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stellen vermögen, nicht allein in Deutschland, sondern überhaucht in Europa so gut wie unbekannt war, und- daß die fremde und sonderbare Knollenpflanze, als man sie bei uns einzuführen versuchte, nicht etwa mit Freude Und Beifall begrüßt wurde, sondern allenthalben dem größten Mißtrauen, der offenbarsten Unlust, ja sogar ausgesprochenem Hasse begegnete, daß man sie für ein schädliches Gewächs hielt und dem Aberglauben alle möglichen Konzessionen in Bezug auf ihre Wirksamkeit einräumte.
Ueber die Herkunft des trefflichen Gewächses wissen die meisten von uns wenig mehr, als daß es aus Amerika stammt und von Franz Drake nach Europa gebracht worden ist. Letzteres ist nur halb richtig, wie uns überhaupt wie . bei der Darstellung so mancher anderen wichtigen Begebenheiten auch in der Geschichte der Kartoffel die eigentümliche Thatsache entgegentritt, daß wir von den betreffenden Vorgängen recht wenig zuverlässiges wissen, obwohl die Einführung der Kartoffel doch kaum 1300 Jahre zurückliegt, also zu einer Zeit stattfand, in welcher Chronisten und Geschichtsschreiber eine äußerst rührige Thatig- keit entfalteten. Allerdings ist die Erscheinung leicht erklärlich — niemand konnte eben im voraus ahnen, um was für eine hervorragende Kulturpflanze es fich Han- , beite, sonst würde man derselben von vornherein mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben. Weiß man denn, wenn ein Kind geboren wird, ob dasselbe dereinst ein großer Mann werden wird?
Als die Heimat der Urkartoffel, einer nierenformigen, länglich dunkelgrauen Frucht von unangenehm süßlichem Geschmacke, ist wohl Peru anzusehen; unter den Namen Papas wurden die Kartoffeln dort schon lange als ein vorzügliches Nahrungsmittel geschätzt. Andere Geschichtsschreiber geben zwar Virginien als das Vaterland unserer Pflanze an, doch hat es mehr den Anschein, als habe sich von Peru aus die Kartoffel allmählich über die benachbarten Länder verbreitet und sei auf diese Weise auch nach Virginien gelangt; ja, in einer älteren Einzelbeschreibung wird sogar behauptet, daß Franz Drake sie zuerst 158o nach Virginien gebracht habe. Die erste Nachsicht über die Verwendung und Einführung der Kartoffeln stammt aus dem Jahre 1565, wo ein Sklavenhändler John Hawkins eine Partie aus Santa Fe nach Irland überführte. Vermutlich benutzte er die Früchte als Nahrung für seine Sklaven, jedenfalls diente die Person des Ueberbrmgers dem neuen Gewächs keinesfalls als Empfehlung, auch mag dieses selbst sich in so unansehnlichem Zustande befunden haben, daß niemand Lust bezeigte, mit dem Anbau einen Versuch zu machen. Letzteres war vielleicht auch die Ursache der später zutage tretenden Abgeneigtheit, sich mit der Kartoffel zu befassen.
Der nächste, welcher einen neuen, wenn auch verfehlten Versuch zur Einführung der Kartoffel unternahm, war der englische Admiral Walter Raleigh, der sie 1584 in Virginien vorfand und in seinem Garten zu Aonghall in Irland anpflanzte.. Erst zwei Jahre später, 1586, erscheint der berühmte Seefahrer Franz Drake auf dem Schauplatze. Bereits im Jahre 1578 hatte er die Frucht bei einer Landung in Peru kennen gelernt; er überzeugte sich auch von dem Nutzen der unscheinbaren Knollen, da dieselben chm und seinen Gefährten während einer Hungerperwde eine ausgezeichnete Speise gewährten. Bei seiner Rückkehr nach England (1586) führte er eine wohlerhaltene Ladung der Früchte mit sich, und er gab sich die größte Mühe, sie in seinem Vaterlande einheimisch zu machen, indem er nicht nur seinen eigenen Gärtner mit der Anpflanzung beauftragte, sondern auch dem berühmten Botaniker John Gerard eine Anzahl Samenknollen zur Verfügung stelte. Zunächst scheiterte freilich die Erkenntnis der Bedeutung der Pflanze an einem eigentümlichen Mißverständnis. Drakes Gärtner hielt nämlich die grünen Samenäpfel für die etz- bare Frucht des fremden Gewächses; als ihm diese genügende Reise erlangt zu haben schienen, kostete er davon, und fand sie natürlich, nichts weniger als wohlschmeckend. Aerqerlich begab er sich mit den grünen Kugeln zu seinem Herrn, um ihm sein Leid zu klagen. Mit verstelltem Ernst erwiderte ihm Drake, er solle die Pflanze, wenn er glaube, daß sie nichts tauge, sogleich mitsamt den Wurzeln aus dem Boden reißen. Das that denn auch der ^Gärtner — da fand er zu seinem Erstaunen unter jeder Staude eine
irre sind Sie die Besitzerin dieses kleinen Gegenstandes, den zu finden ich soeben das Glück hatte."
Sie war bei seiner Anrede erschrocken zusammen gefahren, nun aber, da sie das dargebotene Päckchen ansah, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Allerdings. Ich danke Ihnen, mein Herr! Es Ware ein schrecklicher Verlust gewesen."
Ein Ton lustiger Schelmerei war in ihren letzten Worten, und für einen Moment blitzten ihn die Augen übermütig an. Sie barg das gerettete Paket wieder tn ihrem Muff und neigte ein wenig das Köpfchen, tote zum Zeichen der Verabschiedung. Der Fremde aber zögerte noch, sich zurück zu ziehen. .
‘ „Die Umstände nötigen mich leider, emen kleinen Finderlohn zu beanspruchen", sagte er, und seme volltönende Stimme gewann durch den scherzenden Ausdruck einen überaus sympathischen Klang. „Ich bin, tote ich fürchte, vom rechten Wege abgekommen, und Sie sehen selbst, daß es hier außer Ihnen weit und breit fein menschliches Wesen giebt, das mich zurecht weisen konnte.
„Natürlich bin ich gern dazu bereit. Wohin wünschen Sie denn zu gelangen?" . .
„Nach dem Marktplatz, mein Fraulein. Ich habe tnt „König von Spanien" Quartier genommen."
„O weh, das ist noch weit, wenigstens für unsere Waldenberger Begriffe. Und ich weiß gar nicht, wie ich es ansangen soll, Ihnen den Weg zu beschreiben, wenn Sie hier unbekannt sind."
„Ganz unbekannt. Ich betrat das Gebiet Ihrer reizenden Vaterstadt heute zum erstenmale."
Sie dachte ein wenig nach und machte dann den Versuch, ihn zurecht zu weisen. Aber als sie sah, eine wie drollig ratlose Miene er bei ihrer Beschreibung machte, schüttelte sie lachend den Kopf. .
„Nein, nein, Sie werden sich nach niemer Schilderung natürlich niemals zurechtfinden können. Aber ich habe beinahe den nämlichen Weg. Wenn Sie wollen, werde
ich Sie führen." , . „
Der Unbekannte dankte ihr durch eine artige Ver
beugung. „ ., . ,
Das ist viel mehr Liebenswürdigkeit, als ich erhoffen durfte. Aber ich fürchte, daß Sie durch die Begleitung eines Mannes, den in ganz Waldenberg kaum jemand kennt, unliebsamen Vermutungen und Fragen ausgesetzt werden könnten. Deshalb bitte ich Sie nur um die Erlaubnis, Ihnen in einigem Abstand folgen zu dürfen. Ich werde auch dies als einen Beweis ganz besonderer Güte betrachten." c , ...
Die Art, wie ihr etwas unbedachtes Anerbieten zuruck- gewiesen wurde, mochte der jungen Dame wohl als ern Versuche erscheinen, ihr eine kleine Lektion tn ber Schicklichkeit zu erteilen. Sie wurde sehr rot und setzte mit einem etwas schnippischen: „Wie es Ihnen behebt, ntem herr!" ihren Weg fort, ohne dem Fremden noch' einen Blick zu schenken. E
(Fortsetzung folgt.)
Die Einführung der Kartoffel».
Von Hermann Grelling.
Nachdruck verboten.
Nächst einem Stücke gut gebackenen Roggenbrotes giebt e§ wohl kaum ein größeres und beliebteres Nahrungsmittel als eine zarte, duftige, mehlige Kartoffel! Brot und Kartoffeln sind neben dem Salz wohl die Hauptbedurfnisfe des Kulturmenschen geworden, und wenn es Tausende von Leuten atebt, die keine Bohnen, keine Macearont oder keine - Austern essen mögen, so findet sich doch wohl unter Millionen kaum einer, welcher dieses herrliche, wohlschmeckende, billige Gericht verschmähte Ganze Völkerschaften lebten fast ausschließlich von der kostbaren Frucht, und in teuren Zeiten und nach Mißernten erscheinen sie als die wahren Lebensretter der Armut, lieber den Wert der Kartoffeln noch ein Wort verlieren, hieße Frosche m einen Sumps setzen. Daher muß es uns heutzutage ganz befremdlich und wunderbar vorkommen, wenn wir erfahren, daß noch vor 200 Jahren die Kartoffel, ohne die wir uns das Leben und unsere Fluren garnicht mehr vorzu-


