Ausgabe 
5.8.1900
 
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ist oder vielleicht sogar noch, ein paar Monate älter ist als ich?"

Nein, nicht darum! Elisabeth ist jung und schön mit ihren fünfundzwanzig Jahren, wie sie es nodj, mit fünfzig sein wird. Aber mein Gott, ich, weiß nicht recht, wie ich es sagen soll, ohne Ihnen von neum wehe zu thun, aber es ist doch eine so große Verschiedenheit zwischen Ihnen. Sie nannten sie vorhin selbst eine könig­liche Erscheinung. Uni) ich meine, Herr von Kapnist, Sie müßten keine königliche Frau haben, sondern eine lustige, die mit Ihnen lacht"

Oder über mich, nicht wahr?"

Oder auch über Sie, wenn es sich gerade so trifft; der es nichts verschlägt, allerlei dummes Zeug zu schwatzen, wenn eben weder Ihnen noch ihr was Ge- scheidtes einfallen will, die mehr übermütig als hoheits­voll, mehr kindlich als erhaben ist kurzum eine Frau, mit der Sie vergnügt sein können- statt immerfort an­betend zu ihr aufzusehen."

(Fortsetzung folgt.)

Die Heilkraft der See?)

Winke für die Badesaison von Peregr inus.

Nachdruck verboten.

Immer wenn der Sommer naht, findet ein förmliches Wallfahrten nach- den Gestaden der See hin statt. Der nervöse oder sonst an einer Krankheit leidende Kultur­mensch sucht hier Genesung von allerhand körperlichen Unzuträglichkeiten, die ihn heimsuchen. Und die Thatsachx läßt sich nicht leugnen: das Meer besitzt eine Heilkraft, die geradezu erstaunlich wirkt. Es findet auf diesem Ge­biete ein Zusammentreffen von Faktoren statt, die, jeder für sich genommen, vielleicht fchpn hinreichen würden, unter Umständen einem Kranken die Gesundheit zurückzugeben. Vor allem muß dabei die Seeluft genannt werden. Die Arzeneikunde in ihrem steten Fortschreiten hat zur Ge­nüge dargethan, daß der Mensch gerade beim Atmungs­prozeß den denkbar größten Gefahren ausgesetzt ist, und die schlechte Luft, die in seine Lungen dringt, läßt in diesem vielleicht edelsten seiner sämtlichen Organe einen Herd von Mikroorganismen entstehen, die, sich stets vermehrend und fortwuchernd, schließlich Verfall der Kräfte oder gar den Tod Herbeisuhren. All das leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß unsere Lungen ununterbrochen arbeiten, daß sie Stunde für Stunde, Tag für Tag die so schädlichen Lebewesen einzuatmen gezwungen sind. Anders an der See. Alle jene schädlichen Beimischungen, von denen die Luft in den Städten oder in der Nähe derselben, meistens sogar auf dem gesamten Binnenlands, erfüllt ist, fehlen dem See­klima mehr oder weniger gänzlich. Staubatome, Kohlen- partikelchen, schädliche Gase: wo sollen sie ihren Ursprung nehmen, wenn die Bedingungen für das Entstehen nicht vorhanden sind? Freilich wird man eine völlig reine See­luft überhaupt kaum an dem Gestade, wo Menschen Hausen und sich zueinander gesellen, antreffen. Ein so ideales Seebad würde eben keinen Platz in der Wirklichkeit haben. Allein wenn die Reinheit des Seeklimas nur annähernd erreicht ist, kann der Mensch!, der in ihm Genesung sucht, schon zufrieden sein und diese erhoffen. Eine sehr wich­tige Rolle spielt übrigens jedesmal die gerade herrschende Luftströmung. Weht der Wind vom Binnenlande her, wo sich in der Nähe große Städte oder gar Fabriken befinden, so wird auch das Klima in dem bewußten Sinne ungünstig beeinflußt sein. Anderseits erreicht es den denkbar größten Grad der überhaupt möglichen Reinheit, wenn die Luft­strömungen über den Wellen her den Pfad nehmen. Dieses Unterschiedes wird der Kranke sehr leicht gewahr. Wie würzig weht dann der Odem des Meeres, wie kräftig, wie erfrischend !Die Lungen saugen ihn gierig auf; sie klämmern sich gewissermaßen an ihn; sie wollen ihn nimmer freigeben. Nur die Seeluft in ihrer krystallenen Reinheit vermag ihm die so sehr ersehnte Genesung zu verschaffen. Der Wind vom Binnenlande her ist mit aller­hand Abhub gemischt; er schadet in demselben Maße, wie jener nützt.

*) Vgl. Nr. 98 der Familienblätter:Schwimmende Sommerfrische n."

Im allgemeinen ist die Erkenntnis vom Werte des Badens in der Salzflut für den menschlichen Organismus ziemlich jungen Ursprungs. Zwar das klassische Altertum war in die Geheimnisse dieser Hygieine sehr wohl ein- geweiht, und zu Roms Blütezeit eilte jeder, der es irgend­wie ermöglichen konnte, an das Gestade des Meeres. Die Aristokratie der Siebenhügelstadt besäete die Küste Cam- paniens mit Landhäusern, und zu Bajä, dem fashionablen Badeort jener Epoche, entfaltete sich ein Leben voll von Luxus und Flirt, wie etwa heute in Trouville, Ostende und Brighton. Es gehörte, kaum anders als heute in der Gesellschaft, durchaus zum guten Ton, daß man den Sommer, der freilich in Rom während der heißen Monate unerträglich und wegen der Pontinischen Sümpfe übrigens auch! gefährlich! war, seine Villegiatur am Gestade auf­schlug. Auch das Baden selber pflegte man sehr fleißig; uns sind Schilderungen erhalten, wonach wasserwütige Römer stundenlang in den Wellen verweilten und sogar hier die Mahlzeiten einnahmen. Aber Roms Kultur ge­riet in Vergessenheit, und mit ihr der mächtige hygieinische Wert der Salzflut. Die barbarischen Horden, die aus dem Westen her kamen, waren wohl lüstern nach den goldenen Armspangen und glitzernden Edelsteinen, an denen die Cäsarenstadt so reich ivar: um die Schätze an Wissen, die dort gleichfalls durch eine mehr als tausendjährige Kultur aufgespeichert waren, kümmerten sie sich herzlich! wenig. Wozu bedurften sie auch eines Bades in den Meereswogen die kräftigen Gestalten, die reinen Naturmenschen! Das mochte gut sein für die entnervten Römer, die siechen Nach­kommen einer ganzen Reihe schwächlicher Generationen! Und sie wurden Herren Roms und all seiner Provinzen.

Mit der Kultur der Vergangenheit geriet auch das bedeutende hygieinische Wissen derselben unter Schutt und Geröll. Das gesamte Mittelalter weiß nichts von der Heil­kraft der See und ihrem Wert für das Wohlbefinden des armseligen Sterblichen. Ihm war die Salzflut eine Stätte des Abscheus, vor der man Grauen empfand. Der Aber­glaube meinte, daß hier allerhand unwirsche Gewalten ihren Tummelplatz hätten, und wenn man jemand, den man im Verdacht hatte, daßüer mit jenen unholde Be­ziehungen unterhalte, gebührend strafen wollte, meinte man, dies nicht besser thun zu können, als wenn man ihn recht oft und gründlich in das Meerwasser tauchte. Da ereignete sich etwas, worauf niemand gefaßt war und wodurch! ganz plötzlich gerade der entgegengesetzten Auf­fassung Thür und Thor geöffnet werden sollte. Ein armer Teufel, den man dafür strafen' wollte, daß er mit dem Gottseibeiuns und Hexen unerlaubten Verkehr gepflogen, wurde nach solchem Wasserbade allmählich von einem bösen Siechtum, das ihm bisher viel zu schaffen gemacht, befreit. Er tauchte jetzt aus freien Stücken, so oft es nur ging, in die Fluten und fühlte sich nach jedem Bade kräf­tiger und der Genesung näher. Man staunte, man glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Schließlich« ahmte man ihm nach und kam zu eben demselben Ergebnis. Da- mals nun wurde die Menschheit von einem gar bösen Leiden heimgesucht, den Skropheln. Die Landbevölkerung am Meere begann, einmal darauf verfallen, daß dem Salz­wasser doch wohl eine bestimmte Heilkraft innewohne, auf eigene Faust eine Kur. Man wusch die Wunden mit den Wellen und verband sie mit dem Tang, den sie führten. Und siehe da: man genas....

Seit dieser Zeit wurde die Heilkraft der See wieder in ihren Wert gesetzt. Bedeutende Aerzte wiesen in nicht ermüdendem Eifer auf ihn hin; eine Krankheit nach der andern schwand unter dem Odem, der vom Meer ans in die Lungen der Gesundheit suchenden Sterblichen strömte. Die Gestade bedeckten sich wieder mit Landhäusern ;wo eine Stelle besonders günstig erschien, entstanden Bade­orte mit breiten Promenaden und schattigen Laubwegen. Kurzum: man ist heute wieder bezüglich der Wertschätzung des Meeres für die Gesundheit des Menschen auf den nämlichen Standpunkt gelangt, den man etwa vor zwei Jahrtausenden zu Alt-Rom inne gehabt. Dabei ist es ab­solut nicht nötig, das Baden in der Salzflut oder über­haupt den Aufenthalt an dieser nur dann in Anwendung zu bringen, wenn wirkliche Erkrankungen vorliegen. Der von einem Leiden eben Genesende sollte vielmehr das! Meeres-