(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Neuntes Kapitel.
In dem prächtigen neuerbauten Festsaal der „Harmonie" nahm das Kostümfest, von dem seit Wochen in Waldenberg viel mehr geredet worden war, als von irgend einem anderen Weltereignis, um die achte Abendstunde des folgenden Tages nun wirklich seinen Anfang. Der weite, von elektrischem Glühlicht taghell erleuchtete Raum war mit Guirlanden, Fahnen und farbigen Lampions gar lustig ausgeschmückt. Die an der einen Schmalseite aufgeschlagene Bühne zeigte als wirkungsvolle Dekoration den Marktplatz einer mittelalterlichen Stadt. Zwischen den Säulen aber, die an den beiden Langseiten eine in halber Saalhöhe hinlaufende Galerie zu tragen hatten, waren allerlei phantastisch! ausgestattete Zelte und Buden zu gewahren, deren Inhalt sich allerdings vorerst noch hinter Teppichen und Vorhängen jedem neugierigen Blicke verbarg.
Als einer der ersten, fast gleichzeitig mit den aufgeregten Herren! vom Festkomitee, war Rudolf Sandory erschienen. Obwohl es ihm verstattet gewesen wäre, im Ballanzuge zu kommen, hatte er es doch nicht verschmäht, sich zu kostümieren, und seine imponierende Gestalt hatte sogleich! die Blicke aller auf sich gezogen, die bereits im Saale anwesend waren. Er trug den Anzug eines indischen Radscha, ein aus den kostbarsten Stoffen angefertigtes Kostüm, das von kunstvoll imitierten Edel- .steinen funkelte, während die prächtigen Waffen, die ihm erst seinen eigentlichen Charakter gaben, von unzweifelhafter Echtheit waren. Seine ungewöhnliche Mannesschönheit konnte nicht glänzender zur Geltung gebracht werden, als durch diese farbenreiche, die kraftvollen Glieder in weichen Falten umfließende Verkleidung. Das energische, leicht gebräunte Gesicht mit dem lang herabwallenden dunklen Vollbart, die merkwürdig tiefen Augen, hinter deren müdem, verschleiertem Blick steks eine verborgene Glut zu lauern schien, die natürliche Würde und gebieter
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chmerzt dich in tiefster Brust Das harte Wort „Du mußt", So macht dich eins nur still, Das stolze Wort „Ich will".
Frida Schanz.
ische Hoheit seiner Haltung — das alles paßte so ganz zu dem Bilde eines orientalischen Despoten, daß die Herren nur mit einer gewissen neidischen Scheu auf ihn sahen, während ihm viel leuchtende Blicke aus schönen Augen mit dem Ausdruck unverhohlener Bewunderung folgten.
Bei dem ersten Gang durch den noch ziemlich leeren Saal hatte sich Sandory überzeugt, daß von denen, die er vor alleni suchte, bis jetzt nienrand anwesend war. Er tauschte hier und da mit den neuen Bekannten, die er während seines kurzen Aufenthaltes in Waldenberg bereits in großer Anzahl gewonnen hatte, flüchtige Grüße aus, um sich dann in der Nähe des Haupteinganges zurückzubegeben. Mit verschränkten Armen an eine der Marmorsäulen gelehnt, ließ er tiefernsten Antlitzes, wie es dem Charakter eines indischen Radscha angemessen war, den bunten Strom der Eintretenden an sich vorüberziehen.
Einmal nur glitt es wie heiteres Erstaunen über seine Züge, da er' über dem blumengeschmückten Kopfe einer in weiße Tüllwolken eingehüllten Titania das magere, harmlos gutmütige Gelehrtengesicht des Herrn Franz Eschenbach auftauchen sah.
Daß er auch seinem schüchternen Zimmernachbar hier begegnen könnte, hatte er allerdings nicht vermutet, und als der zaghaft dreinschauende Hamburger von der Menschenwelle an ihm vorübergetragen wurde, schlug er ihn jovial auf die Schulter.
„Manu des Friedens und der Gelehrsamkeit, wie sind Sie in diesen gefährlichen Strudel geraten?"
Franz Eschenbach schien überaus glücklich, gleich bei seinem Eintritt auf einen Bekannten zu stoßen. „Es ist eine tollkühne Idee sür einen Mann in meinen Jahren — nicht wahr? Aber ich habe dergleichen noch nie gesehen, und da es doch für einen wohlthätigen Zweck sein soll, habe ich mich auf Zureden des guten Herrn Schwanflügel entschlossen, eine Karte zu nehmen. — Mer was für ein schönes Kostüm Sie anhaben, mein lieber Herr Sandory! Es sieht beinahe aus, als ob es echt wäre".
„Es freut mich!, daß es Ihnen gefällt. Ich habe es* genau nach einem echten Vorbilde anfertigen lassen, das ich unlängst auf einem Hofball in Petersburg gesehen".
„Was Sie doch schon alles erlebt haben!" meinte der Hamburger Privatgelehrte in einem Tone beinahe ehrfürchtiger Bewunderung. „Ich habe neulich! erst mit Vergnügen die Schilderung eines solchen Festes gelesen. Mer sie stammte aus dem verflossenen Winter, und es ist doch wohl schon länger her, daß Sie —"
Rudolf Sandory hörte ihm wicht mehr zu. Er hatte


