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mehr zu erfüllen. Daß sie, als Frau eines Mannes, der im­stande war, den Unterhalt reichlich zu verdienen, genötigt war, nach wie vor sich in ihren Künsten zu produzieren-, empörte sie, doch auch diese Empörung ließ nach, und nur noch 'der Bodensatz einer tiefen Bitterkeit blieb zurück.

Sie wurde magerer, blässer und stiller, und ihr lieb­liches Gesicht, über dem eine nervöse, düstere Stimmung lag, zog die Augen des Publikums nicht mehr so lebhaft wie früher zu sich hin. Oft, wenn sie fühlte, wie der tote. Blick ihres Gatten sie prüfend, fast angstvoll streifte, wie man Besitztümer betrachtet, die am Entschwinden sind, sagte sie sich:Nicht Angst um' Dich hat er, sondern um das, was Du ihm einbringst" und unter dem goldgestickten Bal-» dachin, auf dem mit roten Läufern gedecktem Podium, wo sie Lich produzierte, wäre sie am liebsten in die Kniee gesunken, Um den hoffnungslosen Schmerz in lauten Klagen auszuschreien.

Aber sie mußte weiter agieren, weiter tändeln und das Beifallsklatschen des Publikums, das ihrer Geschick­lichkeit galt, mit tiefer Verbeugung entgegennehmen. Die Tierchen, welche sie gezähmt hatte, kamen gleichfalls herbei, duckten lfüch, schlugen mit den Flügeln und schnäbelten au ihrer Herrin empor, während der neu abgerichtete Hahn die feierliche Szene jedesmal durch das Abschießen einer Pistole effektvoll beendete. Oft hätte Nettchen über diese ganze Komödie, welche den Inhalt ihres betrogenen Lebens bildete, laut auflachen mögen. Was war sie weiter, als auch ein solches abgerichtetes Geschöpf, für den Brotver­dienst bestimmt, gehalten und gehegt, so lange sie nützte, und eines Tages vielleicht beiseite gesetzt?

In ihrer kleinen Wohnung auf Montmartre war ihr nunmehr immer noch am wohlsten, dort empfand sie den Zwiespalt ihres geschminkten und ihres wirklichen Lebens am wenigsten. Mit wahrer Sehnsucht bemühte sie sich, ein häusliches Dasein wenigstens insoweit anzubahnen, als es ihr die viele Abwesenheit ihres Mannes überhaupt möglich machte. Sie räumte mit den paar fremden Möbeln herum, als wären es die ihrigen, wusch und bürstete, schmückte alles mit billigen Spielereien, die sie für wenige Sous erhandelte, band sich ein Theeschürzchen um, stellte das Abendbrot zierlich geordnet auf den Tisch und hing einen Schirm über die Lampe.

So saß sie erwartungsvoll manchen, manchen Abend und blickte in die wundervollen Lichtschattierungen, welche über die Landschaft vor ihren Augen herniedersanken. Sie sah tief unter sich die schwarze, unendliche Stadt mit ihren Milliarden glühenden Lichtern, sah fern den blitzenden Streif der Seine wie ein schmales Band zwischen diesen blendenden Punkten-sich hindurchschlängeln. Sie hörte die Stimmen der Ausrufer, das Knallen der Peitschen, mit denen die Maultiere vor den die steile Straße erklimmenden Karren angetrieben wurden. Und atemlos lauschte sie auf den Schritt ihres Mannes, der nie zur rechten Zeit ertönte, und sie hatte die Vorstellung, dieses Sitzen und Lauschen und 'Erwarten und Harren in fremder Stadt, an fremdem, Fenster würde ihr Herz mit der Zeit auszerren und aus- fpannen, tote ein dünnes Netz, das zum Trocknen über spitzej Pfähle gespannt ist.

Mitunter aber trat Jerome zu den Momenten ein, top sie es noch, hm wenigsten erwartet hatte. Dann fand; er nicht alles für sich bereitet, wußte zu tadeln hier und da, erklärte das Essen dem im Restaurant nicht ebenbürtig, die Luft in den kleinen Zimmern dumpf, die Langeweile groß, und das Ende vom Liede war, daß er sie aufforderte, mit hinauszukommen in die Cafees, wo manwenigstens Licht und Menschen hatte", und ,die Stubenhockerei" ver­lernte.

(Fortsetzung folgt.)

Die Palmsonntagsstiefel«.

Von Luise Glaß.

Nachdruck verboten.

Pastor Braun hatte seine letzte Konfirmandenstunde gehaktem und sah dem jungen Volke nach, das über den Pfarrhof hinausdrängte. Die einen liefen flink, wie die Wiesel, weil sie meinten schöner als die schönste Lehrstunde sei doch der frühe Frühling draußen mit Blattknospen und Vogelkonzerten, und dieser Frühling sei einzig und allein

dazu da, daß das junge Volk draußen herum laufe in der bunten, lustigen Welt.

Weil der liebe Gott doch auch das Spazierengehen erschaffen hat", sagte die kleine Lotte, die sich am liebsten für das, was sie gern that, auch noch loben ließ.

Andere wieder sagten einander eifrig auf, was sie gelernt hatten, weil jeder zeigen wollte, wie gut er gerade acht gegeben habe; etliche hatten es wichtig mit ihrem Palmsonntagsstaat man mußte sich doch schön machen, dem lieben Gott zu Ehren und dem Nachbar zum Aerger; einige gingen auch still ihres Wegs und bedachten sich das, was sie gelernt hatten.

Zwei Knaben kamen langsamer vorwärts als die andern; denn sie blieben immer wieder einmal stehen, fest- gehalten von ihren eigenen Gedanken und Worten. Sie redeten eifrig und ernsthaft miteinander von der Wichtig­keit des Festtags, dem sie entgegen gingen, und Pastor Braun sah ihnen wohlgefällig nach.

Das sind nun meine besten Schüler, dachte der geist­liche Herr, und ich habe ihnen jetzt Woche um Woche guten Samen in die Herzen gelegt, wird er aufgehen und Früchte tragen? Nicht nur für den Einsegnungstag und die Sonntagvormittagsstunden unter der Kanzel, sondern auch für den Alltag draußen und für die schnellen Antworten, die wir aus die Fragen des vorwärts drängenden Lebens bereit halten müssen".

Ich möchte wohl wissen, was sie miteinander reden, ich möchte wohl wissen, was ihnen etwa noch fehlen möge zur Lebenswanderschaft".

Die Knaben gingen inzwischen frischgemut ihres Wegs, und meinten beide, ihnen fehle es an gar nichts, weder außen noch innen, obwohl des einen Eltern reich waren,, und die des andern nur gerade knapp ihr Auskommen hatten.

Wir wollen's schon fein machen, Friede", sagte der reiche Bastian,der Pastor soll seine Freude an uns haben. Ja, die zwei; soll er mal sagen; wenn er alt und kitzegrau geworden ist, die zwei beiden waren meine besten Schüler".

Mach's nur mäßig", antwortete Friede, mit ver­legenem Lachen;Du vielleicht, ich doch lange nicht".

Ei was", fiel der Bastian wohlwollend ein, sei nicht zu bescheiden. Ein paar Sprüche kann ich schon mehr als Du, und die Beispiele fallen mir was schneller ein, aber gelernt hast Du Dein Sach auch, und das andre: brav sein und nicht lügen, und den Sonntag heiligen, und keinen totschlagen, weißt Du, das kannst Du alles eben so gut, wie ich".

Na ja, was sich so von selber versteht".

Mittlerweile waren sie an das Gehöft von Sebastians Vater gekommen. Gleich daneben lag das kleine Anwesen von Friedes Eltern.

Gehst nich morgen mit nach der Stadt?" fragte Bastian.Ich kauf mir Einsegnungsstiefeln. Vater hat fünfzehn Mark dazu spendiert".

Hui! ist das üppig! für acht Mark giebt's auch schon welche".

Aber Bastian setzte dem Friede auseinander, daß man zur Einsegnung unbedingt ein Paar neue Stiefeln von bester Art anziehen müsse, und daß es nur für fünfzehn Mark welche mit roten Strippen gäbe.

Nachdenklich kam Friede nach Hause und ließ das Schwatzen während des ganzen Abendbrotes: die Kon­firmationsstiefeln gingen ihm im Kopfe herum.Trapp, trapp", dickbesohlt, blitzeblank, mit feuerroten Strippen.

Na, Junge?" fragte der Vater endlich, kopfschüttelnd, wäjs ist Dir denn über die Leber gelaufen? Schüttst doch sonst den ganzen Sack voll Erlebnisse aus, wenn Du heim kommst?"

Ich bedenk mich blos, Vater", antwortete Friede, der sich von selber gewiß nicht mit den Schuhen heraus­trauen würde.

Nu? was bedenkst Du denn, was so Schwieriges, Du Gescheidle?"

Also ermutigt, brachte Friede die große Neuigkeit von Bastians kostbaren Einsegnungsstieseln zu Tage.Fünfzehn Mark sind grausam viel Geld, nicht wahr Vater?"

Die Mutter rief ach. und weh über solche Verschwen-i düng, der Vater schmunzelte heimlich.