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jfSß/er, welchem ein bescheiden Los genügt, Hat einen Schatz, der nie versiegt; Dem nnersättlichen in jeglichem Genuß Wird selbst das Glück zum Ueberdrnß.
L. Bechstein.
Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Als Nettchen nach den vielen Stunden einsamen, hoffnungslosen Wartens, in denen jeder Tritt eines. Passanten, jedes Rollen einer Droschke, ihr Fieberschauer der Erwartung über den Leib gejagt hatten, zum Bewußtsein ihrer Lage erwachte, da vermochte sie diese noch nicht gleich zu erfassen. Eine bohrende Ahnung über sagte ihr, daß diese eine Nacht nur der Anfang einer Kette anderer Enttäuschungen, .Hoffnungslosigkeiten und Demütigungen sei, und daß so wie heute ihr Gatte sie noch unzählige Mat über fremde Menschen nnd eigene Wünsche vergessen würde.
Sie aber liebte ihn, und während der ganze Schmerz dieser Liebe sie wie ein Orkan durchtobte, fühlte sie, daß aus dieser Liebe ihr besseres Selbst emporgestiegen war wie ein Phönix. Verschwunden, versunken war das leichtlebige Geschöpf von einst, Wünsche, Pläne und Hoffnungen, die in der Liebe, nur in der Liebe gipfelten, und deren seligstes Ziel ein stilles, häusliches Leben war, hatten jn ihrem Herzen Platz gewonnen, und erfüllten sie mit einer unendlichen Sehnsucht, einer nie gefühlten Bangigkeit.
Es war heller, klarer Morgen, als Jerome nach Hause kam.
Er fand feine Frau, so wie er sie am Abend verlassen hatte, am Fenster sitzen, bleich, von Kälte ganz erstarrt, und ihn nur mit einem düsteren Blick messend.
Sie war ihm unheimlich. Sie, die er jammernd, weinend, voll Trotz, und Zorn in heftiger Kampfesstellung vermutet hatte, blickte ihn wie eine Fremde mit weit aufgerissenen Augen an. Und ohne daß er wagte, das von ihm in Bereitschaft gehaltene Rezept, sie mit einer leicht entschuldigenden Bemerkung in die Arme zu ziehen, anzu- wenden, schlich er sich mit einer scheuen Bewegung an ihr vorbei.
Nicht immer bei den nun folgenden Gelegenheiten hatte Nettchen sich gleicherweise in Gewalt.
Von der Höhe der Empfindung, wie sie die erste, bittere Erfahrung mit sich gebracht hatte, stürzte sie hinab
in das kleinliche Martyrium aller unglücklichen und vernachlässigten Frauen, das sich in Jammer, Thränen, entsetzlichen Ausbrüchen und verzweifelten Drohungen Luft macht.
Jerome entglitt mehr und mehr ihren Händen, das fühlte sie, und die Verzweiflung darüber bekam einen fo wilden Ausdruck, daß sie oft den Anstrich der maßlosen Wut annahm.
Je ungestümer sie sich geberdete, desto gleichgiltiger blieb Jerome. Jn seinem glatten, schönen, regelmäßigen Gesicht verzerrte sich keine Miene, während er seiner Frau in ungezählten Szenen gegenübertrat. Aber mit diesem unbewegten Gesicht warf er iht noch härtere Worte hin, als sie ihm gegenüber in ihrer Hellen Verzweiflung gebrauchte. Worte wie „Wäre ich Dich los!" „Klette!" „So mach doch Ernst und gehe."
Unter solchen Worten, die in so ruhigem Tone fielen, zuckte Nettchen zuerst wie unter einem Blitzstrahl zusammen. Sie starrte betäubt wie in Flammen, konnte nicht fassen, begreifen, daß diese Worte wirklich gefallen waren. Dann, als sie sich wiederholten, als die Szenen anfingen, etwas gewöhnliches zu werden, starb auch dieser furchtbare, das Herz zerreißende Schreck; eine gewisse Gefühllosigkeit trat ein, nnd um ihre Mundwinkel gruben sich Falten, die Hohn und Selbstverachtung grub.
Mitunter faßte sie vor diesem ganzen frühen Elend ein Ekel, eine Art physisches Grauen, und ihr war es, als müsse sie sich aufmachen, fliehen, weithin, ins Unbekannte, — an einen Ort, wo kein Schimpfwort klang, kein greller Ton, keine finstere Verwünschung — an einen Ort, wo nichts als Frieden wäre, endlose, endlose Weite, in welche sie sich verlieren könnte, ganz still, von niemandem gesehen.
Dann aber kamen wieder Tage, wo ihr Herz in neuer Hoffnung schwoll. Stunden,' wo Jerome zärtlich und gefällig zu ihr war, wo er ihr Liebesworte sagte. Aber immer seltener wurden diese Stunden, und zuletzt gewöhnte sie sich, sie nur als eine Art Opfer anzusehen, die er ihr nach besonders starken Vernachlässigungen brachte.
Noch immer (produzierte sich Röllchen des Abends t-nit ihrer vierfüßigen Truppe, die sie um mehrere Exemplare bereichert hatte. Noch immer verdieute sie einen guten Teil des Lebensunterhaltes, aber noch immer war Jerome mit ihren Leistungen unzufrieden, und sagte ihr, sie könne ganz anders verdienen, wenn sie nur wolle.
Sie zergrübelte die Worte in ihrem Kopf, strengte sich an, auf neue Ideen zu kommen, doch sie gelangte zu keinem Resultat. Die Frische und Elastizität, mit der sie früher an ihre Aufgaben gegangen war, fehlten ihr nunmehr; wie bleierne Müdigkeit lag es oft über ihrem Wesen. Eine tiefe Unlust gegen ihr Handwerk begann sie mehr und


