Ausgabe 
8.7.1900
 
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^IV)eidenSzeit ist reich an Segen;

Nicht in sonn'ger Lage Lauf, Nach Gewittersturm und Regen Glänzt des Friedens Bogen aus.

Julius Lohmester.

(Nachdruck verboten.)

Die Irre von Sankt Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Es war der sehnlichste Wunsch meiner Mutter", fuhr sie fort,mich unter sicherem Schutz zu wissen, ehe der Tod sie von ihrem jahrelangen, unheilbaren Leiden erlöste. Sie wußte, daß ich danri nicht länger im väterlichen Hause bleiben konnte; denn sie kannte bereits die Stiefmutter, die bestimmt war, an ihre Stelle zu treten. Erst am Tage meiner Abreise erfuhr ich meinen Bestimmungsort. Meine Mutter gab mir ein verschlossenes Schreiben an Professor- Georgi. Ich hatte diesen Namen nie vorher gehört; aber sie sagte mir, sie lege mein Schicksal in die Hand eines edlen Mannes, der sich als treuer Freund bewähren, für mein Fortkommen sorgen und mich in keiner Lage des Lebens verlassen werde. Ich nahm Abschied von der Teueren, die ich nie Wiedersehen sollte. Unmöglich kann ich die stumme Szene mit Worten schildern, als ich vor den Professor Georgi trat. Mein Name klang ihm sremd, er schüttelte den Kopf und starrte mich an, wie eine Erschein­ung aus der andern Welt. Kaum fähig, zu sprechen, stam­melte er unzusammenhängende Worte, und als ich ihm den Brief meiner Mutter gereicht hatte, zitterte dieser heftig in seinen Händen. Während er ihn las, rollte Thräne auf Thräne über feine Wangen. Dann blickte er mich lange, lange an. Ob ich den Inhalt dieses Briefes kenne? war das erste, was er in zusammenhängender Rede hervorzubringen vermochte. Ich verneinte. Wie es schien, hätte er eine bejahende Antwort lieber gehört; aber er hieß mich mit tief bewegten Worten willkommen. Schreiben Sie Ihrer lieben Mutter noch heute, daß mir das Andenken, welches sie mir in ihrer Tochter schickt, fortan das größte Heiligtum sein werde und daß sre mrr einen schöneren Beweis ihrer Freundchaft nicht hatte geben können". Dann legte er segnen!; seine Hände auf mein Haupt und küßte mich auf die Stirn"

Die Erinnerung an diesen Augenblick entlockte den Augen der Erzählenden einen heißen Thränenstrom. ,

Es waren heilige Thränen, von denen der junge Arzt

sich tief ergriffen fühlte. Bitter bereute er bereits das Gefühl eifersüchtigen Argwohns, welches er in sich hatte aufkommen lassen.

Als Konstanze ihre Empfindung bemeistert hatte, fuhr sie fort:Ich hatte geglaubt, Professor Georgi würde mir irgendwo ein Unterkommen verschaffen; aber er dachte gar nicht darail, mich wieder von sich zu lassen, sondern! gab mir in seinem Hause die Stelle einer Vorleserin. Oft wenn ich dabei zufällig aus dem Buche aufblickte, sah ich sein Auge mit seltsam wehmütigem Ausdruck auf mich gerichtet, und ich merkte, daß ihn ganz andere Gedanken- beschäftigen, als der Gegenstand, von dem das Buch han­delte. Oft nahm er mir's aus der Hand, wenn er glaubte, das Thema sei für mich zu trocken und könne mich lang-, weilen, und dann holte er ein anderes Buch herbei und suchte Kapitel heraus, denen auch eiu Laie einiges Interesse abgewinnen konnte, die aber für ihn vielleicht gar keinen Wert hatten. Häufig frug er mich nach meiner Mutter, ich mußte ihm von ihr erzählen, und selbst den kleinsten, geringfügigsten Zügen aus ihrem Leben lauschte er mit einer Aufmerksamkeit, die an Andacht grenzte.

Je mehr ich sein reines, kindliches Herz kennein lernte, desto widerwärtiger berührte mich das Benehmen­der Wirtschafterin Frau Brufcher. Zwar war sie stets! freundlich gegen mich; doch merkte ich bald, daß ich e§ mit einem ebenso schlauen als mißtrauischem Weibe zu thun; hatte. Sic suchte mich auszuforschen, wie ich in dieses Haus gekommen sei; in ihrer Wißbegierde stellte sie mir förmlich Schlingen, in die ich freilich nicht fallen konnte, da ich selbst nicht mehr zu sagen wußte, als daß Professop Georgi meine Mutter in früheren Jahren gekannt und daß ich ihm einen Brief von ihr überbracht habe, über dessen Inhalt ich selbst nichts wisse. Frau Brufcher war immer um den Weg und von einer unermüdlichen Wachsamkeit, welche etwas Verletzendes hatte. Mein Alleinsein mit dem Professor beschränkte sich, außer wenn ich ihn in die Kirche begleitete, nur auf die Stunden, wo ich ihm vorlas, stets aber fand sie dann einen Vorwand, sich im Zimmer irgend etwas zu schaffen zu machen, und dann trat sie gewöhnlich so überraschend ein, daß selbst der harmlose Gelehrte sich unangenehm davon berührt fühlte.

Eines Tages erhielt ich von zu Hause einen Brief, der mir den Tod meiner Mutter meldete. Wo hätte ich in meinem Schmerze einen besseren Trost, eine tiefere Teilnahme suchen können als bei meinem edlen Herrn, den ein inniges Freundschaftsband einst mit der nun Ent­schlafenen verknüpft haben mußte. Als er mich eintreten sah, das Taschentuch vor den verweinten Augen, in der Hand den offenen Brief mit dem breiten schwarzen Trauer­rande, ahnte er sogleich, welche Kunde ich brachte, und in heftiger innerer Bewegung entfuhr ihm der Ausruf: Amalie ist tot! sie ist tot!" Es war der Vorname meiner