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(Fortsetzung folgt.)
sie von dem Päckchen Kenntnis gewann. Allein Seitre beruhigte sie sofort. In den Ausdrücken, mit denen er von diesen weiblichen Huldigerinnen sprach, lag soviel Abwer- sung und Kälte, seine Gleichgiltigkeit gegenüber jeder einzelnen von ihnen war so groß, daß Nettchen fühlte, hier herrsche keine Verstellung, und nur die Eitelkeit, aber kern einziger, treuloser Instinkt war da im Spiele.
Das Bewußtsein dieser Thatsache mußte ihr von Anfang an ein tröstliches Gegengewicht verleihen, im Verhältnis zu den nrancherlei Enttäuschungen, welche ihr ine stürmische Neigung zu ihrem Manne bereitete.
Sie waren noch nicht sechs Monate verherratet, und doch fühlte sie mit innerer Angst, daß eine ganze Anzahl Kämpfe sich bereits ihrem Ehehimmel näherte. Nach den ersten Wochen der Demut und Weichheit io ar bei ihr die Resolutheit, die Willkür und Selbständigkeit ihres Wesens sofort wieder zum Durchbruch gekommen, und ohne daß
In seinem kalten glatten Gesicht grub sich eine tiefe Falte ein, die den Zügen etwas hochmütiges und zugleich drohendes gab. Nur zuweilen machte dieser Ausdruck einer stolzen Genugthuung Platz, - das war, wenn Monsieur Seitre im Gedränge der Boulevards die Augen der Frauen auf sich zog, und hinter seinem Rücken ein beifälliges Zi cheln und Tuscheln hörte, das seinem vornehmen Exterieur galt. Bei solchen Anlässen richtete er sich hoher auf drehte seinen kleinen Schnurrbart tn die Hohe, blickte prüfend an seinem eleganten, langen Paletot herunter, und maß dann die mit ihm beschäftigten Damen mit langsamem Blick, während er sich umwendete und feine Opfer halb lächelnd an sich vorbeipassieren ließ ,
In seinem Schreibtisch daheim verwahrte er sorgfältig ein kleines Paket, in welchem sich int Laufe seiner Jung- aesellen-Jahre eine ganze Anzahl Schriftstücke der offen» kundigen, weiblichen Bewunderung angehüuft hatten, und
so gewachsen, daß 41402 Wagen über 14 782 englische Meilen Geleise liefen.
Ein sehr wichtiges Datum tn der Geschichte der elektrischen Wagen ist der 3. Februar des Jahres 1888, als die Aussichten der elektrischen Straßenbahn durch die Eröffnung der ersten streng modernen Linie in Richmond (Virginia! praktisch demonstriert wurden. Nur die vereinten Kräfte außergewöhnlich begabter Männer, denen ein Riesenkapital znr Verfügung stand, vermochten dieses über, raschende Resultat zu erzielen. Ja man muß die,en Erfolg als überraschend bezeichnen, denn in der Zeit vom 1. Januar 1888 bis 1. Januar 1899 hat sich die totale Meilenzahl der Straßenbahngeleise in den Vereinigten Staaten verdreifacht. Um den gegenwärtigen Zustand des elektrischen Betriebes vom finanziellen Standpunkte aus beurteilen zu können, müssen wir uns zunächst über tue Veränderung unterrichten, welche der Ersatz der Pferde durch Elektrizität in dem Straßenbahnsystem der Vereinigten ; Staaten hervorgebracht hat. ...
Die zulässige Schnelligkeit bet Pferden, unter Beruck- sichtiauiig der Ruhe- und Futterzeik, ist auf sechs englische Meilen pro Stunde bemessen; jede täglich acht Stunden ober länger beschäftigte Person kann aber nicht viel mehr als eine Stunde auf den Weg nach der Arbeitsstätte rechnen; im schlimmsten Fall wird diese Frist anderthalb stunden betragen. Höchst selten wohl dursten die täglich un Ge-
iinnia blickte er unter den schmerzenden Augenlidern gegen i Nettchen, die kleine, deutsche Frau,bracl)inThränen ans, hPrstrafenliitetnen hervor In seinem Kopse die sich rasch zu einem Zornesausbruch verwandelten, als wi WÄS“« SW als ein Sen". ! ... * --wann. Allem Seltne be.
nteer, das hin- und her- und auf- und niederschwebte, und dazwischen hörte er eine Stimme, die ihm bis in lerne Betäubung hinein mit lauter Deutlichkeit geklungen Hütte:
„Der ist verschimpfiert für sein ganzes Leben. Das wird er nicht mehr los, der arme Kerl." ..
Fn den Häusern wurden die Tannenbaume aiigezundet, der blanke, blitzende Schein fiel bis auf die -vrottoir» hinaus, und mitunter klang durch die verschneiten Fensterritzen ein abgerissener Liederton:
„Ehre sei Gott" - „Heilige Nacht" — .
Der Knecht hatte sich weit vorgelehnt, feine Blicke suchten, tranken gierig den freundlichen Lichtschein.
; O wie friedlich und groß ist die Heilige Nacht, und wie elend das kleine Menschenherz!! ... _
Und aus seinen Augen fielen, unter den verschwolle-
NL Ä'K I SVM"»S"-iK^S dich-Seiten mvckmplen.
angerichtet yarm < hnr feinen 9(uaen Eine I Dieses Gefühl ängstigte sie, und schnürte ihr mitunter
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“b“’“ ein blii« Stufter entrang sich feinet Stall, und nach lange wat die zeit nicht gelammen. wo das «chl-ifal IchLsVllebet "E "5® S elften, bet Leibe,lfchaft gewibmeten »ochen
„Alles wiever gut macyen. w I b n Jerome Seitre mehr und mehr außerhalb des
®ott: - _ _ — — I Hauses zu leben, und den erregten Vorwürfen ,einer
- ~ ~ ., „ . sTOntthnarfre in I t5™u einen zunächst nur passiven Widerstand entgegen»
In einer kleinen Seitenstraße auf Montmartre m I „ < Paris, int fünften Stockwerk einer großen, gelben Miets- I ^]tyen. faferne, die mit ihren um alle Etagen der Front herum- I ___________
Riesenvogelbauer mit unzähligen Drahtvorsätzen, hatte Elektrische Straßenbahnen in Amerika. Artist Monsieur Jerome Seitre mit seiner jungen, dem- I Von Fred Hood.
scheu Frau Quartier genommen. Man sah von dem Ehe- 1 Nachdruck verboten,
paare wenig; Monsieur Seitre war tagsüber tm Velo-I $ie Anwendung der Elektrizität auf die Bewegung drorne beschäftigt, wo er das Training für feine Kunst- I öün Straßenwagen in den Vereinigten Staaten steht mit radfahrten besorgte, des Nachmittags übte er im „L-alle I ^xen riesigen Erfolgen einzig da in der Geschichte der Jn- Eseotte" an seinen Experimenten, die er als „erster ^ong- I p^strie. Dies gilt sowohl hinsichtlick) ihrer schnellen Ent- leur der Neuzeit" dem Publikum des Olympia-Theaters am I toidMung aI§ auch all der gewaltigen Umwälzungen, welche Abend vorführte. , . I sie im gesamten Verkehrswesen des Landes hervorgerufen
Obgleich er also auf dem Programm diese hochtönende I l^en ^ine andere lieugeschaffene Industrie kann sich Bezeichnung hinter seinem Namen führte war er doch I X^pmen, innerhalb zehn Jahren einen Gewinn von 6000 längst nicht mit seinem Ruhm zufrieden Er fühlte, daß I Millionen Mark erzielt zu haben. ,
ihm noch manches fehle, und daß die englischen und amem- I Heute befördern die elektrischen Wagen der Vereinigten kanischen Artisten, die ans den großen Buhnen der Welt- I Staaten fast sechsmal soviel Passagiere wie die Dampf-
stadt sich sehen ließen, ihm immer noch viele» an feinen 1 eisenbahnen des Landes. Am 1. Januar 1888 waren, nach
Tricks voraus hatten. Dieses Bewußtsein zehrte an ihm. I e^ur Statistik in „Cassiers Magazine", 172 elektrisch ge-
Er hatte viel von der Zukunft erwartet, sich als Aus- I tr{e6ene sjgaqen ans 86 englischen Meilen Straßenbahn
nahmekünstler, als begehrter und gefeierter Held der Va- I betrieb; am 1. Januar 1899 war der elektrische Betrieb rietee-Bretter in goldene Verhältnisse geträumt, und er - — — ----- • —
mußte einsehen, daß er auch nach Monaten Harter, schwerer Arbeit und angestrengten Eifers nichts neues, nichts staunenswertes, was andere nicht auch schon besessen hatten, erreichen konnte. Er blieb ein Artist wie alle anderen, mit schwankenden Einnahmen, von geringem, bürgerlichem An- feben- im Wechsel der Erscheinungen verschwand sein Können, — und fein Wollen, das fühlte er stumpfte sich ab und wurde gleichgiltig im vergeblichen Kampf um


