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Dienstag den 6. November» -M
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tr Weise fragt wenig, oL man ihn ehrt;
Nur « allein bestimmt seinen Wert.
Seume.
(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Reinhold Ort mann.
(Fortsetzung.)
Zehn Minuten nach sieben Uhr bog Sigismund Rut- hardt raschen Laufes in die von den Schauspielerinnen bewohnte Straße ein. Das Billet der Frau Pollnitz, das durch einen Boten in Franz Norrenbergs Kontor abgegeben worden war, hatte ihn ja in den allerdringendsten Ausdrücken um ein pünktliches Erscheinen gebeten, und nichts in der Welt würde ihn abgehalten haben, einem solchen Rufe zu folgen. Etwa hundert Schritte vor dem Hause, das er in diesen letzten Wochen so oft mit hoch- klopfendem Herzen betreten hatte, gewahrte er Elli, deren jugendschlanke Gestalt auch in dem eleganten Wintermantel so fein und biegsam aussah wie der Körper einer Waldelfe.
Frau Pollnitz hatte in einem Postskriptum ihres nicht ganz orthographischen Schreibens ausdrücklich erwähnt, daß ihre Tochter nichts von diesem Besuche erfahren dürfe, und so dachte Sigismund im ersten Augenblick daran, sich unter einen Thorweg zu flüchten, damit das junge Mädchen seiner gar nicht ansichtig würde. Aber er sagte sich gleich darauf, daß es für ein solches Verstecken doch vielleicht schon zu spät wäre, und daß Elli eine sehr sonderbare Meinung von ihm gewinnen müßte, wenn sie seinen fluchtähnlichen Rückzug gewahrte. So ging er mit brennenden Wangen weiter und zog, als sie einander Nahe genug gekommen waren, grüßend seinen Hut. Anscheinend unbefangen dankte ihm die junge Schauspielerin. Ihre Bekanntschaft war eine zu nahe, als daß, Sigismund ohne ein Wort hätte vorüberschreiten dürfen, und so blieb er verlegen stehen.
„Gewiß sind Sie auf dem Wege ins Theater, Fräulein Pollnitz", sagte er unsicher. „Ich las auf dem Zettel, daß Sie heute zu spielen haben."
Sie bejahte freundlich, und dann fragte sie, ob er ein Stück Weges mit ihr gehen wollte. Der Kamps, den Sigismund mit seinem Pflichtgefühl zu bestehen hatte, wär nur von kurzer Dauer. Wie dringend auch immer die Angelegenheit sein mochte, welche Frau Pollnitz mit ihm zu erörtern wünschte, einen Aufschub von einer halben Stunde
würde sie jedenfalls vertragen können, und die erste Gelegenheit, einige Minuten unter vier Augen mit dem angebeteten Wesen zu sprechen, durfte er darum nicht ungenutzt vorübergehen lassen.
Aber als er dann neben Elli dahinschritt, wußte er mit der kostbaren Gelegenheit doch nicht das Geringste anzufangen. In ihrem eleganten Anzuge, mit ihren von der frischen Winterluft zart rosig überhauchten Wangen und ihrem graziösen, leichtfüßigen Gang, erschien sie ihm so herrlich, so ganz für das glänzendste Erbenlos bestimmt, daß er sich neben ihr wie ein armseliger Paria vorkam, dessen glühende Anbetung nichts als eine bejammernswerte Thorheit war. Noch nie war er von der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe so völlig durchdrungen gewesen, wie in diesem Augenblick, und das machte ihn schweigsamer und unbeholfener als je.
„Ich hätte Ihnen den Prolog so gern noch einmal vorgesprochen", sagte Elli nach einer Weile, als er noch immer nicht zu reden anfing, „und es thut mir sehr leid, daß sich nun wohl keine Gelegenheit mehr dazu bieten wird. Ich habe mich noch nie vor einem Auftreten so sehr gefürchtet, als in diesem Fall. Ich werde Ihnen Ihr schönes Gedicht gewiß verderben."
„O, wie mögen Sie nur so etwas äußern!" rief er mit ausbrechendem Feuer. „Was sind meine unbedeutenden Verse neben den erhabenen dichterischen Gestalten, die ich Sie auf der Bühne verkörpern sah! 9He werde ich Ihnen genug dafür danken können, daß Sie sich herbei- lassen, diesen Prolog zu sprechen."
Seine begeisterte Anerkennung schien sie kaum zu erfreuen; denn sie schüttelte mit sehr ernstem Gesichtchen den Kopf.
„Warum sagen Sie das, Herr Ruthardt? Ich selber tveiß ja am besten, daß ich gar keinen wirklichen Beruf zur Schauspielerin habe."
So bestürzt war er über diese unerwartete Erklärung, daß er sie mit großen Augen ganz verständnislos ansah. „Keinen wirklichen Beruf? Ja, gehören Sie denn nicht mit Leib und Seele Ihrer Kunst?"
„Ach nein! Ich würde mir mein Brot hundertmal lieber mit Nähen und Sticken verdienen, als auf der Bühne, die ich nur mit tiefinnerem Widerstreben betrete. Das mag Ihnen sonderbar klingen; aber es ist darum doch die volle Wahrheit. Ach!, wie ich dies Theaterleben hasse — wie ich es hasse!"
So gering auch immerhin Sigismund Ruthardts Erfahrung und Menschenkenntnis sein mochten, daß sich hinter diesem unvermittelten Bekenntnis eine Fülle namens losen Herzeleids verbarg, wurde ihm doch! mit erschütternder Deutlichkeit offenbar.
„Ich kann das nicht verstehen, Fräulein Pollnitz", sagte er; „denn ich meine, daß kaum jemand gerechteren


