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Ich sag's ja auch", versicherte Friede.Beinah mehr Geld als es giebt".

Na, Mutter", s agte da der Vater, und das Schmunzeln wurde augenfälliger;was meinst Du, wie war das denn nu mit unserm Jung seinem Schuhzeug? Wenn einer nu doch so recht blank und fest und ordentlich beschuht vor den Altar treten soll, als ob er sagen wollte: ich bin gut gestiefelt für die Wanderschaft auf der Erde, und Dir dank ich das und Deinem heiligen Wort!"

Mann, ich weiß nich; Deine Redensarten sin mir manchmal zu hoch, und hier sin dem Friede seine Sonntag- schen Schuhe, die scheinen mir noch recht gut zu sein; wenn wir 'sie sehr schön wichsen, hat der Kaiser keine bessern".

Friedes Herz klopfte: die Mutter hatte beinah recht, obgleich der Kaiser gewiß keinen Fleck auf der Sohle hatte. Wenn aber Bastian in Fünfzehnmark-Sch-uhzeug zum Altar ging, und auch noch rote Strippen unter die Hosen schieben konnte, die bei jedem feierlichen Schritt ein bischen vor­blinken würden, sah er dann nicht doch neben ihm aus wie einer, der dem festlichen Tage nur die halbe Ehre anthat?

Und es war gerade als ob der Vater seines Jungen allergeheimste Gedanken erriete.Guck mal, Mutter", sagte er,beinah hast Du recht; nur seh ich's dem Jungen durch Jacke und Hemd hindurch an, daß sein Herz an den Stiefeln hängt, und er hat uns, Gott behüt's und Helf ihm weiter, allzeit Freude gemacht da wollen wir ihm auch mal ne Extrafreude machen zu dem wichtigen Tag". Dabei stand der Vater auf, ging zum Spind, indem schon der Großvater selig seinen Tauf- und Trauschein untergebracht hatte, klappte das alte, gemaserte Deckblatt auf, wickelte ein fadenscheiniges, seidenes Tuch auseinander, nahm etwas heraus, blinkte das rechte Auge zu, und trat bedächtig wieder an den Tisch

Hier sind fünfzehn Mark, Du kannst morgen mit dem Bastian zusammen auf den Stiefelkauf gehn".

Dem Friede brauste die Freude in den Ohren, als donnre ein Mühlwehr durch die Unterstube, er hörte gar nicht recht, daß die Mutter kopfschüttelnd sagte:ich begreif Dich nicht, Vater, das schwere Geld! da wär's noch besser den Armen gegeben".

Ja, ja, Mutter", antwortete der Vater und klopfte der Frau auf die Schulter.Wohlthun istne schöne Sache, aber einem eine Freude machen, so 'ne rechte große himmelhohe Freude, das ist manchmal akkurat so notwendig wie wohlthun. Wie'n warmer Regen auf junge Saat, mein ich Alte, 's geht alles auf davon, was keimfähig ist. Na, und wenn unserm Jungen seine himmelhohe Freude just Stiefeln sind in Gottes Namen, 's giebt dümmere Sachen".

Am anderen Tag wanderten Friede und Bastian in die Stadt. Friede freudeglühend, im Hopsschritt, als ob gerade die Beine dieser Freude ganz besonders Ausdruck geben müßten, in Mwartung ihrer Prunkstiefel. Bastian mit der Muhe des reichen Mannes, der gewohnt ist fünfzehn Mark in der Tasche zu tragen.

Die Landstraße war belebt: Karrenleute, Bauern mit Körben, Boten, die Palmsonntags-Besorgungen machten, Schneiderlehrlinge, die neue Röcke über Land trugen, alles hatte schon halbe Feiertagsgesichter und doppelte Werk­tagsbeine.

Bloß noch den Osterh!as müßte man laufen sehn", sagte Bastian,nachher wär's echt! Alles ist fidel".

Plötzlich deutete Friede auf eine Frau, die am Wege' saß und gar nicht vergnügt aussah. Es war eine alte Frau, grau die Haare, trübe die Augen, Rock und Jacke so verwaschen, daß ihnen niemand mehr ansehen konnte, was sie ehemals für eine Farbe gehabt hatten, und der Korb, den sie zur Seite stehen hatte, war so vielfältig geflickt, daß vielleicht nicht eine der ersten Weiden mehr an ihm war, an dem weitbogigen Henkel gewiß nicht.

Die Frau saß an den Stufen eines Gartenpförtchens, das in eine große Gärtnerei der Vorstadt hineinführte, und sah unverwandt gerade aus, nach dem kleinen Bahnhof gegenüber, wo eben ein Zug zurecht geschoben wurde; mit Pusten und Pfeifen fuhr die Lokomotive von Gleis zu Gleis. Und wie die Alte dem zuschaute, füllten sich ihre Äugens

mit Wasser, und langsam tropfte eine Thräne um die andre aus das grau verwaschene Kleid.

Jetzt sind's nur noch fufzehü Minuten", sagte sie vor sich hin.

Da wurde es dem Friede doch gar zu ungemütlich ums Herz, er trat an die Weinende heran, klopfte auf den Henkel­korb und sagte:Ja, warum weint die Frau denn?"

Die Alte sah verwundert zur Seite, weil sich eins um sie kümmerte.Ei, Du ei. Hab' ich geweint? Ach, mein Jungchen, ja, doch wohl, die Augen sind naß. Ei, Du, ei 's is eben schlimm. Ach ja, gar zu schlimm". Da tropften die Thränen nicht mehr, da liefen sie in glattem Strom die welken Backen hinunter.

Was denn?" drängte Friede.Is der Korb zu schwer? Soll ich ihn eh tragen? Kann ich nich helfen?"

Die bekümmerte Frau schüttelte den Kops.O, mein! nee, Jungchen, Du kannst mir nicht helfen".

Sie wollte wieder in sich zusammensinken, aber Friede Aov.fte eindringlich weiter, diesmal auf ihre Schulter, und seine guten Augen voll Anteil und Sorge klopften kräftig mit an das alte Herz.

Ei, Du, ei ja, mei Jungchen, helfen kannst Du mir nich, aber sagen kann ich Dir's schon. Guck: was mei Tochter is, die is gestürzt mit Arm- und Beinbruch, und hat sieben Kinder, und wie sie's mir schreiben, da will ich so recht schnell hin zum Helfen un sack Geld ein un Sache, und komm an' Bahnhof vier Stunden weit her, mei Jungchen; un wie ich's Bulliett kaufen will, da fehlen mer ihrer zehn Mark ach Gott warum is en nu de Welt so unmensch­lich weit von enanner! Un nu muß ich erst wieder nach Hause un sehn, ob ich die zehn Mark kriege, un muß wieder her zweimal vier Stunden, un wird's nu kaum morgen, daß ich hinkomme, wo se mich doch so blutnotgen brauchen. Wie ich bis hier rüber kam, da konnten de Beine schon nich mehr weiter, un ich setze mich, un nu machen se da drüben mein Zug zurechte, un ich könnte noch mit, aber ich kann nich, un wer weiß, ob mir eh einer das viele Geld borgt".

Freilich", sagte Bastian wichtig,wer hat denn immer zehn Mark gleich so übrig da zum Verschenken oder Verborgen."

Da fuhr's dem Friede wie Feuer durch die Glieder, er riß Bastian zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr:Wir doch! wir zwei haben ja Geld! Wir kaufen uns Stiefeln für zehn Mark, und haben jeder fünf übrig für die Frau";

Nein, Friede", antwortete Bastian gedehnt,das' geht doch nicht? gar nicht! Das Geld haben wir für Schuhzeug bekommen, und nicht für irgend was, und deshalb"

Nun sind's eh noch zehn Minuten", sagte die alte Frau, die nicht auf die Knaben achtete, weil sie den Zug mit ihren Blicken verfolgte.

Friede sah auf die khränentrüben Augen, auf das müde Gesicht und auf den Zug drüben über dem Weg, den die Lokomotive jetzt schön in Reih' und Glied hatte noch zehn Minuten!

Komm Bastian", bettelte er,wir dürfen schon! Ich muß' sonst allein thün".

Zanken wird Dein Vater", ries Bastian heftig. Stiefeln sollst Du Dir kaufen!"

Da pfiff es drüben schrill auf, und die alte Frau seufzte zum Herzbrechen. Ohne weiteres Besinnen fuhr Friede in die Hosentasche, knüpfte zehn Mark aus dem Sacktuch und reckte sie ihr hin.

Da! aber schnell! eh es zu spät wird! den Korb trag' ich schon".

Weg lief er mit dem Korbe, dem Bahnhof zu, und die Alte, die noch lange nicht begriffen hatte, was eigentlich los war, trottete, das Geld in der Hand, hinter dem Korbe drein: ihrem Korbe mußte sie schon nach.

Beinahe wußte sie nicht mehr, wohin sie wollte. Aber am Schalter wußten sie's noch, und die Schaffner wußten es auch. Sie kriegte ihren Fahrschein, sie wurde in den Wagen gehoben, Friede stellte den Korb neben sie hin, schwenkte die Mütze und rief:Glückliche Reise!" gerade als die Lokomotive anzog.

Da begriff sie's endlich; sie guckte zum Fenster hinaus, grüßte und winkte und rief:Gott segne Dich, Gott segne Dich!"

Da stand nun der Friede, der Zug war fort, das Geld