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Paul drückte nur stumm ihre Hand und zeigte nach seinem Kinde hin, das vom Springen ermüdet, stehen geblieben war und das Gesicht nach ihnen zurückwandte.
Sie sahen in Johanne's Züge. Tas waren ihre Augen, ihr weicher Mund, und das dankbare Lächeln, mit der sie der Welt entgegengestaunt hatte. Aenbstlich, mädchenhaft schüchtern stand er da. Er hatte sich für sein Gefühl schon zu weit von ihnen fortgewagt. Nun maß er mit dem Blicke das Ungeheure seines Vorsprunges, und wie ein kleines Rehkalb, das ganz erschrocken ist überfeinen eigenen, kühnen Frendcnsatz, hielt er zögernd inne.
„Er ist „Johanne" ganz wie sie war, — aber er soll auch ein Stück Nettchen' sein!" rief die jugendliche Frau und so machte sie sich rasch und lebendig von der Hand ihres Mannes los, und eilte eifrig ihrem Jungen nach.
Er hatte sie kommen sehen, und mit ersticktem, frohen Kindergelächter lief er davon. — Jetzt sah er die Löcher nicht mehr im Wege, nicht mehr die lebendigen Hinhernisse in Gestalt der großen Jungen, die über ihrer Drachenschnur im Grase lagen. Jetzt fürchtete er sich nicht mehr, die rasche, ihn fröhlich antreibende Mutter hinter sich, — aufjohlend lief er weiter, fanatisch kouragiert. Und er wäre von diesem Ueberfluß von Mut beseelt in die Bajonette der exerzierenden Kompagnie gerannt, wenn nicht die atemlose Mutter zu seiner Genugthuung gerufen hätte:
„Genug Paulchen, Du hast gesiegt. Ich kann nicht mehr". —
Paul der Aeltcre war nur langsam nachgekommen. Auf der Heide iiber der die Falter schwebten, und die bunten Drachen torkelten, auf der blasse Mütter sich mit ihren Kleinen sonnten, und so viele Kinderwagen standen, ging er rastlos vorwärts, eingelullt von der warmen Früh- lingsstimmung, die über diesem kleinen Ausschnitt Welt lag. Sein Herz war dem neuen Leben geöffnet, wie ein Acker, in dem Saat um Saat herniederfällt, und alles, was er vernahm, das Jauchzen der glücklichen Kinder, das Zwitschern der Schwalben, der Trommelwirbel der Soldaten, und das ferne Grollen des Großstadtlärmes verband sich in ihm zu einer einzigen Empfindung von traumhaftem Frieden.
Fast schon ganz am Rande der Wiese sah er seinen Jungen, gefolgt von der raschen, fröhlichen Mutter laufen. Sie liefen so schnell, er verlor sie fast ans den Augen, Nettchen's rotes Brusttuch «leuchtete, und Paul's blonde Haare flatterten im Winde. Der einsam schreitende Mann blieb stehen, hielt die Hand vor die Augen und sah ihnen im glitzernden Sonnenlichte aufmerksam nach. — Dann blickte er auf seinen kurzen Fuß herab, und lächelte vor sich hin. — Sie liefen so schnell, und er wird über die Wiese hin in gleichem Laufe niemals mitkommen! Doch dort, wo sich der Weg in zwei Hälften teilt, bleiben sie unschlüssig stehen, die Arme nach ihm ausgebreitet, die erhitzten Gesichter ihm fragend zugekehrt, wie Kinder, die den Vater erwarten, — Und so schnell und lebhaft, daß der hölzerne Absatz des kurzen Fußes förmlich über das Gras der Wiese tanzt gleichsam als habe der Himmel ihm neue Gesundheit gesandt, flüchtet Paul zu. seiner Familie hin. -- — —
Das Passionsspiel in Oberammergau.
Von Paul Pasig.
(Nachdruck verboten.)
Unter den zahlreichen Bauernspielen, die das Leiden und Sterben des Erlösers zu ihrem Inhalte haben und die historischen Begebenheiten der Karwoche, vom Palmsonntage an, vor den Augen der andächtigen Zuschauer aufleben lassen, steht zweifellos das sogenannte Passionsspiel von Oberammergau (Oberbayern) obenan. Es liegt das nicht allein in der Lokalität, in der diese größte Tragödie der Menschheit immer wieder von neuem zu geschichtlicher Thatsache wird, sondern auch teils in der Entstehungsursache, teils in der ganzen Art der Auffassung und Darstellung des Passionsspieles selbst. So ist es gekommen, daß, das kleine etwa 1500 Einwohner zählende Dörfchen an der Ammer, Bezirksamt Garmisch, in Oberbayern je von Jahrzehnt zu Jahrzehnt das Ziel vieler Tausende ans allen
Weltteilen ist, und daß die Zeitungen der gebildeten Welt dann von jenem stillen, entlegenen Alpenthale berichten, wo die verschiedensten Nationen und Konfessionen, gleichsam !vie verabredet, sich ein friedliches Stelldichein geben, um durch ein Anschauen des heiligsten Abschnittes der heiligen Geschichte sich zu erheben über den Staub des Alltagslebens.
Es war im Jahre 1633, als die an sich wenig zahlreichen Bewohner des Ammerthales, die sich als Holzarbeiter (Holzschnitzer) schlecht und recht durchs Leben schlugen, infolge einer verheerenden Pestseuche, die das stille Thal in eine schaurige Einöde zu verwandeln drohte, das heilige Gelübde ablegten, wenn Gott dem Weiterumsichgreifen der Seuche Einhalt gebieten werde, alle zehn Jahre durch Ortsangehörige die Passion Christi aufführen zu lassen. Und siehe da, ihre Bitte wurde erhört, und nachdem die erforderliche Genehmigung der geistlichen und weltlichen Behörden eingeholt worden war, machten sich die wackeren Oberammergauer an die Einlösung ihres Gelübdes, ohne daß die große Welt übrigens anfänglich viel von dem „Gspiel", wie es die Landsleute nennen, erfuhr. Erst seit im 19. Jahrhundert infolge der ungeheuren Verkehrserleichterungen auch das weltferne Alpenthal mit seinen treuherzig frommen Bewohnern der Kultur näher gerückt war, fing man auch in weiteren Kreisen an, sich für das Spiel zu interessieren. Zuerst, freilich war es meist Neugierde, die alljährlich mehr Fremde anlvckte. Auch religiöse Gründe trugen dazu bei, den Ausführungen neue Freunde zuzuführen. Schließlich kam man zu der Ueberzeugung, daß es sich im vorliegenden Falle doch um etwas ganz anderes handele, als um die vielverspotteten „geistlichen Schauspiele" des Mittelalters, die bei aller Anerkennung ihrer guten Absichten vom künstlerischen Standpunkte aus — man denke nur an Hans Sachs it. a. — auf einer sehr niedrigen Stufe stehen und den Anforderungen eines geläuterten Geschmackes nicht zu genügen vermögen. Wer vollends an der dramatischen Behandlung jenes religiösen Stoffes mit der Person Christi selbst als Mittelpunkt Anstoß genommen hatte, der kehrte, nachdem er in Oberammergau gewesen war, mit völlig veränderter Ansicht zurück, und trug an seinem Teile dazu bei, etwa vorhandene falsche Meinungen und schiefe Urteile zu berichtigen und die Zahl der Wallfahrer selbst von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu vergrößern. Das liegt, wie wir eben andeuteten, einmal in der textlichen und musikalischen Ausgestaltung des zweifellos schwierigen Stoffes, dann aber und keineslvegs zuletzt, in dem rastlosen Eifer, dem unverkennbaren Geschick und der selbstlosen Hingabe, mit der die z. Z. etwa 550 zählenden Darsteller, sämtlich Ortsangehörige, sich ihrer ebenso zarten als schwierigen Aufgabe zu entledigen wissen. Auf die großartige Wirkung und das hervorragende Ensemble dieser schlichten Naturmenschen wies s. Z. vor allem E. Devrient hin, ein Künstler, der besonders urteilsberechtigt war, und namentlich die Volksszenen, bei denen man unwillkürlich an einzelne Darstellungen aus Shakespeares Dramen (Julius Caesar, Coriolan u. a.) erinnert wird, sind von packender Kraft und Naturtreue. Die erste Bearbeitung des Textbuches stammt vom Jahre 1662, jetzt wird eine vom Benediktiner O. Weiß (gestorben 1843) besorgte Bearbeitung benutzt, die im Jahre 1850 durch den geistlichen Rat Daisen berger nach eine Ueberarbeitung erfuhr (Text mit Vorwort von C. v. Brentano), während die musikalische Behandlung vom Lehrer Rochus Dedler in Oberammergau herrührt. Ein Ausschuß bildet die Intendanz, deren Hauptaufgabe naturgemäß in der sachkundigen Besetzung der Rollen, vor allem des Christus, Johannes, Petrus, Herodes, der Maria Magdalena, Martha u. a. besteht. So hat sich unter den schlichten Bauern allmählich eine künstlerische Tradition ausgebildet, auf welche nicht nur jene Hauptdarsteller und deren Familien, sondern das ganze Dorf stolz sein darf. Joseph Meyer, der frühere Träger der Hauptrolle, mit seinem edlen Christusantlitz, das uns von unzähligen Bildern her so bekannt ist, steht sicher noch bei vielen in sympathischer Erinnerung. Er hat dem Alter nun auch seinen Tribut gezollt. In seine Stelle soll dieses Jahr Töpfermeister Anton Lanz jun. treten, gleichfalls ein herrlicher Kopf, der an das Christusideal erinnert, während


