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Menge runder oder länglicher Knollen, von denen er auf Befehl seines Herrn sogleich eine Anzahl kochen mußte. Nachdem er davon gekostet, änderte sich plötzlich feine Ansicht, er fand sie geradezu köstlich von Geschmack "und widmete sich fortan mit Eifer ihrer Vermehrung und Kultur.
Von Willberg wird diese Geschichte noch ergötzlicher erzählt. Danach hatte der Admiral einem englischen Freunde Kartoffeln zur Aussaat mit dem Bedeuten uber- lassen, daß es sich um eine höchst.treffliche, nützliche und nahrhafte Frucht handle, deren Anbau er für fein Vaterland als äußerst ersprießlich erachte. Der Freund befolgte wißbegierig alle Weisungen Franz Drakes, unglücklicherweise hielt er aber die am Kraute Hängenden Samenäpfel für die eigentliche Frucht. Da es nun Herbst war, und die Knollen schön gelb geworden, lud er eine Menge vornehmer Herren zu einem Gastmahle ein, wobei es hoch herging. Am Ende kam auch eine zugedeckte Schüssel, deren Enthüllung der Hausherr mit einer feierlichen Rede über den Ursprung und der Bedeutung ihres Inhalts begleitete. Die Samenäpfel waren in Butter gebacken und mit Zucker und Zimmt bestreut worden — neugierig machten sich die Gäste alsbald darüber her, aber jedem blieb der Bissen im Munde stecken; denn das Zeug schmeckte abscheulich. Wütend ließ der Gastgeber die Kartoffeln aus seinem Garten ausreißen. Als er einige Zeit darauf in letzterem spazieren ging, sah er in der Asche eines von dem Gärtner entzündeten Feuers schwarze runde Knollen liegen. Er zertrat ein solches Ding, und da es inwendig so schön weiß und mehlig war und ihm so lieblich entgegenduftete, fragte er den Gärtner, was das wohl sei, und bekam den Bescheid, es seien das Knollen, die unten an der Wurzel der amerikanischen Pflanze gehangen. Jetzt begriff der Herr seinen .Irrtum, er ließ die Knollen fammeln und veranstaltete ein zweites Gastmahl, bei dem sich dieselben Gäste die .erst so verlästerte Frucht aufs beste schmecken ließen.
Derlei Irrtümer mögen am Anfang wohl häufig gewesen sein, deshalb kann man der Anekdote immerhin Glauben schenken. In England führten die Kartoffeln ihren virginischen Namen „Potatoes", sie wurden lange Zeit Mr in Gärten gezogen und gelangten erst 80 Jahre später zur Verpflanzung im offenen Felde. Nach Deutschland kamen die Kartoffeln erst am Anfang des 17. Jahrhunderts, und zwar nicht über England, sondern über Spanien und Italien. Die Spanier bezogen dieselben unter dem peruanischen Namen „Papas"! noch früher als die Engländer aus Mexiko und Peru, von ihnen erhielten sie die Italiener, die sie „Tartuffoli" nannten, woraus die Deutschen später „Kartoffel" machten. Schon im Jahre 1587 soll ein Arzt in Breslau, Lorenz Scholz, die neue Frucht in seinem Garten gezogen, und ein Jahr später der päpstliche Nuntius in Brüssel einige Knollen an den Aufseher des botanischen Gartens in Wien, Karl Clusius, gesandt haben. Mit der Verbreitung in Deutschland sowohl als den übrigen Ländern ging es jedoch äußerst langsam. Im Jahre 1616 erschienen die Kartoffeln noch, als etwas ganz seltenes auf der königlichen Hoftafel in Frankreich ; in England kostete 1618 das Pfund noch 2 Schillinge; in Schlesien wurde noch 1705 die Kartoffel als Delikatesse mit 6 Kr. pro Thaler versteuert.
In Böhmen führte die Kartoffeln ein daselbst einquartierter niederländischer Offizier ein, dessen Bericht über die in seinem Vaterlande bereits bekannte Frucht mit soviel Unglauben ausgenommen worden war, daß er sich sofort eine Partie derselben senden ließ. Nach Württemberg brachte am 22. April 1701 der Waldenser Antoine Seignoret die Kartoffeln, indem er dem Pfarrer Henri Arnaud 200 Stück zur Verfügung stellte, der später hie erzielte Ernte an alle deutschen Waldenser Gemeinden verkeilte. Preußen bekam sie erst 1720 aus der Pfalz; nach Sachsen brachte gegen. 1647 der Bauer Hans Rogler aus Selb im Voigtlande von Roßbach die ersten Erdäpfel, ihre Kultur machte jedoch wenig Fortschritte, sodaß sie 1717 durch den Generalleutnant von Milkau aus Belgien nochmals eingeführt wurden. Ueberall baute man die Kartoffeln lange Zeit nur in Gärten an, erst im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts begann man sie mehr im offenen Felde anzupflanzen. Der Hauptgrund hierfür lag wohl in wirtschaftlichen Hindernissen, die Landwirte mußten mit dem System der reinen Brache brechen, bevor
sie Raum für den Kartoffelbau im großen gewinnen konnten. Man widerstrebte indessen auch noch aus Vorurteil, hielt die wackere Kartoffel, weil sie zu der giftigen Pflanzengattung der Nachtschatten gehört, für der Gesundheit nachteilig und glaubte, sie bilde nur eine für das Vieh geeignete Speise. Die arme Fremde stand vielfach sogar in dem Rufe, ihr Genuß mache dumm und stumpfsinnig, weshalb viele gar nicht wagten, von ihr zu essen.
Einsichtsvolle Männer erkannten gar wohl den Wert der Vielgeschmähten und bemühten sich, die herrschenden Vorurteile zu zerstreuen. Friedrich der Große schritt sogar zu Zwangsmaßregeln, wie er auch in manchen Gegenden die Saat des verkannten Gewächses unentgeltlich verteilen ließ. In der Mark Brandenburg nötigte er die Pächter und Bauern auf den königlichen Aemtern durch die Drohung, es werde ihnen im Unterlassungsfälle nie die geringste Remission bei Mißwuchs und anderen Unglücksfällen zu teil werden, zum Kartoffelbau, und noch im Jahre 1764 erließ er ein besonderes Reskript zur Beförderung desselben, was aber ebenfalls so wenig Erfolg hatte, daß. der König Soldaten schicken mußte, um überall die Felder untersuchen zu lassen. „Wir haben", heißt es in dem erwähnten Reskript, „mit nicht geringer Verwunderung vernehmen müssen, daß wie gegen alle nützlichen Einrichtungen, also auch gegen die dem Landmann so vorteilhafte Anpflanzung der Kartoffeln an einigen Orten ein Vorurteil herrschet, welches als die Ursache des geringen Anbaues zu betrachten ist. Da Wir nun aber um des allgemeinen Bestens willen die nützliche Sache, aller Widersprüche ohngeachtet, allgemein gemacht wissen wollen, so befehlen Wir Euch hierdurch in Gnaden, die Verfügung zu treffen, daß an denen Orten, wo per Kartoffelbau gar nicht getrieben worden, aus andern Creißern, wo solcher getrieben wird, soviel Kartoffeln angekauft werden, als dazu nötig find, daß jeder Bauer wenigstens ein Viertel, auch jeder Gärtner, welcher Ackerland hat, zwei Metzen davon erhalten kann, welche ihnen sodann gegen Bezahlung zu verabfolgen, und ihr darauf zu sehen habt, daß solche von ihnen künftiges Frühjahr gestecket und angebauet werden . . ." Wenn die Landleute konnten, umgingen sie alle Vorschriften und Verfügungen, erst die große Tenerung in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts belehrte die Menschen über den unschätzbaren Wert der gehaßten Frucht, da ohne die Kartoffeln, tote Dr. Putsche in seiner 1819 erschienenen Einzelbeschreibung der Kartoffeln berichtet, .vielleicht die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland Hungers gestorben wäre.
Also erst durch Schaden mußte man klug werden! Mehr und mehr verehrte man nun in der vorher Verachteten die treue, nützliche Freundin! Eigentümlich berührt es uns heute, wo der Gebrauch der Kartoffel so selbstverständlich und die Art ihrer Verwertung so allgemein bekannt ist, wenn man die zahlreichen Rezepte und Vorschläge liest, welche in jenen Zeiten erschienen, um die Nützlichkeit und vielseitige Anwendbarkeit der unscheinbaren Knollen dar- zuthun. So handelt in der erwähnten Beschreibung ein ganzer Teil „von der mannigfaltigen Anwendung der Kartoffeln"; es wird da in ausführlichen Artikeln dargelegt, wie man sie kocht, wie man Kartoffelmehl, Kraft- oder Stärkemehl, Kartoffelbrot, Kartosfelgrütze, Kartofselsago, Kartoffelbranntwein, Essig, Bier, Käse, Kaffee, Syrup und Zucker, Wein!u,sw. aus ihnen bereitet, sogar zum vorherigen Waschen der Kartoffeln ist eine umständliche Anleitung gegeben. Ferner wird ausgeführt, wie man sich ihrer statt der Seife, zur Verzinnung des Eisenblechs und der Schalen zur Fabrikation des Papiers bedienen kann — kurz, es wurde nichts versäumt, sie dem Volke im glänzendsten Lichte darzustellen.
Der Name Kartoffel, dessen Ursprung wir oben erklärt haben, ist, der gebräuchlichste, obgleich er erst seit 1770 aus der früheren Bezeichnung „Tartuffel" allmählich entstanden ist. Bei der Einführung in Deutschland führten sie fast in jeder Gegend einen anderen Namen, und ein Teil dieser Benennungen hat sich bis heute erhalten. In Jacob Theodors altem Kräuterbuch hießen sie „Grüblinge", in einzelnen Gegenden Artischokken, in anderen Erdäpfel, Erdbirnen, Grundbirnen, Artoffeln, Ertoffeln, Erdtuffeln, Toffeln, Töffelchen, Kartusfeln, Knollen, Nudeln, Knoll-


