Ausgabe 
5.7.1900
 
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Parfüms. So pflegten sie das Gesicht mit Palmöl ein- zureiben, die Arme mit einem Balsam aus Minze, die Haare mit Majoran, Kinn und Nacken mit Feldthymian. Die Verschwendung kostbarer Duftstoffe nahm einen solchen Umfang an, daß schon Solon sich veranlaßt sah, ein Gesetz gegen den Mißbrauch derselben zu erlassen und den Ver­kauf von Parfümerien an männliche Personen zu unter- sagen. In Rom zeitigte der gleiche Mißbrauch ein ähn­liches Gesetz unter dem Konsulat des Licinius Crassus, natürlich! ohne dauernden Erfolg. Erst mit dem Unter­gänge der antiken Kultur gerieten derartige Erzeugnisse und ihr Gebrauch in Vergessenheit. Der Einfluß des Christentums, das in seinen Lehren die Enthaltung von sinnlichen Genüssen und die Kasteiung des Körpers gebot, ließ den Spezereihandel zunächst nicht wieder zu seiner ehemaligen Blüte gelangen. Erst im fünfzehnten Jahr­hundert nahm er durch! Verbreitung von Erzeugnissen der asiatischen Länder wieder einen bedeutenden Aufschwung und erreichte unter der Regierung Ludwigs XV. durch die Ausschreitungen des französischen Hofes eine bis dahin ungeahnte Bedeutung. Die Herren jener Zeit besprengten sich aus Galanterie mit Parfüms, die ihren Damen beson­ders angenehm waren. Aus dieser Zeit soll auch! das Wort Pomade stammen, das man etwa mit Apfelsalbe übersetzen könnte. Eine Zeit lang war nämlich der Geruch faulender Aepfet so beliebt, daß man daraus unter Zusatz von Fett, Zimmt, Nelken und anderen Gewürzen eine Haarsalbe bereitete.

Hinsichtlich! der Bezugsquellen der Riechstoffe ist man nicht immer wählerisch gewesen, was für die Vergangenheit nm so weniger verwunderlich erscheint, je größeren Umsatz auch^ die Gegenwart, die moderne Industrie mit Parfüms minder edlen Ursprungs erzielt. Allerdings dürfen wir nicht außer acht lassen, daß derartige Stoffe heute nicht nur in höheren Kreisen, sondern in allen Schichten des Volkes verbreitet sind. Diese Verbreitung hat bei der Entwickelung des in volkswirtschaftlicher Hinsicht bedeut­samen Industriezweiges den Hauptanteil gehabt.

Zur Bereitung der Parfümerien dienen natürliche und künstliche wohlriechende Substanzen, welche an Fette, Oele, Spiritus, Essig, Seife und mannigfache Pulver gebunden werden. Bis auf Mofchchs, Ambra und Zibet stammen die natürlichen aromatischen Stoffe sämtlich aus dem Pflanzen­reich. Fast jedes Gewächs erzeugt ätherische Oele, flüchtige und bei normaler Temperatur meist flüssige organische Substanzen, die den verschiedenen Pflanzenteilen ihren eigentümlichen Geruch verleihen. Häufig sind mehrere Or­gane desselben Gewächses ourch ätherische Oele ausge­zeichnet, ja, es giebt Pflanzen, welche in Wurzel, Stengel, Blättern, Blüten und Früchten wesentlich verschiedene Duft- stoffe enthalten. Nächst den Blüten geben Samen und Früchte den reichsten Ertrag an ätherischen Oelen, so di« Schalen der Apfelsinen und Zitronen, ferner Kümmel, Anis und Muskatnuß. Einige vielbegehrte Oele werden auch! aus Stamm und Wurzel gewisser Pflanzen, so z. B. aus der Rinde des Zimmtbaum'es, dem Harze verschiedener Pinus- arten (Terpentinöl), sowie den Wurzeln von Ingwer und Kalmus gewonnen.

Aus Pflanzen, die diese aromatischen Substanzen nicht in so reicher Fülle enthalten, daß sie unter Anwendung von starkem Druck herausgepreßt werden können, gewinnt man dieselben durch Destillation oder, bei zarteren Wohl-Ge- rüchen, die bei einer solchen Behandlung nachteilige Ver­änderungen erleiden würden, durch Extraktion mit Fetten, Oelen, Alkohol und einigen anderen Flüssigkeiten, in denen sich ätherische Oele lösen. Die Destillation der Oele kann bei frischen wie bei getrockneten Pflanzen erfolgen. Jin ersteren Falle werden die frischten Blüten so lange mit! Wasser destilliert, bis alle Duftstoffe mit in die Vorlage übergegangen sind. Bei diesem Verfahren, das besonders; bei Bereitung des Rosenöles Anwendung findet, bedient man sich! einer einfachen Destillierblase, die durchs einen Siebboden in zwei Teile «zerlegt wird. Auf diesem Zwisch!en- boden werden die Blüten und Früchte ausgebreitet und hieraus das in dem unteren Teil enthaltene Wasser zum Sieden gebracht. Die unter Einwirkung der Wärme leichter verdunstenden Oele gelangen, von den aufsteigenden Dämpfen mit fortgenommen, in das Sammelgefäß, wo sie zu einer Flüssigkeit verdichtet werden. Aus dieser läßt sich

das Oel, das in der Regel spezifische leichter al ist, auf mechanischem Wege abscheiden, worauf do bleibende, meist noch stark duftende Wasser einer Destillation unterworfen werden kann.

Die Destillation trockener Pflanzenteile, wel Zerschneiden oder Mahlen für die weitere Ver, vorbereitet werden, erfolgt durch! Erhitzen mit d strömendem Dampf, wobei die sich« Verflüssiger von den Wasserdämpfen ausgenommen werden, «stete wohlriechende Pflanzen haben jedoch« einen so geringen Oel- gehalt, daß sich die aromatische Substanz nicht leicht aus­scheiden läßt; in diesem Falle muß die Destillation wieder­holt unter Anwendung desselben Wassers für immer neue Pflanzen erfolgen, bis die gewonnene Flüssigkeit so viel ätherisches Oel ausgenommen hat, daß es zur Abscheidung gelangen kann. In Fällen, wo aiufp dieses Verfahren nicht zum Ziele führt, sucht man die ätherischen Oele durch Extraktion zu gewinnen. Die Pflanzenteile werden in zweckentsprechenden Apparaten durch flüchtige Lösungs­mittel, wie Chloroform, Aether und Schwefelkohlenstoff ausgezogen. Der gewonnene Extrakt wird im Destillier­apparat gelinde erwärmt, so daß das Lösungsmittel ver­dunstet, das ätherische Oel aber, mit Fetten oder Harzen' gemischt, in der Retorte zurückbleibt und nunmehr durch Destillation in reinem Zustande dargestellt werden kann.

Häufig sind die Blumendüfte aber so zarter Natur, daß sie nur durch direkte Uebertragung auf einen anderen Körper zu gewinnen sind. Für diesen Zweck ist vollkommen frisches und sorgfältig gereinigtes Schweinefett besonders geeignet, daß denn auch die Grundlage vieler Parfümerie­artikel bildet. Die Bereitung derselben kann nach zwei verschiedenen Verfahren erfolgen. Bei Anwendung der sogenannten Jnfusionsmethöde werden die Blüten mit warmem Fett von etwa 65 Grad überschüttet, nach einiger Zeit aus der Masse herausgenommen, durch neue Pflanzen­teile ersetzt, und dies Verfahren so oft wiederholt, bis das Fett hinreichend von dem Duftstoffe durchsättigt ist. Bet Anwendung der zweiten Methode, der sogenannten Enfleurage, werden mit kaltem Fett bestrichene Glasscheiben während drei Wochen täglich mit frischen Blüten bedeckt, bis das Fett ganz vom Blumenduft erfüllt ist. Von einem neuen, von Jacques Passy vorgeschlagenen Verfahren, zarte Blumengerüche unter Anwendung von Salzwasser zu ex­trahieren, wurde kürzlich in der Fachpresse berichtet. Die «mit Pflanzengerüchen gesättigten Fette werden von den großen Fabriken alsPomade" in den Handel gebraucht. Dieses Produkt ist jedoch keineswegs mit den sonst als Pomaden" bezeichneten Artikeln, z. B. den Haar- und Bartpomaden, die nur ein minderwertiges Nebenprodukt darstellen, identisch. Letzteres gewinnt man z. B. bei Be­handlung der Pomade mit Weingeist während 24 Stunden, wobei der Weingeist den Hauptteil der aromatischen Stoffe in sich aufnimmt. Die zurückbleibendegewaschene Po­made" wird häufig nochmals zur Bereitung billiger Par­füms extrahiert, fonst aber zu Haarpomaden und Schminken verarbeitet und zur Seifenfabrikation verwertet.

Ein minder feines Produkt als die aus den Pomaden gewonnenen Extrakte bilden die Haaröle; sie werden gleichfalls durch Extraktion gewonnen, jedoch! unter An­wendung des Oliven- oder Behenöls an Stelle der Fette. Eine andere Klasse der Parfüms bilden die Essenzen, welche man durch Auflösung der ätherischen Oele in Alkohol erhält. Im übrigen hängt es von dem Geschick der Fabri­kanten ab, durch Mischung verschiedenartiger Extrakte und Essenzen wohlriechende Odeurs, sog. Bouquets (fleurs) zu­sammenzusetzen. Solche Kompositionen, deren Herstellung natürlich Geheimnis der betreffenden Fabriken bleibt, wer­den meist derartig behandelt, daß keiner der einzelnen Bestandteile sich besonders bemerkbar macht. Die ange­nehme Wirkung des allgemein beliebten Eau de Cologne foll aus diesen Umstand zurückzuführen sein. Den Haupt­bestandteil folcher Bouquets bildet stets der Alkohol, doch ist es nicht gleich!giltig, ob Sprit von Wein, Korn, Kar­toffeln oder Rüben zur Verwendung gelangt, da natürlich! auch das kräftige Aroma dieses Lösungsmittels bei Zusams- mensetzung der Wohlgerüche eine Rolle spielt. Unter anderem soll für die Herstellung guten Kölnischen Wassers Weinsprit, für Veilchen- und Jasmin-Parfüms aber Korn­oder Rübensprit besonders geeignet sein.