„sprechen Sie, was soll ich verzeihen?" sagte sie tonlos.
Er drückte seine bebenden Lippen auf ihre Hände.
„Daß ich Sie zu lieben wagte, Gräfin, mit dem Bilde einer anderen im Herzen. Zucken Sie nicht so zusammen, wenden Sie nicht den Blick von mir. Es ist ja nur ein Schemen, eine Erinnerung, ein halbverwehter Traum, aber" — nun gab er doch ihre Hand frei — „es ist da und — es reißt mich von Ihnen. Soeben bei den Klängeiw des alten Liedes stand es vor mir, sah mich aus großen traurigen Augen an und sprach : ,Schwöre mir, daß Du mich nicht vergessen willst!' Ich hatte geschworen, ich nahm den Ring aus den Kinderhänden, und ich trage ihn heute noch".
Er streifte den breiten Goldreif vom kleinen Finger feiner Rechten, ein schwacher dünner Ring mit rötlichem Stein kam darunter zum Vorschein. Er hielt den Blick darauf gesenkt, Md so sprach er weiter, tonlos, hastig, wie aus einem Traume heraus.
„Wir waren zusammen aufgewachsen, die Kleine und ich. Kein Tag, der uns nicht zusammen sah; keine Freude, kein Leid, das uns nicht gemeinsam berührte. Da riß uns das Schicksal auseinander. Ich ertrug es schwer, ich weiß es, jetzt in dieser Stunde weiß ich es, schon damals keimte im Herzen des Knaben die Wunderblüte der Liebe. Aber!meine Erinnerungen an das Kind verblaßten; früher, in den ersten Jahren unserer Trennung, hatte ich die Kleine täglich mit den Augen meines Geistes geschaut, die abenteuerlichsten Pläne ersann ich, sie wiederzüsinden,
„Es war ein eigenes Empfinden, das sich nicht weglächeln, nicht wegspotten ließ — ich kam mir gebunden vor, und ich war es auch. Nicht durch die immer schwächer klingende Stimme in meinem Herzen, nein, durchs Ehre und Pflicht. Mein Onkel, dessen Erbe ich angetMtßn, hatte das verwaiste Kind an sein Herz genomryM,Hhist dieselben Rechte wie mir eingeräumt, wohl-IturffMOlötzlicher Tod hatte ihn verhindert, das auch in anderer Hstnpzum Aus- druck zu bringen, muhte idj da nicht suchen und forschen, bis ich Elfriede fand, ihr meine Schuld abtragen konnte. Ich wollte es auch, fest hatte ich mir's gelobt, als dort im fernen Heimatstädtchen die Erinnerung plötzlich so übermächtig wurve, und ich hoffte, es.solle mir nun gelingen.
Da kam ich hierher und — Frieda, lassen Sie es mich aussprechen, einmal nur — ich liebte Sie, als ich Sie erblickte! Und jedes Mal, wenn ich Sie aufs neue sah, verstärkte sich das Gefühl. Es war, als hätte es längst in mir geschlummert, wäre mit mir groß geworden und hätte nur cuuf den Blick Ihres Auges gewartet, um seine Fesseln zu sprengen. Manchmal, wenn ich Ihnen gegenüberstand, war es mir, als flattere ein unsichtbares Band zwischen uns, als wärew sich unsere Seelen schon einmal, an einem anderen OrteKnahe gewesen. Seit gestern aber dachte ich nichts mehr dergleichen. Alle unklaren Vor- stellungan, jedes Bedenken schmolz in der heißen Glut meines Herzens, in dem Verlangen nach! Ihnen.
So kam ich her, ein glücklicher, seliger Mann, denn — zürnen Sie nicht, Frieda — ich hätte in vergangener Nacht in Ihren Augen gelesen, und was ich darin fand, hatte mich berauscht.
Und nun mußten Sie selbst es sein, die mein schlafendes Gewissen weckte! Das Lied, das alte Lied hatte das Kind gesungen! Vielleicht singt Elfe es auch jetzt in dieser Stunde und ruft mich damit. Was soll ich ihr antworten, Frieda?"
Er schwieg und sah zu ihr aus, bleich mit verstörten Augen.
(Fortsetzung folgt.)
Geographische Jubiläen.
Von AlexanderBauer.
Nachdruck verboten.
So sehr man auch geneigt ist, gegen unsere Zeit den Vorwurf zu erheben, daß fie raschlebig ist und schnell vergißt, so! kann man ihr doch das schöne Lob nicht vorenthalten, daß sie der großen Thaten der Geschichte gern gedenkt, und sich der großen Männer, die sich um die Menschheit verdient gemacht haben, pietätvoll erinnert. Mehr und
mehr hat die Sitte, die Wiederkehr bedeutungsvoller Tage zu feiern, bei uns Eingang gefunden, und wenn die That oder der Mann, um die es sich handelt, durch die Länge der Zeit oder aus anderen Gründen unserem direkten In- teresse entrückt sind, so weist wenigstens die Presse auf die allgemeine Bedeutung des betreffenden Ereignisses oder der fraglichen Persönlichkeit hin. Allerdings.vermag sich unsere Pietät nur im Rahmen des historischen Geschichtszeitraums zu bethätigen — die Termine gerade der hervorragendsten Begebnisse unserer Entwickelungsgeschichte und die Namen der Helden derselben kennen wir nicht, wir wissen nicht, wem wir jene großartigen Kulturerrungenschaften, wie z. B. des Feuers, des Ackerbaus, der Viehzucht usw. verdanken, die wir bei dem ersten Hineintauchen des menschlichen Geschlechts in den Dämmer der Geschichte bereits als Allgemeinbesitz der Menschheit finden. Und wie viel andere wertvolle Erfindungen und Entdeckungen hat die historische Menschheit übernommen, deren Schätzung wir fast verlernt haben, weil wir uns so sehr an sie gewöhnt haben, daß sie uns als ganz selbstverständliche Dinge erscheinen, oder die uns nach dem Maßstab wichtiger Erfindungen und Entdeckungen unserer Zeit gemessen, um bedeutend Vorkommen, während sie in Wirklichkeit Ereig- nisse von gewaltiger Tragweite oarstellen. Oder war der Entschluß des ersten Bootfahrers, aus schwankendem Kahn oder Floß die Entfernung bis zu einer dem Auge sichtbaren Insel zurückzulegen, nicht schwerer zu fassen und auszuführen, als heutzutage der einer Fahrt nach Amerika?
Selbst in der historischen Periode sind wir leider noch zum großen Teil auf ungefähre Zeitbestimmungen ange- wiesen, aber das ist kein Grund, an bedeutsamen Ereignissen gleichgültig vörüberzugehen. Wenn die Ueberliefer- ung der Geschichte uns sagt: „Diese oder jene wichtige Begebenheit fällt etwa in das Jahr 1050", oder „ereignete sich um 1200 v. Ehr.", so müssen wir uns eben an diese Zahlen halten, weil wir keine anderen besitzen, und undankbar wäre es, der betreffenden Vorkommnisse deshalb nicht zu gedenken, weil ihr Zeitpunkt in unseren Augen ein schwankender und ungenauer ist. Die „Geographischen Jubiläen", die wir nachstehend vorführen, gehören zum größten Teil zu dieser Kategorie — wir führen den Leser zurück in eine ferne, uferlose Vergangenheit und begleiten die Engländer des Altertums, bte seekundigen Phöniker, auf ihren abenteuerlichen Fahrten.
Bewohner eines unbedeutenden Küstenlandes, verwandelten sich die Phöniker aus schlichten Fischern in gewandte Kaufleute und kühne Seefahrer. Der Welthandel des Altertums lag in ihren Händen, Reichtum und Einfluß waren seine Früchte. Die Intelligenz war sein Kind. Bedeutungsvolle Erfindungen wurden gemacht oder doch ausgebeutet und verbreitet, die Färberei, die Glasfabrikation, Buchstabenschrift usw. Vor allem erwiesen sich die Phöniker als Meister im Schiffbau. Ihre großen Handelsschiffe trugen gegen 500 Menschen und legten gegen 30 Meilen am Tage zurück. Die phönikischen Seeleute verstanden sogar gegen den Wind zu steuern und kannten bereits den Polarstern der ihnen als zuverlässiger Führer diente. Als Handelsvolk ließen sie sich vor allem die Anlegung von Kolonien in den von ihnen entdeckten Gebieten angelegen sein, um die Schätze derselben besser ausnutzen zu können; so verdankt man ihnen nicht nur eine Reihe kühner Entdeckungen, sondern auch die Ausbreitung der Kultur. Das Mittelländische Meer mit allen seinen Inseln und Küsten war der naturgemäße Schauplatz ihrer Thätigkeit. Ihr Unternehmungsgeist trieb sie jedoch noch weiter, sie siedelten sW in Nordafrika an, drangen bis nach Spanien vor und besuchten England und vermutlich sogar die Ostsee.
Anfangs hielten sie die „Säulen des Herakles", die Meerenge von Gibraltar, für das Ende der Welt und wagten sich darüber nicht hinaus. Der Tag, an welchem der erste phönikische Seefahrer den Mut besaß, sein Fahrzeug durch das vermeinte Thor der Welt hindurchzusteuern, um sich jenseits desselben umzusehen, war ein großer Tag in der Geschichte der Menschheit und Kultur. Wann dieser entscheidungsvolle Schritt geschehen ist, vermögen wir nur ungefähr zu bestimm^: etwa 1400 v. Ehr. — also vor nunmehr 3300 Jährest; wenigstens ist es um diese Zeit gewesen, als die Phöniker jenseits der Meerenge die Stadt


