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„Hs, Äu kennst sie sehr gut. Der arme Walther Sartorius ist es, der seine Pflichttreue vermutlich wird mit seinem jungen Leben bezahlen müssen."
Erstaunt und bestürzt schlug die kleine Frau die Hände zusammen.
„Ist es möglich? Und Du behandelst ihn, Hermann? Du bist in des Stadtrats Hause gewesen?"
„Was kann Dich daran wundernehmen? Bin ich denn nicht ein Arzt? Ein Kranker ist für mich weder Freund noch Feind, sondern einfach ein Kranker. Der wäre ein pflichtvergessener Arzt, der darin anders denken könnte."
Die Frau hatte sich leise an seine Seite gestohlen ugd legte ihren Arm um seinen Nacken.
„Sei mir nicht böse, daß ich über so Selbstverständliches in Verwunderung geraten konnte! Und es steht wirklich ganz hoffnungslos um den armen jungen Mann?"
„Wer kann sich vermessen, das Zukünftige mit Gewißheit vorauszusagen? In jungen, lebenskräftigen Körpern sind wohl schon größere Wunder geschehen, als sich; hier eines ereignen müßte. Die Natur kümmert sich den Teufel um meine ärztliche Wissenschaft. Aber wenn diese Wissenschaft recht hat, ist er verloren."
„Ach, der arme Junge! Und Du sagst, daß er ein Opfer seiner Pflichttreue geworden sei? Er ist also an einem Krankenbette angesteckt worden?"
„Ja. Einer armen Witwe, die auf dem Grundstück seines Vaters wohnt, waren gleichzeitig beide Kinder an der tückischen Seuche erkrankt, und die Frau hatte, wie es in solchen Fällen leider nur zu häufig geschieht, versäumt, rechtzeitig ärztliche Hilfe zu suchen. Als sie endlich zu nächtlicher Stunde laut jammernd vor die Wohnung des Stadtrats kam, waren die armen, kleinen Dinger bereits auf dem Punkte, zu ersticken. Walther Sartorius hat sich die ganze Nacht mit den beiden Kindern abgequält. Jetzt sind die beiden Kranken außer jeder Gefahr, und er liegt auf den Tod. Daran, daß es auch eine Art von Heldentod ist, denkt nachher, wenn er gestorben sein wird, wahrscheinlich! kein Mensch. Ein Arzt, der sich am Krankenbette den Todeskeim geholt hat — was ist davon viel Aufhebens zu machen! Er hat ja nur seine Schuldigkeit gethan — weiter nichts!"
Aus der Bitterkeit dieser Rede klang für jeden, der den Doktor Ruthardt kannte, deutlich eine tiefschmerzlich^ Bewegung. Das Schicksal seines jungen Kollegen ging ihm offenbar viel mehr zu Herzen, als er es zeigen wollte, und als seine Frau, bei der die Thränen des Mitleids niemals sehr weit waren, in lautes Schluchzen ausbrach!, kehrte er sich hastig ab.
Aber mit einem Ausruf des Erstaunens sprang er fast gleichzeitig von seinem Stuhl empor.
„Grete, Kind! Was soll das bedeuten? Willst Du Mir am Ende auch krank werden?'"
Es war wohl begreiflich, daß er zuerst auf eine solche Vermutung kam; denn das junge Mädchen, dessen Anwesenheit sie bisher nicht bemerkt hatten, lehnte totenbleich an dem Pfosten der offenen Thür, mit fest verschlungenen Händen und weit geöffneten, entsetzten Augen.
„Ich habe alles gehört, was Du gesagt hast, Vater! Es giebt also keine Rettung mehr für ihn? Er muß sterben?""
„Die Frage mußt Du an einen Weiseren richten, mein Kind, als ich es bin. Aber ist es wirklich diese Neuigkeit gewesen, die Dich so erschreckt hat? Hast Du denn noch immer so viel von Walther Sartorius gehalten?"
Er hatte ihre Hände ergriffen und sie sanft, zu sich herangezogen. Mit einer Gebärde müder Verzweiflung sehnte Margarete ihr Köpfchen an seine Brust.
„Ich bin so häßlich gegen ihn gewesen, Vater, so Unfreundlich uMÄ hart! Und nun — wenn er sterben muß —""
Ihre Stimme brach, und ihr schlanker Leib erzitterte wie in unterdrücktem Schluchzen, wenn auch keine Thräne shre Augen netzte. Mit einer liebevollen Zärtlichkeit, wie er sie im täglichen Leben nicht eben häufig an den Tag legte streichelte Doktor Ruthardt ihre Wangen.
„Ja, wir haben ihm Unrecht gethan, Grete, ünd die Bchuld daran fällt wohl zumeist auf mich. Ich hätte ihn
nicht so aus meinem Hause gehen lassen dürfen, als er in der rechtschaffenen Absicht kam, Frieden zu stiften zwischen seinem Vater und mir. Denn er ist ein braver Bursche, der nicht bloß am Krankenbett das Herz auf dem rechten Fleck hatte. Er wäre ein tüchtiger Mensch! geworden — ein ganzer Mann.""
„Uirb nun soll er sterben, ohne daß ich es ihm gesagt, ohne daß ich ihn um Vergebung gebeten habe! Nein, Vater, ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben in meinem Leben, wenn ich die Last aus dem Gewissen behalte."
„Sei ruhig, liebes Kind! Ich habe in dieser Nacht mit ihm davon gesprochen, und er hegt keinen Groll, weder gegen Dich noch gegen mich Er hat mir sogar ausdrücklich aufgetragen, Dich von ihm zu grüßen. Und ivenn man mit so viel Fassung dem Tode entgegenfieht, wie er, spricht man sicherlich! nichts, das nicht aus aufrichtigem Herzen käme.""
„O Vater, lieber Vater, giebt es denn gar kein Mittel, ihn zu retten?""
„Die Krankheit hat ihn in ihrer schlimmsten Form gepackt, und er selber weiß es. Vielleicht bringt ihn seine Lebenskraft noch darüber hinweg — die Wissenschaft ist leider ohnmächtig.""
Er fühlte, wie sie zitterte und drückte sie darum mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl nieder. Wohl in dem Glauben, ihre Betrübnis damit zü lindern, sprach er weiter:
„Ter Stadtrat Sartorius selber kam gestern abend, mich zu seinem kranken Sohne zu holen, und was mich auch sonst von dem Manne trennen mag, dafür wenigstens weiß ich. ihm Dank. Denn in dieser traurigen Nacht habe ich gelernt, wieder an Treue und männliche Wahrhaftigkeit zu glauben. Aus des Stadtrats eigenem Munde ioeiß ich, daß ihm Walther nach! jener unglückseligen Stadtverordnetensitzung kurz und bündig erklärt hat, er werde sein Haus für immer verlassen und vor aller Welt gegen ihn Partei ergreifen, wenn er die Beschimpfung, die er wider besseres Wissen gegen mich geschleudert, nicht öffentlich zurücknähme.
Noch ans seinem Krankenbett hat ihn nichts anderes so sehr gequält wie dies. Sartorius mußte Lestern abend vor seinen Augen den Widerruf niederschreiben, der heute den beiden hiesigen Zeitungen übersandt werden sollte. Ich habe ihn gelesen und habe das Blatt natürlich zerrissen. Aber dem wackeren jungen Manne habe ich von Herzen das Unrecht abgebeten, das ich ihm in Gedanken und Worten zugefügt."
Margarete hatte ihre Arme auf den Tisch gelegt und den blonden Kopf darauf niedersinken lassen. Sie weinte nicht, wenigstens nicht hörbar; aber von Zeit zu Zeit ging es wie ein Erschauern über ihre Gestalt.
Frau Ruthardt, die sich, so lange ganz still verhalten hatte, ging auf den Fußspitzen zü ihrem Manne und zupfte ihn am Aermel.
„Um des Himmels willen, Du machst es ihr ja auf solche Art nur noch schwerer", flüsterte sie eindringlich. „Siehst Du denn nicht, wie es um das arme Kind steht? Mein Gott, und davon hatten wir keine Ahnung!""
Und dann indem sie sich über die Verzweifelte niederbeugte, sagte sie mit all' der Innigkeit, die nur eine besorgte Mutter in den Klang ihrer Stimme zu legen vermag: „Sei mutig, mein geliebtes Kind ! Roch ist nicht jede Hoffnung verloren. Der Vater sagt, daß sich schon viel größere Wunder ereignet haben — warum sollte gerade hier unmöglich sein, was doch in anderen Fällen möglich gewesen ist!"
(Fortsetzung folgt.)
Vom Monat Dezember. &
Dezember 1900.
Nachdruck verboten^ |
Schon vor der christlichen Zeitrechnung haben die Völker der nördlichen Halbkugel den Tag gefeiert, au welchem das lebenspendende Tagesgestirn die Zeit der abnehmenden Kraft vollendet, und mit dem kürzesten Tag die Hoffnung auf eine neue segenbringende Zeit beginnt. Viele Gebräuche und Sitten des alten Sonnenwendfestes haben sich auf unser Weihnachtsfest, das Fest des Frie-


