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Mannes Herz zu rühren. Ich wußte nichts, erst als wir Tag und Nacht gereist waren und ich die Türme dieses, Schlosses erblickte, erhielt ich Aufschluß. Ich jubelte ans. Ich hatte einen Großvater, jemand, der mich lieben würde, dem ich von der geliebten Toten sprechen konnte. Ich begriff nicht, warum Brigitte weinte, als wir im Zwielicht die Anhöhe zum Schlosse hinaufgingen; es war so still, wie ausgestorben in dem großen Gebäude, selbst Brigitte's zögerndes Klopfen klang deutlich durch die Stille. Nichts regte sich drinnen hinter der schweren Eischtthür, trotzdem schwacher Lichtschein durch die Spalte drang. Aber nun wurde ein Laut hörbar, es klang wie tiefes qualvolles Stöhnen.
Brigitte griff nach meiner Hand, sie schien umkehreu zu wollen, doch sie faßte sich ein Herz und öffnete leise. Das große, hohe, mit dunklem Holz getäfelte Zimmer, welches wir betraten, war nur notdürftig erleuchtet. Wir bemerkten im ersten Augenblicke nicht den Mann, der in einem Lehnstuhl am Tische saß, das graue Haupt tief in beiden Händen vergraben. Er regte sich nicht, er hatte! unseren Eintritt nicht vernommen. Schlief er? Doch jetzt stöhnte er wieder auf, es klang herzzerreißend durch das stille Genrach. , .
Da hielt ich mich nicht länger, ich riß mich von Brigitte los und flog über den weichen Teppich auf ihn zu. Leise zog ich seine Hände vom Gesicht, sie waren kalt und feuchte
„Großvater", flüsterte ich, „nicht wahr, Du bist doch! mein lieber Großpapa? Warum bist Du so traurig? Weinst Du, weil meine liebe Mutter gestorben ist?"
Er starrte mich an, wie man einen Geist anstarrt, Hans. „Frieda?" murmelte er, „Frieda, kommst Du mich zu trösten?" ;
Ich streichelte seine Hände. „Nicht Frieda, Großpapa! Frieda hieß meine Großmutter. Elfriede heiße ich, Md Elfchen nannte mich Mama".
Er sprang auf und zog mich näher in den Bereich der Hängelampe. „Wer bist Du?" rief er heiser. „Sprich, Kind!"
Ich sah ihn erstaunt an. „Und das weißt Du nicht, und bist doch mein Großvater! Elfriede bin ich, Elfrieds Kraneck, und dort steht ja auch meine Brigitte, die mich! zu Dir gebracht hat".
Er sah auf, er winkte stumm, und die alte Frau trat, an allen Gliedern bebend, näher.
„Es ist Ihrer Tochter einziges Kind, gnädigster Herr Graf" stammelte sie. „Um Gottes Barmherzigkeit willen, verstoßen Sie die arme Waise nicht!"
Er fuhr zusammen wie vom Blitze getroffen. ,Waise!" rief er. „Meine Tochter — tot?"
Brigitte nickte traurig. „Ja, Herr Graf, vor wenigen Wochen starb sie. Ihr letzter Gruß! galt Ihnen".
Mein Großvater stand stumm mit tief gefenktem Haupte; als er aufblickte war sein Gesicht fahl wie das eines Sterbenden. Er schritt zum Nebenzimmer, auf der Schwelle wendete er sich um und winkte Brigitte, ihm zu folgen. Ich hängte mich an ihr Kleid, um alles wäre ich nicht allein in dem fremden düsteren Gemach zurückgeblieben.
Drinnen in dem weiten Raum, welchen wir jetzt betraten, empfing uns heller Kerzenschein. Er kam von zwei hohen, vielarmigen silbernen Kandelabern, welche mitten im Zimmer am Kopfende eines Sarges standen. Aber der Anblick hatte nichts Schreckliches, selbst nicht für mein Kindergemüt. Dort in seinem letzten, reich mit Blumen geschmücktem und mit schwarzem Sammet ausgeschlagenen Ruhebette lag ein Jüngling, schön wie der Schlummergott, von dem Du mir so oft erzählt. Goldblondes lockiges Haar fiel auf eine reine weiße Stirn, das schöne Gesicht mit den tief gesenkten, dichten Wimpern schien zu lächeln, die weißen schmalen Hände lagen gefaltet auf der glänzenden Atlasdecke.
Näher winkte mein Großvater die alte Frau.
„Sie haben ihn gekannt, Brigitte", murmelte er mit dumpfer, erstickter Stimme, „meinen Sohn, meinen Wolf, die Hoffnung, den Stolz meines Lebens — so sehen Sie ihn wieder!"
Und dann plötzlich wie niedergeschmettert fiel er an dem Sarge in bie“ Knie und schlang die Arme um den toten, unter Blumen schlafenden Sohn.
„Mein Kind!" schrie er auf. „Mein Wolf!"
Brigitte schluchzte leise, und ich weinte mit ihr. So vergingen einige Minuten, mein Großvater schien unsere Anwesenheit vergessen zu haben. Plötzlich erhob er sich und trat zu uns.
„Seine Mutter, die ihn hinsiechen sah", sagte er heiser, „konnte ihn verlassen. Von seinem Kraukchibette aus, flüchtete sie nach Nizza, sie mußte sich zerstteuen ihrer Nerven wegen".
Er faßte Brigittes Arm. „Sie hat ihn nie geliebt, Brigitte, und mein Kind, meine Dina, die an ihm hing mehr wie die eigene Mutter, muhte bei Nacht und Nebel entfliehen!"
Er schüttelte den Arm der alten Frau und sah ihr mit wild erregten Augen ins Gesicht.
„Sie mußte, Brigitte, sie mußte! O, ich bin nicht mehr blind, ich bin sehend geworden, hier am Siechbet^ meines KUaben. Da sind die bangen Tage, die langer schlaflosen Nächte; da kommen die Angst, die Sorge, die Verzweiflung, all' die wandernden, unsteten, quälenden Gedanken, und sie alle rütteln an der Binde, welche eigene Thorheit und fremde Schuld um unsere Augen schlang".
Schluß folgt.
Bonbons «nd Konsekte.
Von F r e d H o o d.
Nachdruck verboten.
Die ersten Konfekte, welche vor etwa 500 Jahren auf den Markt gelangten, hatten mit den köstlichen Erzeugnissen, welche heute die Konditoren und Zuckerbäcker bereiten, nichts gemein. Das wird man begreifen, wenn ich hinzusetze, daß sie nur in der Apotheke zu haben waren. Sie wurden aber sehr hoch! geschätzt und standen dementsprechend auch! .sehr hoch int Preise. Bor dieser Zeit huldigten Doktor und Apotheker der Ansicht, ein Medikament, das einen angenehmen Geschmack hätte, könne unmöglich heilkräftig wirken. Von dieser Ansicht ist man mit der Zeit abgekommen, und unsere heutigen Malzbonbons und Brusttaramellen, welche man ebenso gut in Apotheken wie in Konfitürengeschästen erhalten kann, liefern uns den Beweis, daß man auch sehr wohlschmeckenden Dingen eine Heilkraft zuschpeiben kann.
Ob sie diese Heilkraft thatsächlich besitzen, mag dahingestellt bleiben; denn daß auch viele ganz abscheulich schmeckende Tränhchen und Pulver, welche uns in der Apotheke verabreicht werden, nicht immer heilkräftig sind, haben wir alle schon am eigenen Leibe erfahren. Thatsache ist, daß alle Apotheker und Doktoren die Krankheiten noch nicht aus der Welt geschafft haben und daß Medikamente, welche nichts helfen, aber süß und wohlschmeckend sind, sich immer noch einer großen Beliebtheit erfreuen.
Als man jn der Mitte des 15. Jahrhunderts den Saft des Zuckerrohrs einzusieden begann, da verfielen auch! sehr bald die Apotheker darauf, ihre Pasttllen und Mixturen durch Zusatz von Zucker schmackhafter zu machen oder den abscheulichen Geschmack ihrer Mittel zu mildern; sie mischten ihre Droguen und überzogen ihre Pillen mit dem süßen Produkt und wurden so die Schöpfer heilkräftiger Bonbons und Pastillen. Aber damals war das Znckerwerk nur medizinischer Art, und der Zucker auch viel zu kostspielig, als daß jemand Bonbons in irgend welcher Form zu seinem Vergnügen verspeist hätte.
Wohl an 300 Jahre vergingen, ehe sich das Gewerbe der Zuckerbäcker aus dem der Apotheker zu entwickeln und sich von ihm abzuzweigen begann. Aber der Zucker war immer noch zu teuer und zu hoch besteuert, als daß sich daraus eine bedeutende Industrie hätte entwickeln können. Unter diesen Umständen war an eine maschinelle Herstellung nicht zu denken, und in der Thal hat man noch vor hundert Jahren alles Zuckerwerk unter Anwendung des simpelsten Werkzeugs mit der Hand bereitet. Einige Mörser, Rollhölzer, Scheren und ein Kandierkessel äuf einem kleinen Ziegelofen war das ganze Werkzeug, dessen sich die Leute bedienten. Natürlich gelangten ans diesen Werkstätten auch noch, rocht bescheidene Quantitäten auf den Markt, und die Süßigkeiten aller Art waren teuer und schlecht. Man darf


