Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Mey er-Färfter.
Schluß.
Sie tastete durch das Zimmer, durch die Stubenthür auf den Hausflur hinaus.
Fort aus dem dunklen Keller!!
Aus dem Hof wehte, frische Herbsttust in den Flur, sie glitt kühlend über ihre glühende Stirn.
Fest zog sie die Thür hinter sich zu und drehte den Schlüssel im Schloß.
Hinaus — fort aus dem Keller mit feiner düsteren Einsamkeit.
In dem breiten, langsamen Strome der Menschen ging sie wie eine Welle im Getriebe unter.
Und plötzlich eilte sie, stieß sie die Menschen beiseite.
Die belebte Kreuzbergstraße entlang, die stille Tempelhofer Chaussee. — Und nun seitab, auf das einsame, mensöhenverlassene Heidefeld.
Keine Seele begegnete ihr. Nur fern am Saum der riesigen Wiese leuchteten im Halbdümmer die Uniformen der Soldaten, die der Kaserne zustrebten.
Und immer weiter aus Tempelhof zu.
Sic dachte, grübelte nicht mehr. Sie wußte nur, daß sie sich retten mußte, aus der Verzweiflung heraus zu den einzigen Menschen, aus die sie ein Anrecht hatte.
Als sie im Vorort ankam, sahen die Passanten, die ijhr begegneten, verwundert aus ihre erregte Erscheinung hin.
Sie achtete es nicht. Sie strich das Haar nicht aus der Stirn zurück, nur von dem einen einzigen Gedanken erfüllt, rannte sie weiter.
In der Hofwohnung der Brinkmanns war es dunkel, nur in der Küche brannte Licht. Durch die halb offene Sntreethür konnte Nettchen die Großmutter herumrumoren und mit einer hinzugekommenen Nachbarin reden hören.
Wie ein Dieb schlich sie durch, den dunklen Korridor.
„Paul suchen!"
Er saß, ihr abgekehrt, am Fenster in dein kleinen Wohnzimmer. Sein Blick hing an der schwachen Dämmerung draußen.
Tonntag den 6. Mai.
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ie Muttcrlicb ist reich durch steres Geben, Sie ist schon glücklich, wenn sie weinen kann; Dem Taue gleicht ihr sorgenvolles Leben —
Er setzt sich nur in kühlen Nächten an.
Karl Gutzkow.
Als die Thür so leise aufging, wandte er sich staunend um. Da fühlte er Nertchens Arme, fühlte einen Körper an dem Seinen niedergleiten, brennende schluchzende Lippen auf seiner Hand.
„Paul, hasse mich nicht. Ach Paul, warum hassest Du mich?" . ;
Er rang nach Worte». In seinem bleichen Gesicht, "hatten sich ‘ die Augen ungläubig, verständnislos auf- gerissen, er wollte die Knieende abwehren, und riß sic doch aufjauchzend an sich heran. Und fassungslos hörte Nettchen die Worte, deren Sinn sie nicht gleich begreifen konnte, und die ihr aus einer anderen Welt zu kommen schienens
„Ich hab' Dich hassen lvollen, Nettchen, weil ich nie — nie nie aufgehört habe Dich zu lieben".
Wieder ließen die Kinder auf dem Tempelhofer Felde! die Drachen steigen, aber nicht wie winzige Punkte schwebten diese am Horizont, sondern niedergedrückt von der lauer, Frühlingsluft torkelten sie wie trunkene Vögel über den Köpfen der Kleinen. —
In ihren schwarzen Sonntagskleidern schritten Nettchen und Paul den schmalen Fußpfad entlang, den die Soldaten parallel der Kaserne in das junge Gras getreten« hatten. Sie lvaren am Morgen ohne Sang und Klang standesamtlich getraut worden, rmd schritten nun der Stadt zu.
Die Großmutter, der jetzt der Gang zum Lehnstuhl! der liebste Ausflug war, war zu Hause geblieben. Nur Paulchen schritt vor ihnen her, nunmehr bereits in langen Hosen und Schaftstiefeln, ohne gefütterte Kapuze. Dafür trug er einen Strohhut aus den, Kopf, an den Nettchen bei' der morgendlichen Brautvisite bei Frau Pilz, der Freundin ihrer Fugend, ihn, eine Hahnenfeder gesteckt hatte. —
Unruhige Tage lagen hinter ihnen. Nettchens Scheidung, die Auseinandersetzungen mit Jerome Seitrc, der die Trennungsangelegenheit auf eine Weise behandelst hatte, die einer Gelderpressung gleich kam war jetzt überwunden, und keine häßliche Erinnerung mehr ragte in den stillen Frühlingstag hinein. Alles war ausgeglichen, das Leben hatte gleichsam einen neuen Anfang für die beiden, die Hand in Hand neben Johannes Kind herschritten.
Ihr Name schwebte zwischen ihnen, vor ihnen her, ungreifbar wie die Sonuenfunken, die auf der Wiese tanzten, und dock; von beiden bis ins tiefste Herz empfunden. „Glaubst Du, daß sie sich über uns freut?" sagte Nettchen leise, während ein hohes Rot in ihren Wangen langsam aufstieg, und ihrem Gesicht für einen Augenblick noch einmal den Ausdruck mädchenhafter Lieb- lichkeit gab.


