Ausgabe 
7.6.1900
 
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Nachdruck verboten.

Es sah eine Linde ins tiefe Thal."

Novelle von R. Litten.

(Fortsetzung.)

Am nächsten Vormittag schritt Professor Volkmann, rin einsamer Wanderer, im lachenden Sonnenschein den Weg nach Wellinghausen hinunter. Heiking hatte ihn be­gleiten, der Komtesse selbst seine noch gestern zustande ge­kommene Verlobung mit Elisabeth von Wedd-au mitteilen wollen, doch schließlich hatte er davon abgesehen. Sein Gast war bei seinem Anerbieten gänzlich verstummt, seine Augenbrauen hatten sich leicht zusammengeschoben, kurz, der Baron pfiff leise, als er dem DavonschVeiten'den nach? blickte, und spracht zu sich selbst:Den Mann hat's!" Er schüttelte dabei leise den Kopf. Weiß Gott, Professor Volk­mann hatte wenig genug von einer Motte, aber mit versengten Flügeln kehrte er heim, das war gewiß. Schade um ihn, ein prächtiger Kerl, er hatte gestern Furore gemacht, die Damen waren alle ganz bezaubert, seine kleine Goldelse nicht ausgenommen. Hatte sie doch bei seiner stürmischen Werbung der Entschluß dazu war Hals über Kopf gekommen; warum war sie auch solch allerliebster, trotziger kleiner Schelm? hatte sie da doch gemeint, sie wolle es in Gottes Namen mit ihm versuchen, wenn der Professor, sein Freund, so herzlich von ihm spräche, wie er es heute zu ihr gethan, möge er vielleicht nicht ganz so arg sein, wie es den Anschein habe. Er lächelte, murmelte ein paar Worte, die genau wiesüßer kleiner Kobold" klangen und ging ungeduldig zu dem Gärtner, ihm zum dritten Male am heutigen Morgen genaue An­weisung über das Bouquet zu geben, das er seinem Bräutchen zu überreichen gedachte. Auf halbem Wege aber kehrte er um. Seine Uhr zeigte die zehnte Morgenstunde^ und erst um drei Uhr war es ihm gestattet, in Annahof zu erscheinen. Goldelse wollte ausgeschlafen haben, ehe sie den Bräutigam empfing.

Seufzend steckte er seine Uhr wieder ein. Wie träge heute die Stunden schlichen.

Auch Hans Volkmann hätte gerade heute der Zeit raschere Fittiche gegönnt. Es war noch früh für einen Besuch, kaum 11 Uhr, als er Schloß Wellinghausen betrat. Es begegnete ihm niemand, der ihn hätte melden könüen,

Donnerstag den 7. Juni.

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f er Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, Der vermehret das Uebel und breitet es weiter und weiter. Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. Goethe. Hermann und Dorothea IX.

und so schritt er denn den teppichbelegten Korridor ent­lang und klopfte an das Zimmer, in dem er das letzte. Mal empfangen worden. Es war leer, aus dem Nebenl- gemach aber klang Klavierspiel, und durch die an einer Seite leicht geraffte Portiere erblickte er diejenige, der all seine Gedanken entgegenflogen. Er wollte sie nicht? erschrecken, und es war ja auch so süß für ihn, hier zu stehen, ihr edles Profil zu betrachten und den Klängesw zu lauschen, welche ihre zarten Finger den Tasten ent-, lockten. Hans Volkmann war kein Musikschwärmer, nicht einmal das, was man eine musikalisch empfängliche Natur nennt; selten noch hatte ein Tonstück das Blut der Er­regung in seine Wangen getrieben, seine Augen ttt| Begeisterung aufstrahlen lassen, aber in diesen Tönen, welche jetzt an sein Ohr klangen, in diesen kunstlosen, inein­ander verklingenden Melodien war etwas) was sein Herzj klopfen machte.

Was war es nur? Wi hatte er das gehört? Was pochte mit diesen Klängen an seine Seele, daß sie erzitterte?

Hans Volkmann stand mit vorgebeugtem Haupte und lauschte, unklare Bilder und Vorstellungen schossen wie ein Schwarm aufgescheuchter Vögel durch sein Hirn.

Nun begann dort drinnen eine andere Weise, ein­förmig und traurig, eine weiche, glockenreine Stimme sang dazu.

Es sah eine Linde ins tiefe Thal, War unten breit und oben schmal. Worunter zwei Verliebte saßen. In Lieb' ihr Leid vergaßen.

Feins Liebchen, wir müssen von einander. Ich muß noch sieben Jahr' wandern. Mußt du noch sieben Jahr' wandern. So heirat' ich keinen andern.

Und als nun die sieben Jahr' um waren, Sie meinte, ihr Liebchen käme bald. Sie ging wohl in den Garten, Ihr seines Liebchen zu erwarten.

Sie ging wohl in das grüne Holz, Da kam ein Reiter geritten stolz. Gott grüße dich, Mägdelein feine, Was machst du hier alleine?"

Der Lauschende hatte regustgslos dagestanden. Nun fuhr er auf, Totenblässe lag auf seinem Antlitz.

Das Kind!" murmelte er,das verlassene Kind!"

Er stürzte vorwärts und kniete im nächsten Augen­blick vor dem zusammenfahrenden Mädchen.

Verzeihung!" stammelte er,Verzeihung!"

Sie sah ihn erblaßt und erschreckt an. Was wollte die stumme Qual in seinen Augen?