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Anspruch darauf hat, eine wirkliche Künstlerin zu heißen, als gerade Sie. Aber wenn Ihnen Ihr Beruf keine Befriedigung gewährt, was kann Sie hindern, ihm zu entsagen?"
Um Ellis Lippen zuckte es. „Was mich daran hindert? Fragen Sie mich danach nickt; denn ich dürfte es Ihnen wvhl doch nicht sagen. Und ich habe auch am Ende gar kein Recht, mich zu beklagen. Es mag wohl außer mir nach viele Tausende geben, die in solcher Sklaverei ihr Leben hinschleppen müssen."
„Sie aber sollen nicht in einer Sklaverei leben, Fräulein Elli — Sie nicht! Sie sollen froh und glücklich sein. Und wenn Ihnen das Theaterleben einmal verhaßt ist, so muß es auch ein Mittel geben, Sie daraus zu befreien."
Sie schlug die langbewimperten Lider auf, und um den Blick, der ihn aus den dunklen Augen traf, hätte Sigismund Ruthardt mit Freuden auf der Stelle sein Leben hingegeben.
„Ich weiß keines", sagte sie im Ton einer müden Resignation, „ich! habe ja keinen Vater, der mir beistehen könnte, und keinen Freund."
„Dach, Fräulein Elli — wenn Sie ihn nicht verschmähen wollen, so haben Sie einen Freund! Ich begreife es Wohl, daß sie nicht viel Vertrauen setzen in meine Kraft, Ihnen zu helfen. Aber ein rechtschaffener Wille vermag oft viel, und wenn Sie mir nur sagen wollten, was ich! für Sie thun kann —"
Schon tauchte das schmucklose Theatergebäude vor ihnen auf, und ein paar von Ellis Kollegen, die neugierige Blicke auf das Paar geworfen hatten, waren bereits an ihnen vorübergegangen. So mußte die SchMspielerin wohl daran denken, das Gespräch zu enden.
„Ich danke Ihnen, Herr Ruthardt, aber Sie sollen mich nicht falsch verstehen. Nicht weil ich Ihren Beistand erbitten wollte, habe ich zu Ihnen von diesen Dingen gesprochen. Ich weiß überhaupt kaum noch, wie ich dazu kam. Und ich möchte wirklich nicht, daß Sie sich, meinetwegen Sorge machten. Am Ende ist doch alles nur Thor- heit, Was ich da geredet habe. Es mag wohl ein unabänderliches Gesetz in der Weltordnung sein, daß arme Mädchen immer unglücklich sein müssen."
Die jugendliche Naive des Stadttheaters, eine Dame von etwa vierzig Jahren, hatte sich ihnen gerade rechtzeitig genähert, um Ellis letzte Worte aufzufangen. Sie brannte offenbar darauf, zu erfahren, wer der junge Mann in ihrer Gesellschaft sei, und sie hielt eine unbefangene Einmischung in das Gespräch der beiden für das beste Mittel, diesen Zweck zu erreichen.
„Ja, meine liebe Pollnitz", sagte sie mit ihrer hochgeschraubten Backfischstimme, „daß Armut nicht glücklich macht, ist eine alte Weisheit. Aber wenn Sie das an sich selber erfahren, so ist's Ihre eigene Schuld. Sie brauchen ja nur die Hand auszustrecken, und den schönen Millionär einzufangen, für den bereits ganz Waldenberg schwärmt. Steckte ich in Ihrer Haut, so würde ich mich! wahrhaftig nicht lange besinnen."
Mit einer unmutigen Bewegung hatte sich! Elli von der boshaften Schwätzerin abgewendet. „Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung, Herr Ruthardt", sagte sie, indem sie Sigismund freundlich zunickte. „Auf Wiedersehen morgen abend! Und denken Sie bis dahin nicht mehr an mein unüberlegtes Gerede."
Wie aber hätte Sigismund wohl noch an etwas anderes denken können, als an diese schmerzlichen Bekenntnisse, die einen Sturm leidenschaftlicher Empfindungen in seiner Seele wachgerufen hatten. Trotz der dürftigen Umgebung, in der er Mutter und! Tochter bei seinem ersten Besuch gefunden, war es ihm bisher nicht in den Sinn gekommen, daß sie unter der Last einer drückenden Armut zu leiden haben könnten. Mit der naiven Vertrauensseligkeit eines Kindes hatte er den prahlerischen Reden der Frau Pollnitz Glauben geschenkt, und es war ihm nicht einen Augenblick zweifelhaft gewesen, daß Elli binnen kurzem eine weltberühmte Künstlerin sein würde, mit Lorbeeren und Reichtum überschüttet. Von dem Elend ihres Daseins hatte er in seiner weltfremden Unerfahrenheit nichts geahnt, und auch die Bilder, die er sich nun nach! ihren halben Andeutungen machte, waren von
der Wirklichkeit sehr weit entfernt. Dessenungeachtet quälten und peinigten sie ihn, wie ihn selbst der Gedanke an sein eigenes verpfuschtes Leben niemals gepeinigt hatte. Die Vorstellung, daß sie, die Herrliche, überhaupt von der gemeinen Not des Lebens gestreift werden könnte, reichte hin, ihn fast zur Verzweiflung zu bringen. Denn mit einer Art von herber Verachtung für seine jämmerliches Nichtigkeit fühlte er zugleich,, wie er mit all' seiner heißen Liebe und todesmutigen Opferwilligkeit so ganz ohnmächtig sei, die Dornen von ihrem Wege zu entfernen.
Seine Erziehung und das Beispiel, das er im Elternhause vor Augen gehabt, hatten ihn bisher davor bewahrt, dem Reichtum und den äußeren Annehmlichkeiten des Lebens irgendwelche Bedeutung beizumessen. Zum .erstenmale erfüllte ihn in dieser Stunde der glühende Wunsch, ein! Vermögen zu besitzen, das er der Angebeteten zu Füßen legen könnte. Das herzzerschneidende Wort von den armen Mädchen, die dazu bestimmt seien, unglücklich! zu werden, wollte ihm nicht aus dem Sinn. Wie viel Weh und Bitterkeit mußte ihre Brust erfüllen, daß in einem unbewachten Augenblick dieser Klageschrei ihren Lippen hatte entschlüpfen können! Und wie unmännlich mußte er in ihren Augen dastehen, wenn er jetzt, nachdem sie ihm ihr Vertrauen geschenkt hatte, so gar nichts thun konnte, sich, dieses köstlichen Geschenkes würdig zu erweisen.
Allerlei tollkühne, abenteuerliche Pläne wälzten sich in seinem Gehirn, während er den Rückweg einschlug. So lange er Elli auf dem Wege zum höchsten Künstlerruhm geglaubt hatte, war er bei aller Anbetung nicht vermessen genug gewesen, seine Wünsche bis zu dem Gedanken an ihren Besitz zu erheben. Nun aber, da er aus ihrem eigenen Munde gehört hatte, daß, sie diesen Schauspielerberus als eine Sklaverei empfand, nun fühlte er ein übermächtiges Verlangen, ihr der Retter und Befreier zu werden, dem sie dereinst voll Dankbarkeit und Bewunderung sich! selbst zum Lohne geben könnte. Und wenn er auch! in diesem Augenblicke noch, nicht einmal dunkel ahnte, worin die bewunderungswürdige That der Befreiung eigentlich bestehen sollte, so galt es ihm doch als gewiß, daß er irgend etwas thun würde — etwas, das ihm zugleich den fast verlorenen Glauben an seine eigene Mannhaftigkeit wiedergeben mußte. —
Das war die Stimmung, in welcher er die Wohnung der Frau Pollnitz betrat, und so wenig hatte er bisher gelernt, seinen Seelenzustand zu verbergen, daß die erfahrene Dame schon nach Verlaus der ersten fünf Minuten wußte, an welchem Punkte sie den Hebel einzusetzen habe, um ihre Absicht Zu erreichet
(Fortsetzung folgt.)
P e l z w e r k.
Wir entnehmen der „Wiener Mode" den nachfolgenden zeitgemäßen und interessanten Aufsatz:
Neben echten Spitzen und schönem, wertvollem Schmuck ist kostbares Pelzwerk wohl der von den Damen begehrteste Toiletteartikel; es verleiht thatsächftch dem einfachsten Kleide vornehm-elegantes Ansehen, und nicht allein die Lust an seinem Besitze ist es, die es so verlangenswert macht; auch tue Eitelkeit spielt dabei keine kleine Rolle: Pelzwerk schmeicyelt und ist äußerst kleidsam, da es den Teint hebt, und durch den Gegensatz zur Haarfarbe pikante Wirkungen hervorbringt — blondhaarigen Damen sei daher dunkleres, und braun- und schwarz- köpfigen helles Fell empfohlen. Die Mode ist auch! Heuer so duldsam, die verschiedensten Pelzgattungen gelten zu lassen; neben Stein- und Edelmarder und dem drapfarbigen, weißspitzigen Luchs werden halbdunkle Fellgattungen, wie Seefuchs, Blauluchs und Griesfuchs, getragen, und auch Skunks und Persianer, diese beiden dunklen, kleidsamen Pelze sind ins Bereich der Wintermode ausgenommen worden.
Selbstverständlich, ist das edelste der Felle, der Zobel, das nur wenigen vom Schicksal Auserwählten leicht erreichbar ist, noch immer modern, wie Nerz und Chinchilla, das aber seiner geringen Haltbarkeit wegen nicht


