Ausgabe 
7.6.1900
 
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Pariser Original-Modenbericht.

Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden.

Reichhaltiges Modenalbum und Tchnittmusterbuch stbOPfg. daselbst erhältlich.

Wenn man einen der üblichen Pariser Modenberichte liest, so er­fährt man in der Regel, was zu den verschiedenen großen Rennen getragen worden ist, mit welchen Kostümen diese und jene Aristokratin glänzte, waS die große Schauspielerin Madame X. für neue Toiletten trug, ober wie sich Madame 5)., eine bekannte Mondaine, zeigte. Dies ist nun gewiß ganz interessant zu lesen, aber eS charakterisieren diese apartesten Kostüme weder die spezielle Pariser Mode, noch geben derartige Berichte kaum irgendwelche Fingerzeige für die praktische Ausführung geschmackvoller Modeneuheiten.

Man wird mir einwenden, daß im Grunde genommen die Pariser Mode ja die Mode aller Welt sei, welche durch Moden­berichte und Modenzeitungen genügend be­kannt gemacht werde. Bis zu einem gewissen Grade mag daS ja wohl stimmen, denn wir wiffen z. B. heute, daß Faltenröcke mit kurzen Schleppen, Bolerojäckchen und Blousen- taillen an der Tagesordnung sind. Die Art jedoch, wie diese Sachen getragen werden, wie sie auSgestattct werden, wodurch sie ergänzt werden, kurz all' die intimeren Toilettengeheimnisse erfährt man bei solchen Berichterstattungen nicht, und über diese will ich heute einmal auf Grund meiner neuesten persönlichen Beobachtungen plaudern. Es ist nicht zu verkennen, daß für den guten Eindruck einer eleganten Toilette auch die kleinsten Details von Wichtigkeit sind. Dies weiß die Pariserin wohl, und da für sie daS oberste Gesetz heißtchik und elegant um jeden Preis", so kann man hier mit Erstaunen sehen, wie sie auch den kleinsten Nichtigkeiten die größte Aufmerksamkeit ent­

gegenbringt. Und elegant ist die Pariserin (nicht zu verwechseln mit der Französin im allgemeinen), dies müssen wir Deutschen neidlos an­erkennen. Mögen ihre sonstigen Eigenschaften sein wie sie wollen, jeden­falls versteht sie es aus dem ff, ihrer Person einen eigenen Reiz zu ver­leihen, welcher sogar nur ziemlich selten durch ein schönes Gesicht unter­stützt wird. Dafür ist ihre Figur um so zierlicher und eleganter, und ihre Füßchen sind fast ausnahmslos die Zierlichkeit selbst. Diese beiden Faktoren bilden denn auch die Grundlage ihrer Ele- ganz, besonders die Figur. Nach dem Pariser Geschmack muß die Taille lang und möglichst eng sein, und die Hüftweite so eng wie möglich. Hat Mutter Natur einer Pariserin unmoderne Leibesfülle verliehen, so weiß sie doch immer noch ihrer Gestalt die Linie" zu geben, d. h. breite Schultern und ausreichende Oberweite, geschweifte Taille mit besonders hinten graziöser Schweifung und vorn sich verlängerndem Taillenschluß. Um dies zu erreichen, kommt ein modernes Korsett zur Anwendung, das den Leib zusammennimmt und die Fülle nach oben bringt. Dann müssen unbedingt sämtliche Röcke und Unterkleider vorn un­gefähr 20, hinten ungefähr 10 cm unter­halb Taillenschluß getragen werden, woselbst ste durch Haken gehalten werden. Taille und Hüfte bleiben dadurch vollständig frei. Unsere soliden Kollerbünde, mögen sie noch so glatt und faltenlos sitzen, würden daher das Mißfallen jeder Pariserin erregen, und sie meint, vielleicht mit Recht, daß es nicht einen Pfennig mehr kostet, ob man den Rockbund wie wir mit einem Kollerbund

Modell No. 175. oder mit einem schmalen Passepoil abschließen läßt. Den gleichen Wert legt sie auf die Ausstattung des unteren Randes des Unterrockes. Wir geben ihm einen guten, soliden Schweif und setzen einen hübschen Volant darauf. Quel horrenr, sagt die Pariserin. Der Unterrock ist doch dazu da, den Rock zu stützen, und dazu muß er vor allem viele Volants haben, welche nach hinten aufstcigen. Zuerst erhält der eigentliche Rock als unteren Ab­schluß an Stelle eines Schweifes einen Volant; darüber fällt dann ent- weder ein Serpentinvolant oder plissierte Volants, welche wieder mit Spitzenvolants überdeckt werden oder, was besonders hübsch aussieht, eine Anzahl nach hinten aufsteigende Volants, welche unten abgepaspelt find. Dies find die einfachen Unterröcke aus Alpakka oder Mohair, welche aber nur für die ganz praktischen Zwecke getragen werden. So­

Modell No. 176.

bald man nur ein wenig elegant ist, wird ein seidener Rock unumgäng­lich notwendig, und der Luxus darin ist so allgemein verbreitet, daß ein tafftseidener Unterrock mit einer Garnitnr und zahlreichen Falbeln mit zu den unentbehrlichsten Toilettestücken gehört, während Röcke zum Preise von 80 bis 100 Francs für eine halbwegs elegante Frau nichts außer- gewöhnliches sind.

Auf diesen raffiniert zusammengestellten Unterkleidern ist eS nun natürlich nicht mehr allzu schwer, einen eleganten Anzug aufzubauen, besonders wenn man immer die gleiche Sorgfalt aus alle Kleinigkeiten verwendet. Da ist nun wieder ein eleganter Schnitt die Hauptsache, d. h. er muß breite Schultern, reichliche Oberweite und engen Anschluß um Taillen und Hüften haben. Von den Hüften aus muß der Rock hinten in leichte, nach unten abstehende Falten fallen und unten auf- treffen. Die bei uns allgemein verbreitete Ansicht von der Unzweck­mäßigkeit der Schleppröcke wegen des Staubes, den sie verursachen, wird beim Anblick einer Pariserin so gut wie hinfällig; denn nie steht man auf der Straße ein schleppendes Kleid. Wozu auch? Hat man doch einen eleganten Unterrock, welcher meist noch mit dem abstechenden Seiden­futter des Kleides übereinstimmt. Und die zierlichen, stets elegant beschuhten Füßchen wird man doch auch nicht verstecken. Außer- .ra&gs

dem gibt das graziös geraffte Kleid dem Wrsjr

ganzen Persönchen noch einen besonderen \r/

Reiz.

Für die Taillen sind, wie gesagt, Blousen

und Boleroformen an der Tagesordnung, ifrv/Tfn A und geben unsere beiden Modelle 175 und 176 lui rj //ik 1

die beliebtesten und am meisten variierten .{ Formen derselben. Vorn immer recht lose /yWli und recht leicht garniert, die Schultern recht //r breit; diese beiden Grundsätze werden immer //$ j

befolgt. Besonders hervorgehoben wird 4M, p dann noch die moderne Linie durch die M

bauschigen, duftigen Seidenmousselinboas

und die hellen Tüllkravalten, welche denn f I I 1\

auch nie fehlen. Graziös legt sich die oben I I l ,1V

starke, nach dem Taillenschluß zu sich ver« j J I n

mindernde Boa um Hals und Nacken, in der fl Ä i.r t

Mitte eine helle Tüll- oder Chiffonschleife tillA X

freilaffend, sodaß das ganze Gesicht von \K\xj ! - VV

zarten Stoffen umrahmt ist. Nach oben f7

wird dieser Rahmen durch das wohlgepflegte, Li 1 stark bauschende Haar abgeschlossen, welches '__

schließlich von einem geschmackvollen Hut

gekrönt wird. Wenn man so die ganze Modell No. 115. Toilette der Pariserin zerlegt, so wundert

man sich eigentlich, daß nichts besonderes weiter dabei ist, denn sie ist trotz allem einfach und nie überladen. Die Pariserin weiß jedoch vor allem die Umrisse des Ganzen gefällig zu gestalten, die Einzelheiten ihrer Persönlichkeit anzupaffen und die Farben geschmackvoll zu assortieren. Um dies zu erreichen, scheut ste keine Mühe, und zieht es weit eher vor, ihre Garderobe selbst zu schneidern, als sie einer minderwertigen Schnei­derin zu überlassen. Die Gelegenheit dazu wird ihr durch die zahlreichen, in Paris befindlichen Schnittgeschäfte geboten, welche Schnitte aller Art nach Maß und Normal verkaufen, und welche sehr gern von den Damen frequentiert werden.

Jede deutsche Dame, die nach Paris kommt, wird sich gewiß über manche Absurditäten in der Kleidung der Pariser Damen wundern, aber sie wird auch nicht umhin können, den Chik der Pariserin anzuerkennen, und der Wunsch, ihr darin bis zu einem gewissen Grade nachzuahmen, wird rege werden. Und es ist in der That ein wahlberechtigtes Streben, in der Kleidung, die doch so viel zu vorteilhaften äußeren Repräsentation beiträgt, einen guten Geschmack zu entwickeln. Auch die guten Schnitte, von denen die Eleganz einer Toilette sehr abhängt, sind uns Deutschen gleich den Pariserinnen zugängig, da z. B. die Internationale Schnitt- Manufaktur, Dresden, die auch mit Paris ständige Verbindung unter­hält, fertige Papier-Modelle liefert, die nicht nur vorzüglich sitzen und Pariser Chik haben, sondern auch sehr preiswert sind.

Praktische Zuschneidetafeln fürs Haus, unter diesem Titel erschienen soeben im Verlag Europ. Modenzeitung, Dresden, eine Serie von Schnittheften, welche Schnitte in Naturgröße für alle zur Selbst­anfertigung im Haus geeigneten Kleidungsstücke enthalten. Es gelangte vorläufig zur Ausgabe Heft 1 Herrenhemden, 80 Pfg.; Heft 2 Frauen­jacken, 30 Pfg.; Heft 3 Frauentaillen, 50 Pfg. Jedes Heft enthält die naturgroßen Schnitte in allen gängigen Größen zum einfachen Abkopiereu nebst genauer Anweisung zum Gebrauch und zur praktischen Fertigstellung. Der Preis ist extra niedrig berechnet, um diese so ungemein praktischen Hilfsmittel allen den weiten Kreisen zugängig zu machen, in denen Er­sparnisse,^ die durch häuslichen Fleiß zu erzielen sind, noch geschätzt werden. Für alle jungen Mädchen, welche das Schneidern lernten, für alle Haus­haltungen, wo eine Nähmaschine zum Zweck praktischen Gebrauchs bereit steht, sind die Zuschneidetafeln von größtem Wert, denn sie ermöglichen gewissermaßen erst eine wirklich produktive Anwendung der Nähkunst für allerhand Bedarfsgegenstände. Die Zuschneidetafcln sind durch alle Buch­handlungen zu beziehen.

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