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I a 1900. - Nr. 62. < * z»

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er durch's Leben weiß zu geh'n Schuldlos und doch ernst erfahren, Biele Greuel muß er sehen Und sein Herz doch rein bewahren.

Martin Greif.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Als sie in den Laden zurückkam, war Karl dabei, die Jalousieen zu schließen.

Es sst vielleicht der letzte schöne Herbstsonntag, Karl", sagte sie.Sie sind so lange nicht aus den vier Wänden hcrausgekommen, Sie sollten mit Anna und dem Kinde für den Nachmittag in die srische Luft".

' .Wollen Sie nicht mit?" fragte der Knecht. Er schlug nicht mehr scheu die Augen zu Boden. Mit einem stillen, teilnahmsvollen Blick sah er sie an.

Sie schüttelte den Kopf.Es giebt Tage, wo man ganz mit sich allein sein muß", sagte sie abgewandt.Ich weiß. Sie begreifen so etwas, Karl. Ich habe über vieler­lei nachzudenken."

Zieh das Kind an", sagte Karl zu seiner Frau, als er eine halbe Stunde darauf den Keller betrat.Wir wollen hinaus in den Grünewald."

Fräulein Nettchen mit?" fragte Anna freudig.

Nein", sagte er bedrückt.Sie will allein sein, es geht ihr vielerlei im Kopf herum. Ich glaube, Anna, sie sehnt sich von hier fort, wir werden sie nicht lange mehr behalten".

Thue ich nicht alles, was ich ihr an den Aug^n absehen kann?" murmelte die Frau. Der Gedanke, daß Nettchen eines Tages nicht mehr da sein sollte, fuhr wie ein heftiger Schreck durch ihre Seele.

llnd ich nicht auch?" sagte Karl.

Sie ist so gut mit dem Mädel gewesen", murmelte Anna, während sie ihr fröhlich kreischendes Kind ergriff, und die widerfpenstigen Aermchen in die rote, plumpe, dickgefütterte Jacke zwängte»Wie eine Schwester ist sie Mir genwrden."

Nein", sagte Karl,noch mehr wie eine Schwester, «to weiß das Wort nicht für das, was sie uns geworden ist. Sie ist dieselbe, Anna, um die ich damals von Euch Mcktief, als ich noch ein schlechter Kerl war.

Ich weiß", entgegnete Aüna ruhig.

llnd als ich sie jetzt wiedersah", rief Karl, inden» er Anna's Hände ergriff und zum ersten Mal das er­gebene Weib fest an seine Brust zog,da dachte ich, ich müßte sie hinausjagen. Sag' selbst, Anna, wär es nötig gewesen, oder hast Du mir vertrauen können".

Die Frau, die nie gelernt hatte, für ihre Gefühle Worte zu suchen, schlang ihre arbeitsmüden Arme um den Hals ihres Mannes und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.

Es war so still im Hause, vor den Thiiren, auf der Straße, die Sonntagsruh lag über allem ausgebreitet.

Die eisernen Jalousieen vor den Schaufenstern waren herabgelassen, die Ladengewölbe lagen dunkel und ver­lassen in einsamer Finsternis.

Auch inPrechtler's" Drogengeschäft drang feiiti Schimmer von dem vielen, Hellen Sonnenlicht, das quer über den Kreuzberg hin injDte lange Großbeerenstraße hineinflutete. Die eisernen Stangen waren fest vor die Fenster-Läden gerammelt, keine Spalte ließ etwas Helle in den schwarzen Hintergrund des Gewölbes. Die Fin­sternis senkte sich über die Kellertreppe des Gewölbes hin­ab bis über die Schwelle zur Wohnstube. Aber die Fenster­flügel dieses kleinen Raumes waren weit geöffnet, und während in der Tiefe des Zimmerchens die schwarzen Schatten lagen, war in der Nähe des Fensters ein Ab­glanz von Freundlichkeit und Helle.

Nettchen saß dort, die Arme aufgestützt, gedankenlos und doch von tausend Gedanken bewegt.

Sie hatte die Hände ineinander geschlungen und mir verzehrendem Blick verfolgte sie das Kommen und Gehen der Menschen draußen, das fröhliche Vorbeieilen der Kinder, den ruhigen, fast gemächlichen Gang der Er­wachsenen.

Friedliche Sonntagsstimmung. Alles Hasten und Drängen schien aus der Welt. Die Menschen gingen da­hin wie von einem Ruhegefühl getragen. Langsam, ge­nießend. Nettchen hörte ihre Stimmen, vernahm, was sie sprachen. Unzählige Liebespaare kamen vorbei. Dam» Männer mit ihren Frauen am Arm. Ganze Familienkaba- wanen. Fast niemand ging allein.

llnd während sie den brennenden Blick weiter auf diese vorübergleitenden Gestalten geheftet hielt, sah sie alles Sonntäglich-Frohe und ^Heitere. Die blitzender^ Stiefelchen und schneeweißen Strümpfe der Kinder, das Huschen der kleinen Sonntagskleider, unter denen sich eine Kante des steifgeplätteten, weißen Unterrocks hervor­drängle ; die stolzen Schleppen der Bürgersfrauen und die niedlich trippelnden Füße der jungen Geschäftsmädchen, die Mit dem breiten Ausschreiten ihres Begleiters Schritt zu halten suchten.

Alle die Menschlichen Thorheiten der Sonntagsfreude