abkühlung plastisch wird und bei völligem Erkalten erstarrt. Die dickflüssige Masse wird auf einer Platte von gleichmäßiger Stärke aufgewalzt. Dann fährt wieder eine Metallwalze über diese tafelförmig ausgebreitete Masse, aber diese Walze ist in gewissen Abständen mit kreisrunden Messern besetzt, welche die Platte in lange Streifen schneiden; die Querteilung erfolgt in derselben Weise, sodaß die gleichmäßigen quadratischen Plättchen entstehen, welche wir als Bonbons bezeichnen. Die Färbung der Masse, und der mannigfache Wohlgeschmack wird durch den Zusatz von Fruchtsäften und ätherischen Oeleu erzielt, und es hängt von der Geschicklichkeit des Fabrikanten ab, möglichst
verlockende Mischungen hervorzubringen, um das Publikum zum Kausen anzurerzen.
Bei der Herstellung gefüllter Bonbons wird der Zuckersaft, dem meist Liköre beigemischt werden, nicht so weit eingekocht, wie bei den gewöhnlichen Bonbons. Der Saft muß beim Erkalten derart beschaffen sein, daß eine schnelle und reichliche Krystallisation der Masse erfolgt, ohne daß diese vollständig erstarrt. Inzwischen sind schon die Formen mittelst Metallstempel in eine geebnete Schicht feinen Zuckerpulvers eingedrückt worden, und in die so gebildeten Vertiefungen wird nun der Zuckersaft hineingegossen. Dabei erstarren nun die äußeren Formen sofort zu glasigem Zucker, während die Füllung flüssig bleibt. Den Zucker- richtig einzukochen, ist allerdings eine Kunst, die gelernt sein will; aber der erfahrene Zuckerbäcker sieht es der Masse schon an, wenn sie die richtige Konsistenz erlangt hat.
Eine besonders bevorzugte Klasse unter diesen Süßigkeiten bilden die Fruchtbonbons, welche im Jahre 1850 zuerst von England aus unter dem Namen Drops und Rocks in den Handel gebracht wurden; sie werden aus verschiedenartigen Zuckermassen, unter Zusatz von Fruchtsäften und Essenzen dargestellt. Auf diesem Gebiete sind die englischen Fabrikanten auch! bis heute noch unerreicht geblieben. England importiert alljährlich ungeheure Mengen Zucker aus allen Teilen der Welt und jährlich wandern 50000 Tonnen in die großen Zuckerwarenfabriken des Landes. Aus diesen kommt er wieder in so zahllosen Formen und in so mannigfachen phantastischen Verkleidungen hervor, daß man gar nicht zu sagen weiß, um welche Materie es sich eigentlich) handelt. Das Fabriketablissement einer Aktiengesellschaft in London z. K., welche sich ausschließlich! mit der Herstellung von Bonbons beschäftigt, bedeckt eine Bodenfläche von 10 Morgen und beschäftigt 2000 Leute.
Vielleicht die auffallendsten und merkwürdigsten Vorrichtungen in dieser Fabrik sind die großen Kupferbehälter, in welchen „gebrannte Mandeln" verschiedenster Art hergestellt werden. Dies find riesige Pfannen, die durchs heißen, zwischen ihre Doppelwände eingeblasenen Dampf heiß erhalten werden und sich auf einem Mittelzapfen in merkwürdig schaukelnder Bewegung drehen. Man kann dies am besten veranschaulichen, wenn man den Kopf auf den schultern derart bewegt, daß er einen Kreis beschreibt. — Man wirft die Mandeln, die überzuckert werden sollen, in diese Pfannen und gießt eine bestimmte Quantität Syrup über dieselben. Dann setzt man die Pfanne in Bewegung, und die ganze Masse läuft in beständiger Strömung herum, wobei natürlich der Syrup an den Mandeln in glatter, gleichförmiger Schicht haften bleibt. Jede Mandel erhält so einen Ueberzug, welcher infolge der Hitze der Pfanne trocknet und erhärtet. Hat sich so der ganze Syrup verteilt, so gießt man ein neues Quantum hinein und setzt das Umherrollen und Trocknen fort, bis alles in gleicher Weise aufgebraucht ist. Diese Prozedur wird so lange fortgesetzt, bis die überzogenen Mandeln die gewünschte Größe erreicht haben. Dann kommt ein Ueberzug irgend eines Farbstoffes, der früher gewöhnlich aus Magentakrystallen für alle Schattierungen in Rot, Preußischblau und Pariser Grün bestand, der aber, wie Herr Clarke Saunders, der Herausgeber der Confectioners'Union versichert, jetzt aus durchaus harmlosen Stoffen, wie Cochenille oder Spinatextrakt, besteht. Es ist interessant, diese großen wirbelnden Pfannen zu beobachten, in denen Haufen von „Konfekt" ruhelos in geräuschvollen Strömen herumwirbeln und durch ihre ständige Reibung aneinander die symmetrische Form und die harte glatt polierte Oberfläche der gebrannten Mandeln erlangen.
Als diese Fabrikation noch nach alter Methode betrieben wurde, konnte ein den ganzen Tag schwer arbeitender Mann 50 Pfund Konfekt liefern. Jetzt kann ein erfahrener Arbeiter ein Dutzend dieser Dampfpfannen bedienen, und diese liefern 3 bis 4 Tonnen wöchentlich.
Die Fruchtbonbons fertigt man entweder in der Form cylindrischer Stangen, welche in kürzere scheibenförmige Stücke geschnitten werden (Rocks) oder man giebt ihnen die Gestalt von Himbeeren, Erdbeeren, kleinen Kugeln, Sternch!en u. s. w. (Drops). Die hübschen Zeichnungen auf den Stirnflächen der cylindrischen Fruchtbonbons wer-


