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und bei dem Preis, den sie uns bezahlen, können sie sich nicht beklagen.
Susanne sah dem Besuch mit Erwartung entgegen, welcher in die Einförmigkeit des Landlebens einige Abwechselung bringen sollte.
Roberts Jagdwagen war noch nicht bezahlt. Das war die eine große Extravaganz, welche sich der alte Farmer seit vielen Jahren erlaubt halte. Wie gewöhnlich hatte ihn die Frau dazu veranlaßt. Robert war erwachsen, und es mußte etwas geschehen, um ein so bedeutsames Ereignis zu feiern. Ein Jagdwagen war der Ehrgeiz aller jungen Leute in der Nachbarschaft, und Robert glaubte, kein Mann sein zu können ohne Jagdwagen. Er strebte noch nicht nach dem Ehestand, sondern gedachte eher, sich noch einige Jahre in angenehmer Weise darauf vorzubereiten. Er hatte seinem Vater versprochen, dafür ein noch größeres Feld zu bearbeiten, und hielt sein Wort, sodaß der schlaue Papa seine Rechnung dabet fand.
Als er abends müde vom Felde kam, fand er den großen Lastwagen, mit Koffern beladen vor der Thüre. Die vordere Hausthüre welche von der Familie selten benutzt wurde, stand offen, ein junges Mädchen erschien und blieb einen Augenblick in Gedanken an die Thür gelehnt stehen. Robert hatte manche ländliche Schönheit, welche seine Schwester besuchte, dort stehen sehen, aber das Mädchen aus der Stadt machte doch einen ganz anderen Eindruck, den er noch nicht recht verstehen konnte. . . .
Der Vater hat recht, sagte er zu sich selbst, das sind zu schöne Vögel für unser Nest! Aber warum sieht sie so betrübt aus? Sie wird uns doch wohl nicht für Barbaren halten?
»Sie gehören wohl zum Haus?" fragte das Mädchen.
Mit einer linkischen Verbeugung erwiderte er etwas kurz: Ja!"
Wahrscheinlich einer der Arbeiter, dachte sie.
„Ich wünschte, daß Sie diese Koffer in unsere Zimmer hinaufdringen. Wir warten'schon eine Weile darauf, und Herr Atword sagte, sein Arbeiter werde das besorgen, wenn er vom Felde hetmkomme."
„Mag sein, aber ich bin nicht sein Arbeiter, erwiderte Robert und ging vorüber."
„Robert, rief seine Mutter von der Küche her, wo ist Jotham?"
„Er treibt die Kühe vom Felde ein."
„Die Damen wollen ihre Koffer haben. Warum könnt Ihr denn nicht etwas früher von der Arbeit kommen?"
„Robert gab keine Antwort und traf gemächlich Vorbereitungen, um seinen äußeren Menschen zu verschönern."
„Höre Robert, rief seine Mutter in scharfem Tone, wenn diese Koffer nicht in zehn Minuten dort sind, wohin sie gehören, so werde ich mit Susanna sie hinauftragen!"
„Nun, so wird es immer sein mit diesem Stadtvolk! Jeder muß springen und rennen, sobald sie ein Wort sagen. Der Vater hat recht, mit unserer Freiheit ist's zu Ende."
„Von diesen Reden habe ich jetzt genug gehört! sagte die Mutter mit Nachdruck. Dein Vater war den ganzen Tag wie ein frostiger Nordostwind, aber jetzt sage ich Euch Mannsvolk, wenn ihr etwas zum Abendessen wollt, so müßt Ihr aufwachen und aushören zu murren.
Diese Worte hatten den gewünschten Erfolg. Die Herrschaft der Frau war anerkannt, und sie verstand es, die geheimnisvollen Triebfedern in Bewegung zu setzen, welchen man selten widersteht.
Die offenen Küchenfenster waren so nahe, daß Mildred dieses Familiengespräch unwillkürlich mit anhörte, was ihre Niedergeschlagenheit sehr vermehrte. Sie fühlte, daß sie nicht nur ihr eigenes Heim verloren hatten, sondern auch eine andere Familie des ihrigen beraubten. Sie vermochte dem reichlichen Abendeffen keine Gerechtigkeit widerfahren zu laffen und suchte endlich ihr Zimmer mit dem peinlichen Gefühl auf, ein Eindringling zu sein. Die Welt bietet einen
anderen Anblick, wenn die Lebensbedingungen sich ändern. Frau Howell sah nur langen Wochen banger Erwartung entgegen, bis sie sich wieder mit ihrem Manne vereinigen konnte. Jetzt wünschte sie reuevoll, daß sie von Brot und Wasser gelebt hätten, um nicht zu dieser langen Trennung genötigt zu sein. Ihr alter Glaube, daß alles sich auf irgend eine Weise machen werde, mußte jetzt verschwinden, und daß ihr Mann Tag um Tag vergebens Beschäftigung suchte und sich vergebens erbieten konnte, Stellungen, die unter seiner bisherigen waren, zu übernehmen, war eine Thatsache, welche sie zuerst in Erstaunen versetzte, dann aber in höchstem Grade niederschlagend auf sie wirkte.
Für Mildred war die Gegenwart und Zukunft gleich dunkel, aber tief in ihrem Herzen hegte sie den tröstlichen Gedanken, daß sie nicht ungeliebt und vergessen sei. Nur fremder Wille hielt ihren Geliebten fern. Seine Schwachheit erweckte ihr Mitleiden, aber nicht ihre Verachtung. Die Ihrigen wußten nicht, daß sie auch stark sein konnte, ihre Stärke bestand in ihrer Treue für ihre weibliche Natur und in ihrem Rechtsgefühl, daß durch ihr Gottvertrauen gestärkt und gehoben wurde.
V.
Rob ert entdeckt einen neuen Typus.
Robert erwachte am folgenden Morgen titit einem entschiedenen Entschlüsse. Seiner Mutter zuliebe wollte er gegen die Fremden höflich sein, aber auch nichts mehr. Deshalb trat er nach seiner Morgenarbeit in der Scheune ins Haus mit demselben Aeußeren wie am vorhergehenden Tage.
Aber es gab keine hochmütigen Stadtleute zur Vernunft zu bringen. Sie schliefen noch alle, ermüdet von der Reise, und Frau Atword sagte, sie wolle dem Mannesvolk das Frühstück zur gewöhnlichen Stunde geben, weil ein hungriger Mann und ein plumper Bär ziemlich dasselbe seien.
„Du erwartest Besuch?" fragte Robert mit einem spöttischen Blick auf das sorgfältig gekämmte Haar und den weißen Kragen seiner Schwester.
Sie verstand ihn und errötete. Wenn es Dir gefällt, wie eine Vogelscheuche umher zu gehen, erwiderte sie, so ist das kein Grund für mich, Dir nachzuahmen. Kein Wunder, daß Fräulein Howell Dich für einen Arbeiter ansah.
„Nun ja, Jotham und ich sollten eine Livree haben, und an der meinigen müßten zwei Knöpfe mehr sein, damit sie sieht, daß ich zur Familie gehöre."
„Etwas bessere Manieren würden Deine Verwandtschaft besser beweisen als Messingknöpfe, erwiderte die Mutter ruhig."
„Uff! sagte der alte Farmer, indem er sich erhob und seinem Sohn folgte. Dieser anscheinend nichtssagende Ausruf wurde von seiner Frau richtig gedeutet und rief ihren Verdruß hervor."
Hätte der Vater „nein" gesagt, bemerkte sie verdrießlich zu ihrer Tochter, so hätte ich die Fremden nicht ins HauS gebracht, aber er möchte gern ihr Geld nehmen, ohne sie hier zu haben. Das steht fest, — entweder muß mir der Vater helfen, den Leuten den Aufenthalt angenehm zu machen, oder er muß ihnen sagen, daß sie noch heute das Haus zu verlaffen haben.
„Und Robert?" fragte Susanne, noch immer grollend.
„Robert ist ein thörichter Junge, sagte die Mutter entschuldigend. — Er war ihr einziger Sohn."
Als dem Alten von seiner praktischen Frau die Wahl gestellt wurde, fügte er sich mit ziemlichem Anstand. Nachdem er zur Genüge geknurrt und gemurrt hatte, war ihm die Sache nicht so unangenehm.
Frau Howell und Mildred befanden sich in betrübter, gedrückter Stimmung und in einem Zustand ungewiffer Erwartung, welcher regelmäßige Beschäftigung unmöglich macht. Von Tag zu Tag hofften sie auf die Nachricht, daß Howell eine Stellung gefunden habe, welche beffere Aussicht für die Zukunft gewähre, aber seine Briefe berichteten nur von ver-


