Ausgabe 
5.5.1900
 
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zogen an ihr vorbei: Die herrlich geputzten Dienst- mädchen, von denen jede Einzelne eine solche Aufmerk­samkeit auf die kleinste Schleife ihres Anzugs verwendet statte, als würde ganz Berlin das Vorhandensein dieser Schleife mit Argusaugen verfolgen. Die Soldaten, die an diesem Tage samt und sonders Schwerenöter sind, und ivie Feldherrn Mit dem Sabel rasseln. Me koketten kleinen Schulmädchen, die Arm in Arm dahinziehen, und die wohl­habenden Handwerk'erfrauen, die ihren Männern den Zy­linder aufgezwungen haben, so daß die aussehen als kämen sie direkt von der Kirmeßfeier. ---

Nettchen ließ alles an ihrem Blick Vorübergleiten. Sie sah die Dinge und sah sie nicht.

Sie empfand nur das Eine: daß Sonntag war, Sonntag für alle, die da vorüberzogen; in ihr selbst aber ivar nichts Sonntägliches, war nichts als verzehrende Einsamkeit.

Ihr Blick verfolgte mechanisch die Paare, die vor­überzogen, bis sie ihren Augen entschwanden. Die Väter; mit ihren Kindern, die jungen Frauen an den Armen alter Frauen, die Brautpaare und die eifrig plaudernden Eheleute.

Me lachende Novembersonne hatte die halbe Ein- ivHhnerschaft aus die Straße gelockt, es war als seien sie alle auf Frühlingsausflügen begriffen.

In dem Keller sanken die Schatten tiefer. Me Sonne glitt empor und tauchte jetzt in die Fenster der gegenüber­liegenden Häuser unter.

Nettchen saß int Schatten. Auch über das Trottoir vor dem kleinen Fenster breitete sich jetzt Schatten aus. Abendkühle strich vorüber.

Vor der Hausthür sammelten sich Leute an; eine Familie kehrte mit einer anderen von ihrem Spaziergange heim. Nettchen sah das Händeschütteln, und hörte die Mschiedsworte, mit der sich die beiden Familien trennten. W waren junge Mädchen dabei, die sich immer noch etwas zuzurufen hatten, und das Gepiepse ihrer hellen Stimmen war noch zu hören, als die Hausthür bereits Hinter den Heimgekehrten zugefallen >var.

Aufstöhnund preßte die Einsame den Kopf in ihre Hände.

Sv mutterseeleii allein auf dieser weiten, großen Welt, in her Mensch sich zum Menschen findet.

Niemandem gehören, niemanden besitzen!

Und nie ein Herz besessen haben!!

Jerome hatte sie von sich gestoßen. Das Kindchen, das Gott ihr geschenkt, hatte nicht zur Liebe erwachen düchfen, und das einzige Herz, zu dem sie aus deut Whtffbruch ihres Lebens fliehen konnte, verschloß sich in HaH.

Haß! Warum Haß? Sie sprang auf und rief die Frage so laut und ungestüm in der Stille der kleinen Stube, daß sie selbst zusammenschreckte.

Sie tvollte ertragen, was man über sie verhängte, Gleichgiltigkeit, selbst Grausamkeit aber Haß!!

Das Wort stand vor ihren Augen da wie ein schwarzes drohendes Gespenst. Jerome hatte sie gehaßt, und ein Gefühl des Entsetzens, der hellen, bittren Ver- ztveiflung packte sie an bei dem Gedanken, daß auch Paul sie hasse. Was hatte sie gethan, um gehaßt zu werden? Sje würde es nicht ein zweites Mal ertragen, gehaßt zu werden. Nein, wenn sie gehaßt wurde, jetzt, in dem Nebermaß von Liebe zu diesen einzigen Menschen, die ihr geblieben waren, bann war es besser zu sterben und allem z« entgehen.

Und der Gedanke, der so blitzschnell kam, hatte etwas Verlockendes, daß sie ihn immer wieder aufnehmen mußte. 'Bitit kam sie zu ihrem Kinde, und das würde sie lieben. Zn ihren Eltern, die sie nie gekannt hatte!

-Ohne Liebe bestehen, ohne Liebe weiterirren, wenn nicht morgen, so doch in Wochen, ihr heimatloses Dasein wieder aufnehmen, jetzt, da sie sich gerettet zu haben meinte - sie konnte es nicht mehr.

Sie hatte nicht mdhr die Kraft, nicht mehr die Jugend dazu.

Sie fühlte sich gebrochen.

So viel war über sie dahingezogen, und jedes Leid mehr hatte sie tiefer geduckt.

Nein, sie war nicht das mutige Nettchen mehr, als das sie heut morgen noch int Laden gestanden hatte.

Die künstliche Kraft war dahin. Wo sie Liebe gab, war Haß, und sie würde sich davon nicht wieder erholen.

Und wieder kam der seltsame verwirrende Gedanke: Sterbe n".

Nicht wieder in den Zirkus untertauchen. Nicht wieder durch die Straßen um Arbeit gehen. Nicht wieder an Paris und den kleinen Hügel zurückdenken. Nicht wieder das zwecklose Dasein beginnen, das Hasten und Schaffen für niemanden und für nichts.

Nebenan, in dem dunklen Gewölbe, Schachteln, Flaschen, Büchsen voll Gift, mehr, unendlich viel mehr atö nötig, ein nutzloses Dasein, wie das ihre zu enden.

Sie rang die Hände, Schweiß stand auf ihrer Stirn. Nein, Hilfe vor diesem Gedanken!!

Schluß folgt.

Margarine.

Bon Dr. A. Neuburger.

Nachdruck verboten.

Napoleon III. war trotz aller Fehler, die ihm als Mensch und als Regent anhafteten, ein Fürst, dem In­dustrie und Technik unendlich viel zu danken haben. Er hatte in technischen Dingen einen sicheren und weitaus­schauenden Blick, gern und freigebig unterstützte er fähige Erfinder und Forscher. So wurde durch ihn die Unter­suchung und Isolierung des Platins aus seinen Erzen er­möglicht; die Aluminiumindustrie hat durch Anregung von seiner Seite einen raschen Aufschwung genommen, und auch das jetzt so viel gebrauchte Surrogat für Butter, die Margarine, verdankt seine Entstehung seiner eigenen, direkten Initiative. Er sah voraus, daß die Landwirtschaft in Bälde den Bedarf an Butter nicht mehr werde decken können und beauftragte deshalb den Chemiker Meges- Mouries mit der Herstellung eines Ersatzes für dieselbe. Dieser stellte nach mannigfachen Versuchen im Jahre 1867 ein Produkt her, welches von der Naturbutter in Aussehen und Geschmack nicht zu unterscheiden war, und dessen Preis etwa die Hälfte desjenigen der Naturbutter betrug: die Margarinebutter.

Seitdem hat die Fabrikation der Margarine eine Ent­wickelung durchgemacht, die im vollsten Sinne des Wortes ein Siegeslauf zu neunen ist; Anfeindungen aller Art hatte sie in reichlicher Menge zu bestehen, Verdächtigungen in ungezählter Menge wurden gegen sie geschleudert. Trotz alledem wuchs der Konsum von Jahr zu Jahr, und heute können die Fabriken den Bedarf kaum mehr decken. Diese Entwickelung ist nur natürlich. Wir werden weiter unten sehen, daß die Margarine der Naturbutter an Nährwert kaum nachsteht, und daß die Herstellungsart eine sehr reinliche und saubere ist. Ehe wir auf diese Verhältnisse aber eingehen, müssen wir uns darüber llar werden, was Margarine ist und wie sie dargestellt wird.

Die Gegner der Margarine behaupten, den Haupt­bestandteil derselben bilden Katzen- und Hundefett, Seifen- talg, Stearin und derartige schöne Mnge mehr. Nun, bei der heutigen Riesenproduktion würden vielleicht keine Katzen und Hunde auf Erden mehr übrig bleiben, wenn man sie in Margarine verwandeln wollte, und außerdem dürfte die Margarine etwas sehr teuer werden; denn Hunde stellen immerhin ein Wertobjekt dar. Die größte Schwierig feit liegt aber darin, daß ein Verfahren, aus derartigen Ingredienzien Margarine zu verfertigen, bis heute noch nicht erfunden ist. Die Leute denken in der Regel an Tier­leichen aus Abdeckereien. Mr bekannte und berühmte Chemiker Professor Soxleth schreibt aber über diesen Punkt: Wäre es möglich, aus Abdeckerei- und ähnlichen Abfall- fetten, sowie aus zusammengekauftem Talg Speisefette irgend welcher Art herzustellen, so würde dies einen un­geheuren Gewinn bedeuten, nicht zum geringsten Teil auch für die Landwirtschaft. Wer dieses Problem löst, wird unfehlbar und rasch reich, aber bislang war aller Erfinder- Witz in dieser Richtung vergeblich, geschweige denn, daß es gelungen wäre, aus Kadaverfett Speisetalg oder Margarine zu fabrizieren."