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geboten und auf beut Markt, sowie in beit Läden sind schon Krebse aus Galizien vorrätig, doch fehlen die wirklich guten Exemplare noch. Mit Ende April hört die Schonzeit der Krebse auf und vom 1. Mai an spielt der Krebs auf der Speisekarte eine große Rolle. Hummern genießen stellenweise Schonzeit, und die gute Zeit der Austern geht zu Ende.
Der Gemüsemarkt der Wintervorräte ist bis auf die erhöhten Preise unverändert. Das jetzt auf den Markt gelangende Kopfkraut und Welschkraut zeigt meist die sprengende Kraft des Frühlings, oft in den drolligsten Formen, mitten aus dem festen Blattgefüge erhebt sich eine Kugelspitze, die sich spaltet und den Blütensproß des Krautes ans Tageslicht bringt. Natürlich giebt derartig gespaltener Kohl keine gute Speise mehr, und es heißt beim Einkauf desselben genau hinzusehen, um nicht wertloses Zeug nach Hause zu bringen. Ebenso mäßig sind im April die Aussichten auf Blumenkohl, der in seinen Rosen ebenfalls den Frühlingstrieb zeigt. Französischer Blumenkohl ist zwar in den Delikateßläden in tadellos schönen Köpfen vorrätig, aber auch zu Delikateßpreisen. In frischer Ware kommen die ersten hiesigen Frühlinastreibgemüse auf den Markt. Kopfsalat, scharlachrote Radieschen, neben denen auch schon die weißschaligen auftauchen, deren Fleisch fester und schärfer ist, Kohlrabi in schönen Knollen und recht blattreich, sind vorhanden. Schnittlauch, junge Zwiebeln, grüne Petersilie und Dill werden angeboten, ebenso noch recht gute Suppenkräuter, und eine Frühlingskräutersuppe mit verlorenen Eiern genießt als Fastensuppe den besten Ruf. -
Man nimmt dazu zwei Hände voll junger Fruhlmgs- kräuter wie: Petersilie, Kerbel, Gundermann, Sauerampfer, Schafgarbe, Brennnessel, Erdbeerblätter, Wegerich, Gänseblümchen, Pimpinelle, verliest dieselben, wäscht und wiegt sie sein und giebt sie in zweieinhalb bis drei Liter kochende Brühe aus Liebigs Fleisch-Extrakt. Nach einmaligem Aufkochen bindet man die Suppe mit einem aus zwei Eßlöffeln Butter und ebensoviel Mehl bereiteten Schwitzmehl und richtet sie über den verlorenen Eiern an.
Die Zufuhr von Gemüse aus dem Freien ist nur auf Rapunze und Spinat beschränkt. Der Spinat, dieses gesunde Gemüse, wird vielfach für fade und weichlich gehalten, doch kann es durch kräftige Zubereitung, wohl auch mit Brunnenkresse oder Sauerampfer geschärft, selbst für den Verächter schmackhaft werden. Gleiche Teile Spinat und Sauerampfer werden gelesen, gut gewaschen und jedes Gemüse für sich in siedendem, schwach gesalzenen Wasser abgekocht, mit kaltem Wasser gekühlt, abgetropft, durch ein Sieb gerieben und untereinander gemischt. Alsdann schwitzt man einen Löffel Mehl in reichlicher Butter gelb, dünstet das Gemüse damit durch, mischt einige Löffel voll gestoßenen Zwieback darunter, gießt etwas starken Fleisch- Extrakt zu, würzt mit Salz und Muskatnuß und Mehl alles unter fleißigem Umrühren bei mäßiger Hitze, um das Gemüse dann mit verlorenen Eiern, Zunge, Koteletts, Schinken, Bratwürstchen re. anzurichtem Im April beginnt auch die Saison für heimischen Spargel auf dem Markt. Aus den Treibbeeten kommen Champignons in schöner Ware. Die letzten Märztage brachten uns den feinsten Frühlingspilz, die Morchel, die im Laufe des Aprils billiger werden dürfte und als Suppen-Gemüse oder Saueenwürze für den bürgerlichen Tisch Verwendung finden wird. Junge Schoten, Bohnen, Artischoken, Tomaten, Gnrken, neue Kartoffeln englischer und französischer Zufuhr helfen der feineren Küche aus. Der Theemarkt bietet Schleedorn- blüten, Spitzwegerichs Huflattich, Erdbeerblätter und was sonst in Kneipps Apotheke eine Rolle spielt. Vom Rhein kommt duftender Waldmeister. Von Treibhausfrüchten find Erdbeeren, Pariser Pfirsiche und Kirschen zu nennen.
Als Hauptdelikatesse kommen jetzt die Kibitzeier. In Deutschland begnügt man sich damit, im April und Mai die Kibitzeier zu v«speisen und beachtet den Kibitz nicht als Wildgeflügel; derselbe ist zwar im Frühling unschmackhaft, im September jedoch, wo er sich als fetter Vogel zur Reise rüstet, soll er geschmort oder wie Bekassinen znbereitet, sehr beachtenswert sein. Die Franzosen und Belgier meinen, wer noch keinen Kibitz gegessen hat, weiß nichts vom Federwild.
In Wald und Feld herrscht für das Wild der tiefste Frieden. Die Vorräte an Geflügel auf dem Markt sind knapp, doch werden die Delikateßläden mit gutem Mastgeflügel reichlich versorgt. Junge Backhähnchen und Backhühnchen melden sich bescheiden.
Eier sind im Preise gesunken und werden reichlich als Ostergruß in Form von Maleiern in schönsten Radierungen angeboten. Aber auch als wirkliche Eier finden sie ihrer symbolischen Bedeutung wegen mannigfaltige Verwendung. Eine feine Abwechslung für den Ostertisch bieten gefüllte Eier. Man kocht die Eier hart, schneidet sie durch, nimmt die Eidotter heraus und wirst die ausgfhöhlten Eierhälften in warmes Salzwasser. Inzwischen wiegt man die Hälfte der Dotter mit Sardellen, einigen Champignons eventl. auch einigen "Krebsschwänzen, Fray Bentos-Zunge oder gekochten Schinken, etwas saurer Gurke, kalten Braten und einem Scheibchen roter Rübe fein, vermischt dies mit einenf rohen Eigelb und mit einem Teil der Sanee, die man mit Del, Essig, Salz, Pfeffer, Mostrich und etwas Bouillon aus 10 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt aus der anderen Hälfte der durch ein Sieb geriebenen Eidotter herstellt. Man füllt die Faree in die Eierhälften und giebt die Sanee darüber. „ .
Junge Ziegen und Lämmer bilden zur Osterzeit ein gern gesehenes Gericht. Besonders ist der Rücken des Lammes von feinstem Geschmack. Man häutet, spickt und salzt den Rücken, brät ihn rasch in reichlicher Butter gar, wobei man etwas kochendes Wasser angießt. Dann nimmt man den Braten heraus, verdickt die Sanee mit Kartoffel- mehl, giebt 5 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt, ein Glas Madeira und einige zerschnittene Champignons daran und serviert die Sauce nebenher.
Literarisches.
Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen Entwickelung. Von Direktor Dr. Eduard Otto. Mit 27 Abbildungen auf 8 Tafeln. („Aus Natur und Geisteswelt." Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 12 monatliche Bändchen zu je 90 Pfennig, geschmackvoll gebunden zu je Mk. 1.1b.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Auf Grund der Werke unserer hervorragendsten Volkswirtschaftslehrer und Geschichtsforscher, sowie eigener Forschungen und Quellenstudien giebt der Verfasser in knapper Form eine Darstellung der Entwickelung des deutschen Handwerks bis in die neueste Zeit. Die Einleitung bespricht den Begriff des Handwerks und seine Wandlungen. Sodann erzählt der Verfasser, wie aus der Hauswirtschaft der germanischen Urzeit und aus der Frohnhofswirtschaft das Handwerk als selbstständige Erwerbsthätig- keit allmählich herauswuchs, wie das entstehende Städtewcsen seine Entwickelung mächtig förderte, und wie sich in dem Mauerring der Städte ein freier Handwerkerstand ausbildete, der in der Zunftverfassung eine eigenartige, zeitgemäße Form des gewerblichen Lebens schuf. Der Zusammenhang der Handwerksblüte mit der Blüte der deutschen Stadt- wirtschaft und dem zunehmenden Gelvvcrkehr wird in einem besonderen Kapitel aufgezeigt und geschildert. Hierauf geht der Verfasser den Gründen und Erscheinungsformen der Entartung nach, der das Zunftwesen seit dem 16. und 17 Jahrhundert zu verfallen begann, und erörtert die Entstehung der neuen gewerblichen Betriebsformen, der Hausindustrie und der Fabrik, unter dem Einflüsse des Absolutismus und seiner merkantilistischen Gewerbepolitik, sowie die Entwickelung des Gegensatzes zwischen Handwerk und Industrie. Daran schließt sich eine Betrachtung der großen Umwälzung aller wirtschaftlichen Verhältnisse im Zeitalter der Eisenbahnen und der Dampfmaschinen und der Handwerkerbewc- gungen des 19. Jahrhunderts. Ein ausführlicher Schlußabschnitt giebt eine Darstellung des älteren Handwerkslebens, seiner Sitten, Bräuche und seiner Dichtung, sowie eine Würdigung des Meistergesanges. Wie hier, so ist auch in den vorhergehenden Abschnitten der kulturgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Handwerks überall Rechnung getragen, so daß sich das Büchlein auch in dieser Hinsicht sich einem weiten Leser- kreise empfiehlt. Vorzügliche Abbildungen erhöhen den Wert des geschmackvollen und dabei so preiswerten Bändchens.
Versteckrätsel.
Nachdruck verboten.
Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind wie die Silbe „an" in „Wanderer."
Ballkleid — Pfandscheine — Wasserschwall — Taubenhaus — Seemacht — Ewigkeit — Tannenbaum — Gasometer — Kammer- ______________________________________Herr.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer.
Engel, Ange?.
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Univerfitätr-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


