Ausgabe 
8.2.1900
 
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Wenn Du dreißig Jahre alt bist, kannst Du eine reiche Erbin heiraten, aber von solchem Volk und Ladenmädchen darf keine Rede mehr sein. Das Mädchen mag ja un­schuldig gewesen sein an dem Vergehen, aber Du mußt Dich von solchen Leuten fernhalten, sonst klammern sie sich an Dich. an. Ich habe alles überlegt. Du sollst den Namen Atword zu höheren, Ehren bringen, als mir mit all meinem Geld möglich ist.

Robert war tiefbewegt; denn er hatte keine Ahnung, daß sein Onkel so weitreichende Pläne für seine Zukunft hegte. Wenn ihm auch die kalte Selbstsucht in dem Pro­gramm mißfiel, so war doch sein starker Ehrgeiz lebhaft erregt. Er wußte, daß das keine leeren Hoffnungen seien und daß sein Glück gemacht war, wenn er sich dem Onkel fügte. Mildred liebt Dich nicht und wird Dich niemals lieben; selbst jetzt, ivo Du so viel für sie gethan hast, schreckt ihr Herz vor Dir zurück, flüsterte sein Ehrgeiz. Warum solltest Du solche Aussichten ihretwegen wegwerfen, während sie einen andern liebt? Und wenn Du dem Onkel nachgiebst, so kannst Du mehr für die Familie thun, als Du jemals dachtest.

Es war wirklich die größte Versuchung seines Lebens, und er schwankte.

Onkel, sagte er unschlüssig. Du hast mir wirklich ver­lockende Aussichten eröffnet, und ich danke Dir für Deine väterlichen Gesinnungen gegen mich. Da Du so offen bist, will auch ich aufrichtig sein.

Er erzählte ihm ausführlich alle seine Beziehungen zu Howells und versuchte, den alten, erfahrenen Kaufmann zu überzeugen, daß sie nicht gewöhnliche Leute seien.

Sie sind sehr gefährliche Leute, unterbrach ihn der Alte ungeduldig. Was Du von dem Mädchen sagst, ist reiner Unsinn, sie würde Dich morgen heiraten, wenn sie könnte. Solche Leute denken nur daran, sich aus den Schlingen zu retten, in die sie gefallen sind. Ich sage Dir, das ist die gefährlichste Sorte von Menfchen! Also höre mich an, junger Mensch! Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet und habe ein Recht darauf, meine Bedingungen zu stellen. Ich habe niemals spekuliert, und heute bin ich eine halbe Million wert, Robert, hahaha! Doch das bleibt unter uns! Aber nun merke Dir, Du mußt diese Leute aufgeben! Dein Vater und Deine Mutter sind derselben Ansicht, und es ist Deine Sohnespflicht, zu gehorchen. Also versprich mir das mit dem Worte eines Atword!

Robert war kein Heiliger, und Selbstverleugnung war ihm nicht angeboren. Er besaß auch Atwordsche Charakter­eigenschaften in genügendeni Maße, um die Beweiskraft der Gründe seines Onkels zu erkennen. Seine Anerbie­tungen führten ihn in schwere Versuchung. Dann aber erschien das bleiche Gesicht von Frau Howell, welche zu ihm mit Vertrauen und Dankbarkeit aufsah. Er erinnerte sich an das Versprechen, das er Bella gegeben hatte, ihr ein schützender Bruder zu sein, und dann erinnerte er sich der Worte, die er zu Mildred gesprochen hatte: Ich bin Ihr Freund, zweifeln Sie nie daran! Wie falsch hätte er erscheinen müssen.

Eine Zeit lang herrschte ein schrecklicher Kamps in seiner Brust, während er mit langen Schritten durchs Zimmer ging. Sein Onkel beobachtete ihn neugierig und mit einfältigem Erstaunen darüber, daß er überhaupt schwanken konnte.

Robert kämpfte wie ein echter Atword. Er war seinem Onkel ähnlicher, als der alte Kaufmann je geglaubt hatte. Sein Ehrgeiz dürstete nach Macht und Ehren, aber man verlangte, er solle seine Ehre und seine Liebe zum Opfer bringen. Mußte nicht Mildred, so arm und niedergedrückt sie war, ihn verachten, wenn er jetzt nachgab? Nicht durch ritterliche Antriebe und Vorstellungen, sondern durch das langsame, bedächtige Nachsinnen einer kaltblütigen Rasse kam er nun zu einem Entschluß.

Was meintest Du damit, Onkel, fragte er ruhig, mit dem Worte eines Atword?

Das mußtest Du wissen. Seit Generationen lebt un­sere Familie auf den Granithügeln von Forestville, und obgleich wir arm waren, galt doch immer unser Wort wie eine Verschreibung.

Das höre ich gerne, erwiderte der Neffe. Nun, mein Wort ist bereits gegeben, ich habe dieser schwergeprüften Frau versprochen, ihr beizustehen, ich habe ihrer Tochter

Bella versprochen, ihr ein Bruder zu sein, tch habe dem Mädchen, das ich liebe, versprochen, wenigstens ehr ein Freund zu sein, wenn ich ihr nicht mehr sein könne. Ich werde mich als ein wahrer Atword bewähren, der wert ist, den Namen und und die Ehre der Familie aufrecht zn erhalten, indem ich meine Versprechungen halte. Wenn rch sie brechen würde, so würdest Du selbst tief in Demem Herzen mich verachten.

Einen Augenblick war der alte Kaufmann verdutzt über die geschickte Weise, wie Robert seine Worte gegen ihn gewendet hatte, dann aber wurde er plötzlich ärgerlich, wie die meisten Leute, wenn sie sich in eine falsche «Stellung gebracht sehen. .

Unsinn! rief er. Das paßt hier gar ntcht. Dre;e schlauen Weiber haben Dich eingefangen; ich kenne bie Welt! Das ist alles Wahnsinn, und ich sage Dir offen, Du mußt zwischen mir und diesem Volk wählen! Wenn Du Dich durch solchen Unsinn leiten läßt, so bist Du schwächer als Wasser, und je früher Dich die bittere Er­fahrung lehrt, desto besser, denn Du gehörst zu den Leuten, welche nur durch harte Ersahrung belehrt werden können. Aber ich möchte nur diese dreisten Kreaturen sehen und ihnen die Meinung

Halt! donnerte Robert. Nimm Dich in acht, noch ein Wort gegen diese Familie zu sagen, welche das Unglück geheiligt machen sollte! Du weißt weniger von ihnen, als vom Himmel! Hast Du vergessen, daß ich mündrg bm? Du hast mir ein Anerbieten gemacht, und ich danke ®ir ehrlich dafür, ja, ich war sogar niedrig genug, mich da­durch in Versuchung führen zu lassen. O ja, lachte er bitter, ich war Atword genug dazu. Hättest Du nicht die Bedingung gestellt, daß ich wie ein Feigling Hilflose und Unglückliche verlassen sollte, denen ich mein Wort gegeben habe, so würde ich Deine ehrgeizigen Hoffnungen erfüllt und Dein Alter durch meine dankbare Liebe erheitert haben. In Deiner Kaltherzigkeit aber hast Du Dich selbst über­troffen und thust Dir selbst mehr Leid an, als mir, wenn ich auch auf der Straße untergehen sollte. Aber ich werde nicht verhungern, denke an meine Worte! Ich werde den Namen Atword höher bringen, als Du mit all Deinem Gelde vermagst, und werde nicht gebrochene Treue zur Grundlage meines Glückes machen!

Nun gut, erwiderte der Onkel äußerlich ruhig, aber in heißglühendem Zorn, da Du dieses nichtswürdige Volk Deiner Familie vorziehst, so gehe zu ihnen!'Ich wasche meine Hände in Unschuld und werde heute Deinem Vater darüber schreiben.

Frau HoweL und ihre Töchter sind kein nichtswürdiges Volk, nicht mehr, als Du selbst. Ich kenne die Pflicht gegen meine Eltern und werde sie erfüllen, ich werde ihnen auch schreiben. Kann ich hier noch eine Nacht zubringen oder soll ich auf der Stelle gehen?

O, Du kannst bleiben, sonst würdest Du bald in der­selben Zelle stecken, in der Dein Ideal die letzte Nacht zugebracht hat, erwiderte der Onkel, dessen Wut alle Grenzen überschritt.

Diese Worte sind brutal, sagte Robert scharf und nach ruhiger Ueberlegung wirst Du Dich ihrer schämen.

Damit verließ er das Haus und schlug die Thüre hinter sich zu.

Der alte Kaufmann sank in einen Stuhl und zttterte vor Wut und Kummer. Er bedauerte die Worte, sobald er sie ausgesprochen hatte, und selbst in seiner Erregung machte sich ein gewisser, rauher Sinn für Gerechtigkeit fühlbar. Er gestand sich ein, daß sein Neffe seinem Gefühl für Recht und Ehre treu geblieben war, wenn er auch natürlich ein ausgemachter Narr war. Der Gedanke quälte ihn. Da Robert diesem Volk so treu ist, würde er mir auch ebenso treu gewesen sein. Jetzt aber hatte er Worte gesprochen, welche seines Bruders Sohn um Mitternacht aus dem Hause jagten. Stöhnend und mit einem Fluch', beschloß er, heute abend nicht zu schreiben und abzuwarten, wie er am andern Morgen denken werde. Sein Neffe hatte sich als ein ebensolcher Barbar erwiesen, als er selbst. Jetzt erinnerte er sich daran, daß Robert durch sein heißes, junges Blut etwas entschuldigt war und ein Recht besaß, sein Anerbieten anzunehmen oder zurückzuweisen, wenn er ein solcher Narr sein konnte, ohne dafür beleidigt zu werden.