Ausgabe 
6.9.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von LotharBrenkendors.

(Fortsetzung.)

Von dem Wirtschaftshofe herüber schallte noch Gesang. Die Mägde, die mit den stattlichen Kürassieren rasch Freundschaft geschlossen haben mochten, unterhielten ihre neuen Verehrer durch den Vortrag alter litauischer Volks­lieder, die auch Elisabeth gar häufig vernommen hatte, deren schwermütige Weisen ihr jedoch heute zum ersten Male Thränen in die Augen trieben. Sie lauschte regungslos, bis endlich- auch der letzte Ton verhallt war; dann ging sie in ihr 'Schlafzimmer, entkleidete sich mit Hilfe der Zofe, die dort bereits auf sie wartete, und legte, sich ins Bett. Aber sie schlief nicht ein, sondern nach Ver­lauf einer Stunde, als es im Hause längst totenstill ge­worden war, stand sie wieder auf, legte unter sorgfältiger Vermeidung jedes Geräusches ihr Reitkostüm an und stieg, ihren Weg mit einer kleinen Blendlaterne beleuchtend, behutsam die Treppe hinab.

Die Hausthür war von innen versperrt; aber der Schlüssel steckte im Schloß. Sein Knirschen konnte ihr nicht zum Verräter werden, denn es wurde übertönt von einem mächtigen Donnerschlag- der mit dumpfem Dröhnen und Poltern über das Schloß dahinrollte. Als Elisabeth den schweren Thorflügel öffnete, brauste ihr ein orkan­artiger Wirbelwind entgegen, sodaß sie für einen Moment Mühe hatte, sich auf den Füßen zu erhalten, und rasch aufeinander folgende Blitze blendeten ihre Augen, indem sie die nachtschwarze Finsternis jäh mit einer Flut bläu­lichen Lichtes wechseln ließen. Ihre Laterne war unter diesen llmständen ganz wertlos, und mühsam nur tastete sich Elisabeth bis zu dem kleinen Stallgebäude hin, in welchem außer vier anderen wertvollen Pferden auch ihr Brauner untergebracht war.

Die großen Hofhunde, die zu solcher Stunde selbst für die Bewohner des Schlosses nicht ganz ungefährlich waren, hatte man aus ihren Befehl in dieser Nacht gar nicht von der Kette gelöst, damit nicht etwa einer der Sol­daten durch sie verletzt würde, und weil es ja auch! bei der Anwesenheit eines so starken militärischen Schatzes

einmal lesen kann.

Jean Paul.

as Leben gleicht einem Buche; Thoren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, daß er es nur

ihrer Wachsamkeit kaum bedurfte. Die Posten aber, die Herr von Kapnist ohne Zweifel reglementsmäßig hatte ausstellen lassen, wären bei diesem mit surchtbarer Heftig­keit losbrechenden Unwetter völlig außer stände gewesen, irgend etwas von den Vorgängen auf dem Hofe wahrzu­nehmen, selbst wenn sie nicht vor dem Gewitterregen, der mit der Wucht eines Wolkenbruches niederprasselte, in irgend einem halbwegs geschützten Winkel Unterschlupf ge­sucht hätten.

Die junge Schloßherrin war bereits bis auf die Haut durchnäßt, als sie den Stall betrat, aber sie achtete dessen nicht, sondern machte sich ohne weiteres daran, ihrem Braunen, der mit leisem Wiehern den klugen Kopf nach ihr umwendete, das aus der anstoßenden Geschirrkammer her­beigeholte Sattelzeug aufzulegen.

Heut' sollst Du zeigen, was Du zu leisten vermagst, mein braves Tier", sagte sie, ihm schmeichelnd den schlan­ken, glänzenden Hals klopfend.In dieser Nacht reiten wir um des besten Mannes Leben."

Die ungewohnte Arbeit des Sattelns, zumal bei der kümmerlichen Beleuchtung durch die einzige Laterne, be­reitete ihr große Mühe; doch ihre Energie überwand alle Schwierigkeiten, und nach wenig mehr als einer Viertel­stunde konnte sie das Tier am Zügel hinausführen. Wohl schnob der Braune unruhig und gab durch lebhaftes Kopf­schütteln sein Mißbehagen zu erkennen, als er das Un­wetter spürte; ein freundliches Wort seiner Herrin aber machte ihn lammfromm, sodaß er sich geduldig ihrer Lei­tung überlieft

Die schweren Flügel des großen Thorweges hätte Elisa­beth bei dem tobenden Sturm Wohl kaum ohne fremde Hilfe zu öffnen vermocht; zum Glück aber gab es in der Ümfriedigungsmauer, die Franz sorgfältig hatte wieder­herstellen lassen, noch eine kleinere Seitenpforte, und Elisa­beth hatte sich schon im Laufe des verflossenen Nach­mittags wie sie meinte, ganz unauffällig bert! Schlüssel dazu verschafft. Anfänglich schien zu ihrem Schrecken das wenig benutzte Schloß nicht nachgeben zu wollen; mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft brachte sie indessen doch endlich den Riegel zurück, und sie atmete auf, denn es war keineswegs der leichteste Teil ihres toll­kühnen Vorhabens gewesen, den sie jetzt glücklich! hinter sich hatte.

Ein paar hundert Schritte weit noch führte sie das Pferd am Zügel; dann schwang sie sich von einem am Wege liegenden großen Steine aus in den Sattel und ritt auf anfänglich noch wohlbekannten, gebahntem Wege dem Walde zu. Das Unwetter, das sie bis jetzt gesegnet hatte, weil es die Ausführung ihres Planes über alles Er­hoffen begünstigte, machte sich- ihr nun, wo es an Heftig­keit noch beständig zuzunehmen schien, doch auf eine recht unangenehme Weise fühlbar. Daß ihr die triefenden