Ausgabe 
7.8.1900
 
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leiseste Nachklang der eben erlittenen schmerzlichen Ent­täuschung mehr in seiner Stimme, da er versicherte:Zum beredtsamen Tröster mag ich allerdings nur schlecht taugen; aber wenn ich einmal für Sie irgendwo mit der Klinge dreinfahren könnte, bei meiner Ehre, Fräulein Charlotte, das wäre ein Fall, wo Sie auf 'Ihren Kameraden zählen könnten."

Der Himmel bewahre mich vor der Notwendigkeit, mich dieses freundlichen Anerbietens zu bedienen. Aber da in der Ferne sehe ich die Damen kommen. Ueberlegech Sie sich's also zum letzten Male, Herr Leutnant! Noch ist es Zeit."

Doch- er war bereits auf dem Sprunge. Mit drei raschen Schritten hatte er das Gartenpförtchen gewonnen, und während er sich eilig nach der anderen Seite hin davon machte, grüßte er noch ein Paarmal mit Augen und Hand nach der Weinlaube zurück, darin sein schöner Heiratsplan soeben ein frühzeitiges Ende gefunden hatte.

Sechstes Kapitel.

Wohl nur dem Umstande, daß Elisabeth von Marschall und Frau von Menzelius in eine sehr lebhafte; Unterhaltung vertieft waren, hatte es der Fliehende zu danken, daß er ungesehen entschlüpfte. Wie die beiden Damen so Seite an Seite langsam daherkamen, trat die gewaltige Ver­schiedenheit in ihrer äußeren Erscheinung besonders augenfällig hervor. In den sieben Jahren, die seit ihrer letzten Geschichtslektion bei dem unglücklichen Sixtus von Plothow verflossen waren, hatte sich Elisabeths zier­liche Kinderfigur zu einer hohen, schlanken Frauengestalt von wahrhaft klassischer Schönheit entfaltet. Und wenn auch die Linien ihres Antlitzes fast unverändert geblieben waren, so ließen doch der ernste Ausdruck dieser edlen Züge, der milde und doch hoheitsvolle Blick der herrlichen Augen einen ungewöhnlich starken, in schfveren Kümmer­nissen und Herzenskämpfen früh gereiften Charakter ver­muten. !

Daß der Leutnant von Kapnist sie mit einer Fürstin verglichen hatte, und daß er ihr die Macht zutraute, mit einem einzigen gebietenden Blick auch den wildesten Ge­sellen zu bändigen, konnte keinem als schwärmerische Ueber- schwenglichkeit erscheinen, der den eigenartigen Zauber dieser seltenen Frauennatur einmal hatte auch sich wirken lassen. Es war begreiflich, genug, daß.unter den Offizieren der Küstriner Garnison wie in den vornehmen Beamten­familien der Stadt nur mit Ausdrücken begeisterter Ver­ehrung von der verwaisten Tochter des heldenmütigen Ge­nerals gesprochen wurde.

Frau von Menzelius, deren bescheidenes Haus sich Elisabeth nach! ihres Vaters Tode aus eigener freier Entschließung als eine neue Heimat gewählt hatte, war eine mehr gutmütig und ängstlich als imposant und würdevoll aussehende Dame von vielleicht fünfundvierzig Jahren. Ihre kleine, rundliche Figur nahm sich geradezu drollig aus neben der hohen, königlichen Gestalt ihrer Begleiterin, und die zaghaft demütige Art, wie sie gele­gentlich zu Elisabeth emporsah, das bewundernde Erstau­nen, das dabei in einem sehr beweglichen Mienenspiel zum Aüsdruck kam, ließen keinen Zweifel, wie hier, dem Alters­unterschiede zum Trotz, die Rollen der Beschützerin und der Beschützten in Wahrheit verteilt seien.

Charlotte, die den beiden Damen bis an das Garten­pförtchen entgegengeeilt war, begrüßte sowohl die Mutter als die Freundin mit zärtlicher Umarmung. Namentlich an Elisabeths Brust schstniegte sie sich so lange und so innig, daß ein Ohrenzeuge ihrer eben stattgehabten Unter­haltung mit dem Leutnant in dieser liebevollen Ueber- schwenglichkeit sehr Wohl die Regungen -eines schlechten Gewissens hätte vermuten können.

Elisabeth aber hegte jedenfalls keinen Argwohn; denn sie strich freundlich liebkosend über das glänzende dunkle Haar der Kleinen und sagte lächelnd:Haben wir Ach- Wieder zu lange auf unsere Heimkehr warten lassen, Lotte, daß Ar der Zorn so heiße Bäckchen machte? Wie es scheint, hättest Du ja mit dem grauen Ge­spenst der langen Weile einen recht härten Strauß zu bestehen."

Statt aller Antwort küßte Charlotte sie abermals und

ging dann mit noch dunkler glühenden Wangen und mit gesenktem Kopf neben der Freundin her in das Haus. Gewiß hätte es sie bald unwiderstehlich getrieben, ein reumütiges Geständnis abzulegen, wenn nicht Frau von Menzelius Verlangen getragen hätte, ihre Unterhaltung mit Elisabeth fortzusetzen.

Und ich bleibe dabei, es ist eine Grausamkeit von dem Könige, eine schreckliche Tyrannei", rief sie aufgeregt, noch ehe sie im Schlafzimmer ihren Hut und ihr seidenes Schultertüchlein abgelegt hatte.Unschuldige Menschen gegen ihren Willen in diese schauerliche Wild­nis zu schicken, wo sie entweder von den Wölfen aufge­fressen werden oder eines langsamen Hungertodes sterben müssen! Der Kaiser Tiberius selbst hätte ja nicht un­barmherziger mit seinen Unterthanen verfahren können."

Lächelnd zog Elisabeth die erhitzte kleine Dame neben sich auf das verblichene Sofa nieder.Etwas mehr Liebe zu feinem Volke, als sie der Kaiser Tiberius besaß, müssen wir unserem König Friedrich doch wohl zugestehen, beste Tante! Die neueste Kabinettsordre mag ein wenig hart sein für uns, die wir unmittelbar davon betroffen werden. Ich mache kein Hehl daraus, daß sie auch mich- im ersten Augenblick gewaltig erschreckt hat. Aber es mag kein an­deres Mittel gegeben haben, jenem unglücklichen Landesteil wieder aufzuhelfen, und gerade der Adel soll mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es sich darum handelt, für das Wohl des Ganzen Opfer zu bringen."

Meinetwegen soweit es die Männer angeht. Aber man soll nicht auch- von schwachen Frauenzimmern ver­langen, daß sie sich aus patriotischem Pflichtgefühl mit uncivilisierten Barbaren und hungrigen Wölfen herum- schlageu."

Nun konnte Charlotte, die mit wachsendem Erstaunen zugehört hatte, ihre Neugier nicht länger bemeistern.

Mein Gott, das bezieht sich doch nicht etwa auf uns? Sind wir es, die den Barbaren und Wölfen vorgeworfen werden sollen, Elisabeth?"

Allerdings, liebste Lotte! Das heißt eigentlich gilt es nur mir, und ich mute euch keineswegs zu, diesen schrecklichen Opfertod aus bloßer Freundschaft für Mich, freiwillig auf Euch zu nehmen."

O, das ist selbstverständlich!" erklärte die Kleine mit großer Bestimmtheit.Wohin Du gehst, dahin gehen wir auch. Aber ich verstehe noch; gar -nicht, was dies alles bedeutet. Am Ende hast Du doch- kein Verbrechen begangen, daß! der König ein Recht hätte, Dich; in die Verbannung zu schicken."

Nein, mein Verbrechen besteht vorderhand einzig in dem Besitz der Domäne Lasdehnen in Littauen, die meiner Familie von König Friedrich Wilhelm I. verliehen wurde. Und als eine Verbannung erscheint die neue Ordre denn auch lediglich der geängstigten Phantasie Deiner guten Mutter. In Wahrheit bestimmt sie vielmehr nur, daß alle Eigentümer litauischer Domänen sich unverzüglich auf ihre Besitzungen zu begeben und deren Bewirtschaftung zu übernehmen haben, widrigenfalls die Güter zu Gunsten des Staates eingezogen werden sollen."

Wie? Lasdehnen könnte Dir einfach weggenoin- men werden, wenn Du dem Befehl nicht Folge leistest?"

So lautet die Verfügung. Und da ich nicht reich genug bin, einen solchen Verlust mit Gleichmut zu er­tragen"

Aber ich beschwöre Dich-, Elisabeth", fiel ihr Frau von Menzelius mit flehend erhobenen Händen in die Rede, Du kannst doch- nicht ernstlich daran denken. Dich in diese Wüstenei zu begraben, wo nach glaubhaften Berichten die Leichen der gefallenen Soldaten und der verhungerten Ein­wohner zu Tausenden unbestattet umherliegen. Wäre ich an Deiner Stelle, so reiste ich nach Potsdam zum Könige und thäte hundertmal eher einen Fußfall, als daß ick tollkühn in das sichere Verderben gingen."

(Fortsetzung folgt.)

Der Garten im August.

Nachdruck verboten.

Die Hitze reift aber nicht allein die Kulturpflanze, auch- das Unkraut bringt seine Samen zur Reise. Wer den ganzen Sommer über seine Beete peinlich rein ge-