Ausgabe 
8.7.1900
 
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Mutter, den ich ihn zum erstenmale aussprechen hörte. Ich hatte nur ein stummes Nicken. Da schloß er mich- über­wältigt von einem Schmerze, der mich fast erschreckte, in seine Arme.Meine arme Konstanze", rief er,Du hast die Mutter verloren, aber Dein Vater lebt Dir noch, Dein wahrer, echter Vater ich bin es. Ja, in dieser Stunde sollst Du es wissen, daß Du meine Tochter, mein Kind bist, und nie werde ich Dich von meinem Herzen lassen, so lange es noch schlägt".

Professor Georgi war Ihr Vater?" rief Gerth er­staunt, und so plötzlich flog vor seinem geistigen Blicke Schleier um Schleier von dem Geheimnisse empor, welches Konftanze umhüllt hatte, daß er sich kaum schnell genüg in der ihm ganz neuen Stellung zurechtzufinden vermochte, die er Konftanze so überraschend in der Verkettung von Jntriguen und Wirrnissen einnehmen sah, deren unschul­diges Opfer sie geworden war.

Ja, er war mein Vater", sagte sie leise.Im Stillen bereits mit meiner Mutter verlobt, trat er als junger Dozent eine wissenschaftliche Reise nach Aegypten und Indien an. Nach seiner Rückkehr wollte er um ihre Hand anhalten. In Indien erkrankte er und lag Monate lang schwer darnieder, von jeder Verbindung mit der zivilisier­ten Welt abgeschnitten. Ehe ich geboren ward, wurde meine Mutter durch ihre sittenstrengen Eltern gezwungen, einen auswärts wohnenden jungen Kaufmann zu heiraten, der ihren Fehltritt mit seinem Namen zudeckte, ehe er offenkundig ward. Dieser Mann, der durch das kleine Ver­mögen meiner Mutter in den Stand gesetzt wurde, ein eigenes Geschäft zu gründen, war Herbronn, den ich bis zu jenem Tage für meinen wirklichen Vater gehalten und tief betrauert habe, als ich im Gefängnis sein tragi­sches Ende erfuhr.

Als Georgi von seiner langen Reise zurückkehrte, wurde er vom Vater meiner Mutter hart zurückgewiesen, nie erfuhr er deren Aufenthalt, nie den Namen ihres Gatten. Er solle sie als tot betrachten, wurde ihm gesagt. Meine Mutter fügte sich; sie war sich ihrer Pflichten gegen den Mann bewußt, der sie vor Schande bewahrt, und dem sie!am Altar Treue gelobt hatte. Nie gab sie dem Geliebten ihrer Jugendjahre ein Lebenszeichen, obwohl sie über den berühmt gewordenen Archäologen zuweilen in der Zeitung las und aus dieser Quelle auch den Ort feines Wir'kungs? kreises kannte. Als sie fühlte, daß sie bald sterben werde, und mein künftiges Schicksal bedachte, empfahl sie mich! seiner Fürsorge, seinem Schutze, und entdeckte ihm, daß! ich seine Tochter sei. Der Brief, den ich ihm überbrachte, war das erste Lebenszeichen, das er nach achtzehn langen Jahren wieder von ihr erhielt. Bei meinem Anblick hatte er geglaubt, sie selbst zu sehen, wie sie einst gewesen, denn ich. bin ihrem Jugendbilde sprechend ähnlich".

Konftanze schwieg. Das laute Bekenntnis, welches sie, noch niemals ausgesprochen, sondern bisher still in ihrer Brust verschlossen, hatte alle schmerzlichen Erinnerungen wieder in ihr aufgewühlt, alle Wunden von neuem <nifget= rissen. Sie war sehr angegriffen und brachte lange Zeit kein Wort mehr- hervor.

Professor Georgi Ihr Vater!" wiederholte Gerth, aus einem tiefen Nachdenken erwachend, wie im Selbst­gespräch; denn dieser Gedanke drehte sich in seinem Geiste beständig in einem Kreise, über den er nicht hinauskommeü konnte.

Und ihn sollte ich, sein Kind, seine von ihm so zärtlich, geliebte Tochter, ihn sollte ich grausam ermordet haben!" rief Konftanze, den Blick anklagend nach oben gerichtet,und die Hand, mit der ich in rasendem Schmerz über sein blutiges Haupt strich, wurde gegen mich zur An­klägerin; und weil ich nicht verraten konnte, welche innigen Beziehungen mich mit dem Toten verbanden, nahm man meine Verwirrung für ein Anzeichen meiner Schuld!"

(Fortsetzung folgt.)

Aus dem Blumenreich der Mitte.

Von Ernst Otto Ho pp.

Nachdruck verboten.

Die Chinesen wissen wenig von uns, und wir wissen im ganzen immer noch wenig von den Chinaleuten, Vielen Menschen, selbst gebildeten, ist es, völlig unbekannt, daß

sich die Bewohner desBlumenreiches der Mitte" in bett letzten Jahrzehnten erstaunlich weit ausgedehnt haben. Ihr Stammland ist so ungeheuer menschenreich, daß es selbst bei dem intensivsten landwirtschaftlichen Betriebe seine Be­wohner nicht zu ernähren vermag; die Hungersnot, der nicht selten viele Hunderttausende erliegen, erlischt dort fast nie, und trotz aller wundersamen Genügsamkeit der be­dürfnislosen Menschen ist das Elend, das durch die kolos­salen Ueberschwemmungen des Gelben Flusses noch ver­mehrt wird, in manchem Jahre ein gräßliches. Was Wun­der, daß sie auswandern! In Ostindien haben sie sich eingenistet, doch nicht besonders zahlreich, da auch dort der bitterste Mangel herrscht; in weit größeren Massen suchen sie Hinterindien heim. Neuere Reisende erzählen, wie sie zu vielen Tausenden die malayische Halbinsel erfüllt haben; an zahlreichen Orten kommen dort auf zwei Malayen zwölf Chinesen. Singapore schwärmt von Chinesen; auf allen Sundainseln sind sie heimisch geworden, und daß sie in Australien noch nicht die numerisch überwiegende Rasse geworden sind, das verhütet nur der hohe Schutzzoll, den jeder einwan'dernde Chinese zahlen muß, ehe er landen darf. Auf den Sandwichsinseln bestehen bei weitem dir meisten Einwohner aus Chinesen; und in den Vereinigten Staaten gäbe es jetzt schon eine Million, wenn man sie ruhig kommen ließe, und in wenigen Jahrzehnten mehrere Millionen. Nun gießt es Engländer und Deutsche fast über­all «in der Welt, so ziemlich! in allen Ländern, ohne daß , dadurch das bestehende Gleichgewicht gestört würde. Indes mit den Chinesen hat es eine andere Bewandtnis: der weiße Mann, der Kaukasier, kann da nicht leben, wo Chinesen in größerer Menge auftreten. Nicht nur des­wegen, weil der Chinese die Arbeit zu sehr verbilligt; es kommt noch! etwas anderes hinzu. Was wir ftir gut, edel und schön halten, das sieht der Chinese als schlecht oder verwerflich, aber mindestens als gleichgiltig an. Unsere Moral ist; ihm zum Teil unfaßbar. Das chinesische Gesicht ist nicht, wie das des weißen kaukasischen Mannes, ein Spiegel der Seele, es ist ein schwer oder gar nicht lösbares Geheimnis. Hat schon jemand einen Chinesen herzlich lachen sehen? Für alles haben sie ein stereotyp gewordenes Lächeln, bei den größten Mißhandlungen, bei Scheltworten, beim Empfang eines Geschenks immer dasselbe, ein wenig freundlichere oder nach den Umständen um eine Schättier- ung traurigere Lächeln, das im Grunde wenig besagen will, und wie eine konventionelle Lüge erscheint. Die Bronzefiguren, die man hier und da in ihren Tempeln (Aoßhäusern) findet, zeigen dasselbe versteinerte Rätsel- geficht, unbarmherzige, menschllichjer Empfindung bare Züge. Der Ausdruck der Hoheit, der Erhabenheit, jeder ideale Schwung, den wir an den plastischen Meisterwerken des Altertums bewundern, fehlt, an ihre Stelle tritt eine schreckliche Passivität, eine unheimliche Ruhe, etwas Brü­tendes, der Humbug eines Geheimnisses.

Daß der Chinese in ganz ungewöhnlich hohem Grade verschmitzt ist, beweist schon das in ganz Asien bekannte Sprichwort: im Handel und Wandel, bei Geschäftskniffen und in spekulativer Schlauheit wird der Jude vom Griechen übertroffeil, der Grieche wieder vom Armenier, alle zu­sammen aber werden vom Chinesen betrogen, der ihnen allen ein Verschlagenheitüber" ist. Bei einer Pharaobank setzte ein chinesischer Arbeiter in Kalifornien ein mit einem Häufchen Goldstaub beschwertes Papier, wie das dort oft üblich ist, auf eine Karte. Dieselbe verlor, der Bankhalter wog den Staub und fand, daß derselbe etwa fünfzig Dollars wert war. Eben wollte er das Papier, auf dem der Gold­staub gelegen hatte, wegwerfen, als der Chinese es zurück? verlangte, unter dem Vorgeben, es stände eine Recht- nung darauf, die er gebrauche. Am folgenden Abend erschien er mit einem ähnlichen Papier. Diesmal gewann er, und da der gesetzte Staub vierzig Dollars wert Ivar, so wollte der Bankhalter diese Summe auszahlen. Der Heide schüttelte den Kops.Ihr bezahlt alles, was ich wette?" sagte er.Natürlich!" war die Antwort. Der schlitzäugige Orientale wickelte las Papier sorgfältig auf und zeigte dem Bankhalter, baß es in seinen Falten heimlich! einen Hundertdollarschein enthielt. Die Bank bezahlte das Geld, und dann warf man den Chinamann vor die Thür, wie recht und billig. Dieselbe Banknote hatte schon am Abend vorher