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M reund, laß dir raten! Ja, das alte Lied. Am Scheideweg sogar, dem schicksalsvollen, Hält Herkules, bevor er sich entschied,
Erst alle seine Tanten fragen sollen, Ludwig Fulda.
Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.),.
Nettchen schritt in den Garten hinab. Es war ein Stück Wiese, an Ufern der Panke zwischen zwei Hofgrundstücken sich hinziehend. Frisch gewaschene Wäsche, die so stark geblaut war, daß sie auf das gelbe Wässerchen einen ultramarinfarbenen Abglanz warf, hing auf quergezogenen Leinen über die ganze Breite des „Gartens" hinweg. An dem lückenhaften Zaun, der das Nachbargrundstück abschnitt, war eine Bank angezimmert.
Nettchen sah, daß ein junges Mädchen die Bank besetzt hielt, und, obgleich die Unterrichtsstunden längst geschlossen, mit Hast und Eifer an einem Bettbezug nähte."
Langsam trat sie näher. Sie sehnte sich nach einer Anbahnung, einem Gespräch nach so viel Stunden verbohrten dumpfen Schweigens.
„Guten Tag, Fräulein!" sagte, sie. „Was nähen Sie denn noch? Der Kursus ist ja längst geschlossen."
Das junge Mädchen hob den Kopf. „Ich darf nicht sprechen", sagte es.
„Wie?" fragte Nettchen ganz erstaunt.
Das junge Mädchen hob abermals den Kopf. Mit großen, sanften Augen sah es die Fragerin an.
„Tante will es nicht, daß ich mit einer der Schülerinnen spreche", flüsterte sie. „Sie sagte, all die jungen Mädchen hier seien schlecht, oder doch wenigstens verdorben. Ich! würde nichts gutes von ihnen lernen, sagte sie."
„Ist Ihre Tante Fräulein Windelbach?" fragte Nettchen ganz verdutzt.
„Ja", flüsterte die Kleine.
Es lag etwas eigentümliches in dem „Ja". Es klang so hoffnungslos. Nettchen mußte wider Willen stehen bleiben.
„Wo haben Sie denn diese Risse her?" fragte sie rasch.
Die Kleine starrte auf ihre Finger, die rissig, wund, wie zerschunden waren.
.. "O' ~ nichts" wehrte sie, mit einem blöd verschämten Lächeln. „Ich habe gewaschen die Nacht — weiter Nichts."
„Und nun nähen Sie mit den Fingern! Leidet denn Ihre Tante das!" rief Nettchen voll Mitleid aus.
Die Kleine blickte mit stillem Blick empor. „Wenn die Eltern tot sind" — sagte sie.
Soviel selbstverständliches lag in diesem Wort. Eine plötzliche Wehmut ergriff Nettchen.
Sie trat an das Ufer und blickte den winzigen, schmutzig-gelben Fluß entlang.
„Mir geht es nicht anders", sagte sie. „Auch ich habe keine Eltern mehr. Aber man muß das Leben trotzdem ertragen."
„Sie sind verlobt", sagte die Andere bewundernd. Und rüdem sie aufstand, ihre Arbeit zusammenpackte und neben Nettchen trat, fügte sie langsam, fast feierlich hinzu:
„Wie schön tnüß das sein! Ich sehe so gern ein Brautpaar. Da ist es, als sähe man in den blauen Himntel Hinern."
.. Nettchen stand abgewandt. „Mir ist es nicht so", sagte SBalb ^tr l t’S' schaute ich in einen finsteren schwarzen
Eine schrille Stimme rief vom Hause her.
„Die Tante!" flüsterte das junge Mädchen. „Verraten Sre nicht, daß wir miteinander gesprochen haben" —
Sre lief ins Haus. Langsam folgte Nettchen nach.
< er nein dunklen Hinterzimmer war der Tisch gedeckt.
„ "dNeine Nichte, Johanne, — unsere neue Schülerin" stellte Fraulern Windelbach vor. „Bete, Johanne", fügte ^..sofort hrnzu, rndem sie mechanisch nach dem Ellenmaß
Johanne betete so rasch und laut, als stehe jemand hrnter rhr und klopfe auf ihrem Rücken den Takt dazu. ,. "Ber uns geht alles rasch, - das Leben ist kurz, und dre Arbert, dre bewältigt werden will, ist viel", erklärte Fräulein Windelbach, indem sie mit eisernem Griff nach her Suppenterrrne langte. „Darum sprechen wir nicht bei Tisch. Gespräche halten den Fortgang der Arbeit auf. Wir sprechen überhaupt nicht, außer wenn es die Notwendig- kelt erfordert. Weder ich noch Johanne sind plapperhaft."
Johanne blickte auf, und einen Augenblick malte sich in ihren Augen ein hilfloser Widerspruch.
„Räume ab", sagte Fräulein Windelbach, und wieder sagte sre es mit dem Ellenmaß.
„Wie halten Sie das aus?" fragte Nettchen empört hinter der vorgehaltenen Hand, als sie nun der Nähstunde wieder zuschritten.
Die Kleine sagte kein Wort. Aber wie sie so herqina vor Nettchen, war es der, als flattre ein Vogel mit gebrochenen Flügeln in den dunklen, dumpfen Arbeitsraum.
„Sie müssen mich einmal besuchen kommen", sagte re rasch. „Ich will Ihre Tante schon dazu bringen. Ich habe eine Mutter und eine Großmutter zu Haus: denen werden Sie gleich gefallen."


