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Kleider bleischwer am Leibe hingen, hätte sie wohl nur wenig belästigt; viel schlimmer war es, daß sie selbst hier, auf der bequemen Strahe, genötigt war, im Schxitt zu reiten, weil der von den unaufhörlich niederzuckenden Blitzen geblendete Braune auf keine Weise in eine schnellere Gangart zu bringen war. Kostbare Minuten, die sich kaum wieder einbringen ließen, gingen dadurch verloren, und voll beklemmender Bangigkeit dachte Elisabeth daran, wie sie unter diesen Umständen nun gar erst im dichten Wald den Weg wiederfinden sollte, der selbst am Hellen Tage nur für ein geübtes, angestrengt aufmerksames Auge zu erkennen war. „
Ihre Hoffnung, daß das Gewitter vorüber sein wurde, ehe sie den Wald erreichte, erfüllte sich nicht. Noch immer rollten und knatterten furchtbare Donnerschläge über ihrem Haupte, und noch immer goß es in Strömen vom tiefschwarzen Himmel hernieder, als sie im Aufleuchten eines neuen Blitzstrahls die unheimlich riesenhaften Stämme und das schier undurchdringliche Unterholzdickicht vor sich sah. Von ihrem sonst so sicheren Ortssinn völlig im Stich gelassen, verzweifelte sie von vornherein daran, den halb verwachsenen Pfad zu finden, den sie ja bisher nur zweimal im vollen Tageslichte geritten war, und alle ihre Hoffnungen ruhten jetzt nur noch auf dem Instinkt des Pferdes, dem sie entmutigt die Zügel auf den Hals fallen ließ.
' Sie war nahe daran, in Thräneu ohnmächtigen Zornes auszubrechen, als der Braune, dessen Schritt während der letzten Minuten immer langsamer geworden war, zuletzt stehen blieb, wie wenn er sich nun ebenfalls der Unmog- lichjkeit bewußt geworden wäre, in dieser finsteren Wildnis eine gangbare Straße zu entdecken. Hier warten zu müssen, bis es Tag wurde oder bis der Mond die Gewitterwolken durchbrach, war gleichbedeutend mit einer völligen Vereitelung ihres Unternehmens; denn sie hätte ine Birkengruppe hinter dem Totenhof dann kaum noch früher erreichen können, als die von Franz nach der glerchen Rrch- tung geschickten Kürassiere. An die Möglichkeit einer rechtzeitigen Warnung war nicht mehr zu denken, selbst wenn sie ihre eigene Person rücksichtslos preisgegeben und rhr Einverständnis mit dem Geächteten auf jede Gefahr hm offenbaren wollte. „
Von dem Bewußtsein ihrer Hilflofigkert zur Verzweiflung gebracht, beugte sich Elisabeth über den Hals des Pferdes und beschwor es unter liebkosendem Streicheln und Klopsen, weiter -zu gehen, als ob sie zu einem menschlichen Wesen gesprochen hätte. Und das treue Tier, von dessen glatter Haut das Wasser rn kleinen Bächen herabrieselte, machte ihre Hoffnung nrcht zu schänden. Es spitzte -die Ohren, begann mit oem Vorderhuf zu scharren, und setzte sich plötzlich wieder tn Bewegung, ganz langsam und vorsichtig zwar, doch tn einer bestimmten, mit Sicherheit festgehaltenen Rtchtung, die feine schärferen Sinne trotz der Dunkelhert und des. Unwetters glücklichHausgesPürt haben mußten.
Nahezu drei Vrertelstunden mochte dieser unsaglrch aufregende Ritt bereits gewährt haben, als das Rauschen des Regens in dem dichten Laubwerk endlich nach-- lieh, der Donner immer schwächer, und die Blitze immer seltener wurden. Nur kurze zehn Minuten noch, und mit voller Klarheit trat der siegreiche Mond wieder aus den zerteilten Wolken hervor. War es auch nur eine matte, ungewisse Helligkeit, die seine Strahlen hier unter dem gewaltigen Blätterdach hervorzubringen vermochten, so reichten sie doch hin, den Weg erkennbar zu machen und Elisabeth eine Fortsetzung des Rittes in schärfster Gangart zu ermöglichen. Ein leichter Schein zwischen den Stämmen kündete ihr schon von weitem, daß sie dem Rande des Waldes nicht mehr fern sei, und nun, da sich die weite Ebene vor ihr aufthat, nahm ihr der Anblick des zerstörten Dorfes auch! den letzten Zweifel, daß der von dem klugen Tiere eingeschlagene Weg der rechte gewesen sei.
Zwar konnte sie die Birkengruppe noch nicht sehen, aber sie hatte sich damals ihre Lage gut genug eingeprägt, um keiner neuen Ungewißheit mehr zu verfallen. Obwohl der grausige Knochenhügel inmitten des Dorfes jetzt, da er vom vollen Mondlicht beschienen war, noch leichter als damals am Tage ein Gegenstand des Schreckens für den
Braunen werden konnte, gewann sie es doch nicht über ich, ihn durch einen zeitraubenden Umweg zu vermeiden, sondern sprengte mutig gerade aus ihn los, icher, daß ihr die gebieterische Notwendigkeit diesmal Kraft genug verleihen würde, sich die Herrschaft über ihr Pferd zu bewahren. Und sie hatte es nicht zu bereuen; denn der Braune stutzte nur für einen kurzen Augenblick, um dann, dem Zügel gehorsam, weiter zu galoppieren. Sie sah' die weißen Stämmchen der fünf niedrigen Birken vor sich austanchen, und sie parierte ihr braves keuchendes Tier hart vor dem kleinen Hügel, den sie bekrönten.
Weithin vernehmlich tönte ihr fünfmaliger Pfiff durch die nächtliche Stille. Dann «wartete sie lauschend aus den Erfolg. Minute auf Minute verrann, ohne daß sich etwas geregt hätte, und eben hatte sie die Hornpseise abermals an die Lippen gesetzt, um das Signal zu wiederholen, als wie aus der Erde gewachsen ein Mann in Bauerntracht neben, dem Kopfe ihres Pferdes stand. Elisabeth erkannte ihn sogleich als jenen Husaren, der sie damals vor der Hütte des Majors bedient und später die Arznei aus dem Schlosse geholt hatte. Noch ehe er sie nach ihrem Begehr hatte fragen können, redete sie ihn hastig an: „Führt mich so schnell als möglich zu Eurem Major! Ich muß ihn auf der Stelle sprechen. Es handelt sich um seine Sicherheit und sein Leben".
Der Mann, dessen ernste Miene keine Verwunderung über ihr Erscheinen zeigte, erwiderte rasch: „Der Major ist weit von hier entferrrt. Euer Gnaden müßten wenigstens eine Stunde reiten, noch dazu aus sehr üblem Wege. Aber es sind- einige von uns hier in der Nähe. Wenn es so dringend ist, werde ich eine Ordonnanz abschicken, die ihn ruft".
„Ihr mögt immerhin einen Boten senden, wenn Ihr glaubt, daß er schneller ans Ziel gelangt, als ich. Aber Ihr müßt mir außerdem die Möglichkeit gewähren, dem Major entgegen zu reiten. Jede nutzlos geopferte Minute bedeutet einen uneinbringlichen Verlust".
„Es thut mir leid. Euer Gnaden — doch- ich kann Ihnen den Weg nicht zeigen. Es wäre gegen meine £Drbrc/z.
„Darauf kann es jetzt nicht ankomMen", bat Elisabeth in dem stehendsten, eindringlichsten Ton, den sie anzuschlagen vermochte. „Ich wiederhole, es gilt Euer aller Leben. Die Nachricht, die ich dem Major zu bringen habe, ist von äußerster Wichtigkeit. Wenn er sie nur um eine Viertelstunde zu spät erhält, sieht vielleicht keiner von Euch die Sonne dieses Tages untergehen".
Nicht so sehr ihre Worte, als der rührende Ausdruck ihres schönen Antlitzes entschieden den Zwiespalt im Innern des Mannes zu ihren Gunsten. Nach kurzem Zureden erklärte er sich- bereit, ihrem Wunsche zu willfahren und die Verantwortung für seinen Ungehorsam auf sich zu nehmen. Er hieß sie eine kleine Weile warten und kehrte nach Verlauf von etwa fünf Minuten zurück, um ihr kurz zu melden, daß der Bote abgefertigt sei, und daß er sie nun dem Major entgegenführen wolle. Er selbst hatte sich nicht beritten« gemacht, und Elisabeth war deshalb trotz ihrer fieberhaften Ungeduld abermals genötigt, im Schritt zu reiten. Bald genug jedoch erkannte sie, daß der Husar recht daran gethan hatte, sein Pferd zurück zu lassen, denn sobald sie wieder in den Wald gelangt waren, wurde der Weg so schlecht und das Vorwärts- kommen so schwierig, daß der Braune sicherlich nicht einen Schritt weiter gethan hätte, wenn er nicht am Zügel geführt worden wäre. Von Minute zu Minute, wenn Dickicht und Gestrüpp ihr wie eine undurchdringliche Mauer entgegen starrten, fürchtete Elisabeth aus dem Munde ihres Begleiters zu hören, daß er sich verirrt habe; aber es fand sich doch immer wieder eine Lücke, groß genug, um einen einzelnen Reiter durchzulassen, und ohne Aufenthalt drangen sie wohl drei Viertelstunden lang in einer Wildnis vorwärts, die für keinen Unkundigen passierbar gewesen wäre. . .. u
Auf einer kleinen Lichtung machte ihr Führer Halt.
„Hier müssen Euer Gnaden den Major erwarten", sagte er, „denn wir würden sonst in Gefahr geraten, ihn zu verfehlen. Auch ist -er durch die Ordonnanz be-


