Ausgabe 
6.2.1900
 
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bittender Stimme: Ach, Mildred, wie glücklich würde es mich machen, wenn das alles in Erfüllung ginge.

Sei ruhig, Mama. Du hast mir die Pflicht schwer ge­macht, aber ich will thun, was ich kann, und es kommt jetzt alles auf Robert an. Als Mildred allein war, wandte sie ihr Gesicht nach der Wand und atmete schwer.

Arnold! Arnold! Lebe wohl für immer! rief sie. Ich darf nicht mehr an Dich denken! O Herz, schweige still!

Doch sie war zu einem Entschluß gekommen, die Natur machte ihre Rechte geltend und sie sank in Tinen tiefen langen Schlaf.

XXVIII.

Ein weibliches Herz.

Am Abend erschien Mister Wentworth in Begleitung von Robert, welchen Mildred mit Zittern, Bella mit Un­geduld erwartet hatte. Für Mildred war es eine Erleich­terung, daß der Geistliche mitkam, denn trotz ihres Ent­schlusses, Roberts Bewerbung anzunehmen, war ihrem Herzen doch ein Aufschub willkommen, und in Gegenwart des Geistlichen konnte sie ihm ihre Dankbarkeit aussprechen, ohne sofort die Folgen zu befürchten.

Warum ließen Sie mich heute morgen meine Dankbar­keit nicht aussprechen? sagte sie. Meine Dankbarkeit ist seitdem noch gewachsen, ich muß von der Last frei werden, sonst sinke ich nieder.

Bei diesen Worten, welche warm von dem Herzen des Mädchens kamen, das bisher ihm so unnahbar ge­schienen hatte, zitterte Roberts Hand.

Bitte sprechen Sie nicht so, stotterte er. Ich verdiene das nicht! Jeder andere hätte mit Freuden dasselbe gethan. Ich bin glücklich, daß mir diese Pflicht zufiel!

Aber Bella umfaßte ihn mit dem Ungestüm einer warmherzigen Schwester.

Ich werde Sie mit der besten Münze bezahlen, die ich habe! ries sie und küßte ihn wieder und wieder.

O Jupiter! ries er errötend, dieser Geschäftsführer mit allen seinen Teufeleien sei gesegnet! Ich werde ihm verzeihen.

Nein, rief Bella, Sie sollen noch einen Kuß haben, wenn Sie scharf mit ihm abrechnen!

Abgemacht! sagte er ihr ins Ohr und Bella erfüllte sofort den Vertrag.

Ach, dachte Mildred, wenn es doch Bella wäre, anstatt meiner!

Mister Wentworth, welcher bis jetzt unbeachtet ge­blieben war, beobachtete lächelnd die Szene und nun rief Bella:

Erzählen Sie! Wir waren den ganzen Tag voll Neu­gierde, Sie aber sind so geheimnisvoll. Und wirklich, Ro­bert, es scheint mir, daß Sie für einen Jüngling vom Lande sehr rasche Fortschritte machen.

Ein Jüngling vom Lande braucht nicht gerade immer ein Dummkops zu sein, sagte Robert. Es ist alles einfach zugegangen, ich ging gerade an dem Laden vorüber, wo Fräulein Mildred

Gerade ganz zufällig! unterbrach ihn Bella mit schalkhafter Miene. Wie oft traten denn solche Zu­fälle ein?

Sie sind nicht der Richter und dürfen keine Kreuzfragen stellen, erwiderte Robert errötend. Dann erzählte er, was den anderen noch unbekannt war.

Nun zu den Geschäften! sagte der Geistliche zuletzt. Heute war ich mit Robert in Ihrem früheren Geschäft, Fräulein Mildred, und wir sprachen mit den Inhabern ziemlich scharf. Sie behaupteten, sie seien getäuscht worden und bedauern das Vorgefallene, aber es sei nicht ihre Schuld. Sie geben Ihnen eine Woche Urlaub und senden Ihnen fünfundzwanzig Dollars als Entschädigung für das, was Sie durchgemacht haben.

Das brauche ich nicht! rief Mildred entrüstet.

O doch, gewiß. Jenen Bissel haben sie bereits ent­lassen und beabsichtigen, das Mädchen gerichtlich zu ver­folgen. Sie senden Ihnen Ihre Entschuldigung und ver­sprechen, Ihren Gehalt zu erhöhen. Aber ich glaube, ich kann Ihnen genug Nadelarbeit verschaffen, so daß Sie nicht mehr in jenes Geschäft zu gehen brauchen. Ich kenne eine reiche Dame in der fünften Avenue, durch welche ich Ihnen Kundschaft zu verschaffen hoffe.

Ach, wenn ich nur bei Mama bleiben und ruhig zu Hause arbeiten könnte, dann wäre ich glücklich! rief Mildred.

Gut, aber Sie müssen mir versprechen, jeden Tag an die frische Luft zu gehen mit Ihrer Schwester oder mit Robert. Sie dürfen nicht hier bei der Arbeit verkümmern.

Sie haben Recht, erwiderte sie. Dann bedeckte sie das Gesicht mit den Händen. Aber Papa! Papa! Sie müssen die Wahrheit wissen, ich» darf Ihnen nichts verheimlichen! Ich fürchte, wir würden Mister Atword schaden, wenn wir seine freundliche Begleitung annehmen würden.

Fräulein Howell, rief Robert, auf nichts würde ich I so stolz sein, als darauf, Ihr, und Ihrer Mutter Vertrauen zu besitzen!

Robert hat recht, bemerkte der Geistliche. Da Sie von einer so peinlichen Sache gesprochen haben, kann ich auch aufrichtig davon reden. Es wäre grausam, die Sünden der Eltern an den Kindern zu rächen. Sie haben soviel Recht auf Luft und Sonnenschein als ich und andere und auch ' ein Recht auf Achtung. Es würde Ihrem Vater nichts nützen, wenn Sie sich von der Welt zurückziehen wollten. Ich fürchte, die Sucht nach jenem Gift ist bei ihm schon eine Krankheit geworden, und es ist ihm unmöglich, es s zu lassen ohne ärztliche Hilfe.

Glauben Sie, daß es möglich wäre, ihn i« eine Anstalt zu verbringen? fragte Mildred.

Es kostet viel, aber wenn Ihr Vater einwilligt und eine ehrliche Anstrengung machen will, so wird sich vielleicht das Geld dazu finden.

O, rief Mildred, wir wollen hungern und Tag und » Nacht arbeiten, um dieses Ziel zu erreichen.

Das Geld ist da, sagte Robert ruhig. Ich habe fast 8 meinen ganzen Gehalt aufgespart und

O Robert, brach Mildred aus, das wäre noch eine ! größere That, als daß Sie mich vom Gefängnis errettet | haben!

Wir wollen einen Versuch machen, rief Robert. Ich | wünsche nichts mehr, als dazu beitragen zu können, einen s solchen Mann, wie der alte Herr gewesen sein muß, zu | retten.

Sie sind der treueste und beste Freund! rief Mildred I ungestüm. Jetzt weiß ich es!

Sie sah, wie seine tiefe, lange zurückgedrängte Leiden- | schäft in seinen Augen und auf seiner Miene aufflammte, I unwillkürlich aber schrak sie davor zurück. Das weibliche | Herz war stärker selbst als ihr Wille. Die Leidenschaft l erlosch auf seiner Miene.

Der Geistliche, der mit Frau Howell sprach, hatte nichts ? von dem allen bemerkt und verabschiedete sich mit der l Versicherung, daß er bald wiederkommen werde. I

Mildred stand unschlüssig da, voll von bitteren Selbst- vorwürfen. Sie machte einen Schritt zur Thüre, um Robert zurückzurufen, aber verzweifelt rief sie aus: Ich ' kann weder ihn, noch mich täuschen, Mama! Es ist ver- i gebens!

Ich wünschte, ein solcher Mann, wie Robert Atword | würde mich so ansehen wie Dich! rief Bella entrüstet.

Ach, daß Du es wärest! rief Mildred niedergeschlagen. < Mein Blut könnte ich für ihn hingeben, aber--

Unsinn! rief die praktische Bella, er braucht nicht Dein Blut, sondern nur eine vernünftige Frau, die ihn liebt, T wie er es verdient!

Während dieser Nacht, wo Liebe und Pflicht aus seine Rettung dachten, lag der Gatte und Vater in tiefer, trun- j lener Betäubung.

Fortsetzung folgt.

Hasenbraten.

Eine heitere Geschichte von Lina Fabian.

Nachdruck verboten.

Solch strenger Winter macht uns Hausfrauen viel zn schaffen: was das jetzt an Holz und Kohlen kostet, das glaubt kein Mensch. Die angefahrenen Vorräte sind auf­gebraucht, ein Preisaufschlag hat auch stattgefunden, mid nun die Männer zu einer Nachlieferung zu bewegen, das mußte sicher etwelches Lamento absetzen. Zugleich aber schien mir die Gelegenheit günstig, um nicht nur eine Kohlen-Nachforderung, sondern auch eine Ausbesserung des