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den prächtigen Charakterkopf des Doktor Ruthardt in der Thüröffnung anstauchen sehen, und er tieß Herrn Franz Eschenvach einfach stehen, um sich den Eintretenden zu nähern. Der Doktor, der trotz seines altmodischen Fracks eine sehr stattliche Erscheinung machte, führte seine kleine rundliche Gattin am Arm, während hinter den Eltern Margarete und Sigismund sichtbar wurden. Mit höflichem Gruße trat Sandory dem Arzt in den Weg.
„Ich beglückwünsche Sie zu diesem Fest, Herr Doktor! Es muß in Wahrheit ein erhebendes Gefühl für Sie sein, gewissermaßen die ganze Bevölkerung der Stadt au Ihrem schönen Werke mitarbeiten zu sehen".
„Zumal in Anbetracht des Umstandes, daß den Leuten diese Mitarbeit so überaus sauer gemacht wird", meinte der Doktor sarkastisch. „Die Welt wäre , ohne Zweifel voll der herrlichsten Schöpfungen, wenri sie sich allesamt durch Tanzvergnügungen und Mummereien zu stände bringen ließen".
Dabei hatte er Sandorys kostbares Kostüm mit einem Blicke gestreift, der für den Träger ebenso wenig schmeichelhaft war, als die ironische Erwiderung. Auch! zeigte er nicht die geringste Neigung, seiner Gattin den imposanten indischen Radscha vorzustellen. Wenn er nicht geradezu ausdringlich erscheinen wollte, mußte fick)! Sandory wohl zurückziehen, um so mehr, als auch andere herbeikamen, den Doktor zu begrüßen.
Aber er gab die Unterhaltung mit dem so wenig zugänglichen Vater nur auf, um sich der Tochter zuzuwenden. Margarete hatte ein weißes Kostüm angelegt von der Art, wie es das Evchen in den Meistersingern zu tragen pflegt. In dem züchtigen, bis an den Hals hinauf geschlossenen Kleide, über das die dicken blonden Flechten bis weit unter den Gürtel hinabfielen, war sie so lieblich und maienfrisch, wie keine andere ihrer hier versammelten, mehr oder weniger ausfallend geputzten Altersgenossinnen. Und wenn Sandorys Blick heißer wurde, als er über die anmutige Erscheinung hinglitt, so war dafür in ihrem Aussehen wahrlich eine mehr als hinreichende Erklärung gegeben.
Es waren nur einige ziemlich nichtssagende Worte, die er inmitten des Menschenschwarms, der sie umdrängte, mit ihr wechseln konnte. Margarete äußerte sich bewundernd über sein Kostüm, und sie wurde rot, als er ihr das Kompliment mit einer sehr artigen Wendung zurückgab. Dann bat Sandory um ihre Tanzkarte, die sie erst eben aus der Hand des Festordners in Empfang genommen hatte und schrieb, nachdem er ihre Erlaubnis dazu erhalten, seinen Namen hinter einen Walzer und eine Mazurka.
„Aber Sie werden sich ein wenig in Geduld fassen müssen", meinte sie lächelnd; „denn ehe nicht das letzte Stück von meinem Verkaufstische fort ist, werde ich! gewiß nicht tanzen".
Gleich darauf war sie genötigt, nach einer anderen Seite hin Rede zu stehen, und Sandory schüttelte ihrem Bruder die Hand.
„Sie sehen angegriffen aus, mein lieber Herr Ruthardt", sagte er dabei mit teilnehmendem Wohlwollen, „und Ihre Finger sind so heiß. Sie fühlen sich; doch nicht krank?"
Die Frage war fehr begreiflich; denn der junge Mann, der ebenso wie sein Vater im schwarzen Gesellschaftsanzuge erschienen war, machte mit seinen bleichen Wangen, seinen dunkel umschatteten und wie in fieberischer Unruhe umherirrenden Augen keineswegs den Eindruck eines festlich gestimmten Ballbesuchers. Aber er versicherte, daß er sehr wohl sei, und Sandory fühlte sich nicht veranlaßt, mit weiteren Erkundigungen nach den Ursachen seines sonderbar veränderten Wesens in ihn zu dringen.
Er schloß sich den Ruthardts auch nicht an, als dieselben jetzt weiter in den Saal hineinschritten, sondern nahm seinen vorigen Platz an der Säule wieder ein. Aber er verfolgte sie noch eine gute Weile mit den Blicken, und es entging ihm nicht, daß ein hübscher junger Mann in der Tracht eines venetianischen Nobile sich mit auffallender Beharrlichkeit in der Nähe des reizenden Evchen bewegte, wenngleich eine eigentliche Unterhaltung
zwischen ihnen nicht stattzufinden schien. Er sah, daß dies der Herr sei, dem er jüngst in Margaretens Gesellschaft auf der Straße begegnet war, und er hatte schon eine Stunde nach jener Begegnung gewußt, daß sein Name Walter Sartorius laute.
Der Saal füllte sich jetzt sehr schnell, und das auf der Galerie untergebrachte Orchester begann zu spielen. Da man wußte, daß das Fest durch einen Prolog eröffnet werden sollte, drängte sich das Publikum vor der Bühne zusammen, und in der Nähe der Eingangsthür wurde es ziemlich leer. So geschah es, daß Dora Norrenberg's Erscheinen nicht jene große Wirkung hervorbrachte, die sonst wohl unausbleiblich! gewesen wäre. Denn die junge Dame, die nur von ihrem Vater begleitet wurde, war unter den weiblichen Festgästen sicherlich die auffallendste und glänzendste Erscheinung.
Angesichts der Kühnheit, die sie bei der Wahl ihres Kostüms an den Tag gelegt, konnte man es wohl verstehen, daß ihr Verlobter sich hartnäckig dagegen gesträubt hatte, dieser Wahl seine Zustimmung zu geben. Das griechische Gewand, dessen weich Herabfliestende Falten sich eng an ihre königliche Gestalt anschmiegten, ließ die schönen Arme und die tote aus Marmor gemeißelten Schultern unverhüllt, so daß man mit Entzücken an ein herrliches Bildwerk des klassischen Altertums gemahnt werden mußte. Das dunkle Haar fiel aufgelöst über den weißen Nacken herab, und wie eine Ranke von Weinlaub den einzigen Schmuck des Kleides ausmachte, so war auch das stolze Haupt nur mit einem Kranze aus Weinblättern geziert. Ein goldener Thyrsusstab, mit Epheu umwunden, ließ vollends keinen Zweifel an dem Charakter des Kostüms, dessen Trägerin es für statthaft gehalten hatte, auf diesem Feste als Bacchantin zu erscheinen. Die heißen, funkelnden Augen, die sogleich wie suchend den iveiten Raum durchflogen, und die leicht geöffneten Lippen des herrischen Mundes stimmten allerdings zu dieser gewagten Verkleidung viel besser, als zu irgend einer anderen, und Dora hatte die Besonderheit ihrer körper- lichen Vorzüge jedenfalls sehr richtig beurteilt, als sie trotz allen Widerspruchs bei ihrem Entschluß geblieben war, sich in solcher Tracht zu zeigen.
Um so auffälliger freilich wurde der Gegensatz, den ihres Vaters gebeugte, hinfällige Gestalt zu ihrer in Jugendkraft und Lebensfülle prangenden Erscheinung bildete. Franz Norrenberg sah heute gelber und krankhafter aus, als je. Ein müder, vergrämter Ausdruck war auf seiuem Gesicht, und er trat über die Schwelle des von rauschender Musik durchfluteten Saales mit einem Seufzer, der wie das schmerzhafte Stöhnen eines zur Hinrichtung Geführten klang.
Als ihr suchender Blick das lächelnde, dunkel- bärtige Antlitz Sandorys streifte, streckte ihm Dora ohne Rücksicht auf die Gegenwart ihres Vaters mit einem Ausruf der Freude die Hand entgegen.
„Wie hübsch, daß Sie auch im Kostüm gekommen sind! Ich fürchtete schon, Sie würden gleich den meisten unserer Herren zu blasiert sein für einen so harmlosen Scherz. Und tote prächtig es Ihnen steht! Sie könnten einem Maler ohne weiteres als Modell für einen Vollblutinder dienen".
Sie bemühte sich so wenig, ihre Bewunderung für seine Schönheit zu verbergen, daß Norrenberg die blutlosen Lippen znsammenpreßte und den Versuch! machte, sie rasch mit sich fortzuziehen.
„Es scheint, daß auf der Bühne etwas vorgehen soll", sagte er hastig. „Wir werden nichts davon hören und sehen können, wenn wir uns hier hinten versäumen".
„Wir werden nicht viel daran verlieren", meinte sie geringsch!ätzig, um sich dann wie in einer Regung eifersüchtigen Argwohns wieder gegen Sandory zu wenden. „Erwarten Eure Hoheit hier noch jemanden, daß Sie der Thür viel mehr Aufmerksamkeit zuwenden, als der Bühne?"
„Wen könnte ich! jetzt noch erwarten?" erwiderte er in einem Ton, der ihre Augen höher aufleuchten machte. „Ich werde Ihr demütigster Sklave sein, so lange es mir derjenige gestattet, dem die unerforschlichen Götter ein älteres Anrecht gegeben haben, Ihnen zu dienen".
(Fortsetzung folgt.)


