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(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann.

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(Fortsetzung.)

Der Marktplatz von Waldenberg, an dem sich der König von Spanien" als eines der stattlichsten Gebäude erhob, lag im hellsten Wintersonnenschein vor ihm da. Aber er hatte ersichtlich ebenso wenig Aufmerksamkeit für das schmucke gotische Rathaus, als für den uralten steiner­nen Roland, das ehrwürdige Wahrzeichen der guten Stadt. Mit jener müden Gleichgiltigkeit, die dem etwas ver­schleierten Blick seines Auges eigentümlich schien, obwohl sie in einem seltsamen Gegensatz zu seiner kraftvollen und elastischen Persönlichkeit stand, überflog er seine Umgebung, um dann nach sekundenlanger Ungewißheit die Straße hinabzuschlendern wie jemand, der aufs Geratewohl in einer fremden Stadt flüdEjtige Umschau halten will.

Bis auf ein paar altertümliche Kirchen und Wohn­häuser gab es des Sehenswerten da freilich nicht allzu­viel; denn Waldenberg war eine bescheidene Provinzstadt, die etwas abseits von den großen Verkehrswegen lag, und deren Entwickelung daher während der letzten Jahr­zehnte nur sehr geringe Fortschritte gemacht hatte. Die Straßen waren .zum größten Teile noch ebenso eng und tvinkclig, wie vor zweihundert oder dreihundert Jahren; das Pflaster war erbärmlich, und eure, trübe Flüssigkeit wälzte sich langsam in den abgrundtiefen Rinnsteinen dahin. Ziemlich weit draußen erst, jenseits der ehemaligen Stadtmauer, deren ruinenhafte Ueberreste mit ihren ver­fallenen Türmchen und spitzbogigen Thoröffnungen manches Malerauge entzückt haben würden, ließ sich etwas von dem Geiste neuer Zeiten verspüren. Dem wohlhabenden Teile der Einwohnerschaft mochte es nachgerade doch zu un­behaglich geworden sein in dem Gewirr der Gassen und Gäßchen, und er hatte sich hier draußen einen neuen Stadtteil gebaut mit breiten, schnurgeraden Straßen und mit schmucken Häusern, die sich inmitten hübscher, wohl- gepflegter Gärten erhoben. Da gab es an Licht und Luft freilich keinen Mangel mehr, und int Gegensatz zu dem lauten Treiben innerhalb der zerbröckelnden Stadtmauer herrschte da auch jene tiefe Stille, die in Großstädten

als das charakteristische Merkmal der vornehmen Viertel gilt.

Den ehrwürdigen Bauwerken und den pittoresken Winkeln hatte der elegante Fremde nicht das geringste Interesse zugewendet; hier aber begann er seine Um­gebung mit prüfender Aufmerksamkeit zu mustern. Er ver­langsamte seinen Schritt, um die Namenschilder an den Pforten der Vorgärten lesen zu können, und er ließ seine Augen forschend über die einzelnen Häuser hinstreifen, als läge ihm daran, aus den Besonderheiten ihrer Bau­art und ihrer Ausstattung einen Schluß auf die Bewohner zu ziehen.

Mit einem Male jedoch hielt er mit dieser Beschäf­tigung inne, weil sein Blick an etwas anderem, etwas Lebendigem haften geblieben war. Und es lag nichts ver­wunderliches darin; denn dies Lebendige war eine zier­liche, jugendschlanke Mädchengestalt in eng anschließendem Jackett und mit einem allerliebsten koketten Pelzmützchen auf dem blonden Haar. Sie war aus einem der ver­schneiten Vorgärten getreten und kam nun eilenden Schrittes die Straße herab, dem Fremden entgegen. Der hatte also Muße genug, ihr geschmeidiges Figürchen und das reizende Gesicht zu betrachten, dessen Wangen die Winterluft leicht gerötet hatte.

Als die blauen Augen des jungen Mädchens dem Blick des unbekannten Mannes begegneten, senkten sie sich schnell zu Boden, und die langbewimperten Lider hoben sich nicht.mehr, bis er an ihr vorüber war. Aber der Fremde hatte doch eht paar Sekunden lang in die funkelnden Sterne schauen dürfen, und es mußte davon eine sehr angenehme Erinnerung in ihm zurückgeblieben sein, da es jetzt wie ein Lächeln auf seinem bärtigen Antlitz lag. Ein Dutzend Schritte noch machte er in der bisherigen. Richtung weiter; dann wandte er sich- kurz entschlossen um und folgte in immer gleich bleibender Entfernung dem flink ausschreitenden jungen Mädchen nach.

Ein Windstoß hatte sie eben genötigt, mit raschem Griff ihre Kopfbedeckung festzuhalten, und dabei mochte wohl aus ihrem Muff das kleine Päckchen zu Boden geglitten sein, das der Verfolger plötzlich zu seinen Füßen liegen sah. Natürlich zögerte er keinen Augenblick, sich, danach Zu bücken. Es war allem Anschein nach eine in Papier eingewickelte kleine Schachtel, die einen feinen Duft ausströmte. Der schwarzbärtige Fremde sog den­selben einige Sekunden lang mit unverkennbarem Wohl­behagen ein; dann erst beschleunigte er seinen Gang, um die junge Dame einzuholen.

Mit vollendeter Höflichkeit lüftete er, als er an ihrer Seite war, seinen Hut.

Verzeihen Sie, mein Fräulein! Aber wenn ich nicht