134 —
Es war der erste Festtag in Johannes Leben, als sie sich zu diesem Besuche rüsten durfte.
Die Tante hatte es nur widerwillig erlaubt. Aber den Bitten der beiden Frauen, deren Pflegetochter so ausgiebig an dem Kursus beteiligt war, wagte sie auf die Dauer keinen Widerspruch entgegenzusetzen.
„Bist Du fertig?" fragte Fräulein Windelbach mit rauher Stimme, als die Nichte zum Ausgehen bereit vor ihr stand.
Mit gesenktem Blick sagte die Kleine: „Ja!"
„Und was wirst Du sagen, wenn man Dich fragt, wie ich Dich halte?" herrschte die Tante.
»Ich — ich werde sagen, daß Du mich — gut hältst" — flüsterte Johanne, inoem sie nach dem Ellenmaße schielte.
„Du Gans", entgegnete die Tante, indem sie aufstand und durch diese einzige Bewegung den Vogel in die Ecke jagte, „sehr gut, wirst Du sagen — hörst Du wohl, ausgezeichnet hielte ich Dich, wie es nur der Wahrheit entspricht, Du undankbares Ei, — und siebzig Thaler im Jahr schenkte ich Dir für geleistete Müh'n" —
„Sieben Thaler im Jahre", flüsterte Johanne nafr betend; ihr schwindelte vor der Summengröße, und ihr ungeübtes Zahlengedächtnis verwirrte sich.
„Siebzig Thaler, Narr", verbesserte die Tante aufgebracht. „Und wenn man Dir etwas anbietet, — Kuchen oder Obst, so nimmst Du es, und sagst, das brächtest Du Deinen kleinen Brüdern, die in Weißensee in der Rettungsanstalt säßen." —
Johanne dachte an die kleinen Gräber in Weißenfee, die in der That vielleicht die beste Rettungsanstalt für die Brüder geworden waren.
„Und was soll ich dann noch sagen?" fragte sie in demütigem Gehorsam.
Die Tante reckte sich, daß die Stangen an ihrem Panzer knackten und knirschten. „Sag' was Du willst, aber sprich keine Dinge, die mich nicht angenehm berühren würden", entgegnete sie mit einem kalten Blick. „In Deiner Familie liegt eine elsternhafte Plapperhaftigkeit. Sie könnte Dich den Schnabel kosten."
---Johanne ging, und der unklare Sinn der Drohung verfolgte sie, so lange sie durch die Menschenfluten schritt. Sie dachte über alle Benennungen nach, die ihr die Tante bisher hatte zuteil werden lassen, und in ihrem verwirrt grübelnden Sinn stiegen Bezeichnungen wie „Schnabel, Pfote, Schnauze, Rüssel" auf, welche alle die Tante in Bezug auf ihre, Johannes Persönlichkeit, so gerne angewandt hatte, und sie stellte sich die Beschaffenheit eines Tieres vor, das alle diese Merkmale in einer Gestalt vereinigen könne. —
Es war ein klarer, goldener Herbsttag, und je rascher sie ging, desto freier wurde ihr Herz, desto mehr fiel aller, Jammer des häuslichen Lebens von ihr ab.
Sie sah kleine Mädchen an den Ecken stehen und Veilchen verkaufen, und der Wunsch stieg in ihr auf, auch noch einmal ein solches kleines Mädchen zu sein, zehn Jahre oder zwölf, und mit nackten Füßchen in der Welt herum zu stehen, und noch nichts zu wissen von den harten Herzen der Menschen.
Dann wieder betrachtete sie die Kinderwagen, die langsam in der Sonne spazieren gefahren wurden, und eine schwärmerische Zärtlichkeit erwachte in ihrem Herzen zu den zarten, rosigen, kleinen Geschöpfen, deren sie gerne auch wohl eins gehabt hätte, um es wie die Mütter und Ammen hoch in die Luft zu heben, oder ihnen zuzurufen:
„Kuckuck — wo bin ich? — Dadadada!"
In Phantasieen verloren schritt sie so behaglich und genießend weiter wie all die anderen Sonntagsbürger, die sich in einer Promenade ergingen.
Sie merkte kaum, daß sie nun vor dem Hause stand. Rot vor Erwartung sprang sie die Treppen hinan und läutete die blitzblanke Glocke, die zu dem Entree der Brinkmanns führte. v
Die Mutter selbst öffnete ihr und reichte ihr beide Hände entgegen. „Aber wo ist Nettchen?" sagte sie dann, indem sie erstaunt ganz auf den Flur heraustrat.
„Nettchen?"
„Sie ist gleich nach Tisch aufgebrochen, um Sie bei der Tante abzuholen. Sie hat also Sie verfehlt!"
„Ich bin doch aber ganz langsam gegangen; Fräulein
Nettchen mußte mich längst eingeholt haben", wandte Johanne ein, indem sie bescheiden stehen blieb.
„Nun, sei dem wie ihm wolle", sagte Frau .Brinkmann, auf deren Stirn sich eine Wolke bildete. „Sie wird ■ und muß jeden Augenblick hier sein. Kommen Sie, liebes Kind, ich will Sie meinem Sohne vorstellen. Sie sind Nettchen eine so gute Freundin geworden. Das will viel sagen. Sie schließt sich sonst an niemand an, oder doch nur an Leute, die wiederum zu uns und unserem Hause ganz in Widerspruch. stehen."
Die letzten Worte klangen bitter, fast schmerzlich. Johanne schlug erstaunt die Augen auf, in denen sich die ganze Unerfahrenheit ihrer Seele abspiegelte.
„Doch das sage ich nur so hin", verbesserte sich Frau Brinkmann rasch, indem sie mütterlich ihren Arm um das junge Mädchen schlang. „Sie sollen nicht darauf hören."
Sie traten in das Wohnzimmer ein. „Das ist Herr Paul?" sagte Johanne zaghaft. Er hatte sich erhoben und war rasch zu ihr getreten. Freundlich drückte er. ihre Hand. Er fühlte ihre Befangenheit, und ihn, der selbst so schüchtern und befangen war im Leben, ergriff sofort ein sympatisches Gefühl für das tief errötende Mädchen. Das war kein Wesen, dem er auszuweichen brauchte. Keine von denen, die ihn in Scheu und Bangigkeit versetzten. „Nehmen Sie Platz, Fräulein Johanne", bat er. Und während die Mutter ihn heimlich ganz erstaunt betrachtete, holte er einen Stuhl herbei, nahm Johanne den Hut ab und hängte ihren Mantel am Thürpfosten auf, kurz, erging sich in Galanterieen, die man bisher noch nie an ihm beobachtet hatte. „ _
Johanne hatte richtig einen Sofaplatz erhalten. So sehr sie sich auch dagegen sträubte, Frau Brinkmann hatte sie darauf niedergedrückt.
„Denke, Paul", sagte Frau Brinkmann,"Indem sie mit der scharfen Klinge ihres Messers in den Kuchen schnitt, ohne jedoch die Augen von der Thür zu wenden, „Nettchen ist nicht mitgekommen, sie hat Fräulein Johanne verfehlt. Sie müßte nunmehr eigentlich längst zurück sein, aber ich glaube wohl, daß Fräulein Windelbach sie noch ein wenig aufgehalten haben wird.--
Paul sah seine Mutter mit seltsamem Blicke an. Eine tiefe Angst malte sich in seinem Auge.
„Wer weiß, wo sie sonst noch herumläuft, die Mariell", sagte die Großmütter, die in einer Ecke am Fenster saß und sich einen mächtigen Kaffeetopf dorthin erbeten hatte, „sie war doch heute den ganzen Tag wieder so seltsam, — kein Wort nicht gesprochen, und die Augen, die waren das einzige, was Leben hatte an ihr. War sie früher zu wild — jetzt ist sie stumm, — immer konträr, die Mariell, und nie so, daß einer weiß, was sie will."
Alle schwiegen und eine dumpfe, kleine Pause trat ein.
„Ich. ängstige mich um sie", sagte Paul, der die Rede der Großmutter finster angehört hatte. Sie ist nun bald drei Stunden von zu Hause fort. „Ich werde ihr entgegengehen, — vielleicht finde ich sie noch bei Fräulein Windelbach." — „
Die letzten Worte klangen erzwungen; alle fühlten, daß sie eine leere Phrase waren, und daß am allerwenigsten Paul seine launische Braut bei der strengen, abstoßenden Lehrerin vermutete.
Ehe jedoch auch nur jemand ein Wort erwidern konnte, war Paul aus dem Zimmer. „Langen Sie nur zu, Fräulein Johanne", sagte Frau Brinkmann, indem sie mit zitternder Hand ihrem Besuch! den Kuchenteller hinhielt. Johanne nahm ein kleines Stück. Und wieder hoben sich ihre Blicke erstaunt und ruhten groß und mit kindlicher Frage auf den Zügen der beiden Frauen.
„Es ist nichts", sagte Frau Brinkmann abermals ablenkend, „wir haben alle Drei den thörichten Fehler, uns immer allerlei dunkle Gedanken und Vorstellungen in Betreff unserer Pflegetochter zu machen." Und als wolle sie die Befangenheit, die sich so plötzlich über sie alle herniedergesenkt hatte, mit Gewalt verscheuchen, setzte sie rasch hinzu:
„Ich will Ihnen das Heim zeigen für das junge Paar."
Sie nahm den Arm des jungen Mädchens, und beide schritten nun hinüber in die kleine Wohnung, die aus


