627
dichterische Bedeutung zutreffend gekennzeichnet haben; denn wenn Uhland nächst Schiller als unbestrittener Meister der balladenartigen Dichtung (Romanze, Rhapsodie, Ballade) dasteht, so kommt ihm in dieser Dichtungsgattung keiner so nahe als Gustav Schwab. Von Geburt an, in der Atmosphäre eines evangelischen Pfarrhauses ausgewachsen — Schwabs Vater war Oberstudien- und Konsistorialrat in Stuttgart — theologisch vorgebildet und seinem innersten Wesen nach, die letzten 13 Jahre auch praktisch von tiefer Religiosität, verleugnen freilich Schwabs Dichtungen diesen Charakterzug ihres Verfassers nicht, und eine gewisse behagliche Breite, die, namentlich in den größeren Romanzen, an den Predigerton erinnert, unterscheidet dieselben von der knappen, präzisen Diktion seines großen Meisters und Vorbildes. Gleichwohl dürste, nachdem ein halbes Jahrhundert seit des Dichters Tode verrauscht ist, ein Blick auf dessen Leben und Wirken um so willkommener sein, als gerade bei ihm mehr als sonst beide einander bedingen.
Geboren in Stuttgart am 19. Juni 1792, ist Schwab der jüngste unter den drei Hauptvertretern seiner Schwule (Justinus Kerner, geb. 1786, Ludwig Uhland, geb. 1787). Vom Gymnasium seiner Vaterstadt begab er sich auf das bekaunte Tübinger Stift, um hier Theologie und Philosophie zu studieren (1809—1814). Daneben aber folgte er seiner innersten Neigung und beschäftigte sich nicht nur mit Litteratur und Dichtkunst, wobei Goethe, Tieck, Novalis (Hardenberg), A. W. Schlegel und vor allem Uhland einen großen Einfluß auf ihn ausübten, sondern er versuchte sich auch selbst in Versen und hatte die Freude, einige seiner lyrischen Gedichte im „Deutschen Dichterwald" von Uhland und in Kerners „Schwäbischem Almanachs abgedruckt zu finden. Noch entscheidender für den inneren Gang seines Leberts und dessen ganze Richtung war die persönliche Bekanntschaft mit Chamisso, Fouquee, Neander, Schleiermacher, Franz Horn u. a., die er nach, Vollendung seiner Studien in Berlin (1815) kennen lernte, und die ihn noch mehr für die Dichtkunst begeisterten, ihm auch manch ermunterndes Wort über seine eigenen Erzeugnisse sagten. Vorerst freilich! galt es, eine geeignete Brotstelle zu finden, und daher wurde er, von der Reise zurück- gekehrt, Repetent am Stift zu Tübingen (1815) und zwei Jahre später Professor der alten Sprachen und Litteratur am Gymnasium zu Stuttgart. Hier entfaltete Schwab eine reiche und ausgedehnte litterarische Thätigkeit. Mit Cha- misso besorgte er 1833 — 1836 die Herausgabe des „Deutschen Musen-Almanachs" und leitete zehn Jahre hindurch (1827—1837) den poetischen Teil des bekannten .„Morgenblattes". Namentlich in letzterer Stellung war Schwab von unermeßlichem Einflüsse auf die zeitgenössische Litteratur, indem er nicht nur jüngern, strebsamen Talenten die Spalten des Blattes öffnete und ihnen so den Weg an die Oeffentlichkeit bahnte, sondern es ihnen auch, durch persönliches Eintreten ermöglichte, ihre gesammelten Dichtungen erscheinen zu lassen. Platen, Lenau,-Waiblinger, Freiligrath, waren ihm in dieser Hinsicht zu Dank verpflichtet, und mancher junge Poet, der in Schwab seinen dichterischen Beichtvater verehrte, dankte es später der Vorsehung, erst ihn, das litterarische Gewissen des Schwabenlandes nm einen Rat befragt zu haben. Diese fast ausschließliche litterarische Thätigkeit ließ, in Schwab auch den begreiflichen Wunsch aufkeimen, endlich in einer Stellung wirken zu können, die ihm mehr Muße zur Bethätigung seines Dichtertalentes gewährte. Und welches Amt wäre hierzu wohl geeigneter gewesen, als das eines schlichten Landpfarrers in idyllischer Naturumgebung, wo Wald und Flur, Berg und Thal dem Dichterherzen ihre trauten Grüße zuflüstern? Eine solche Stelle war Gomaringen bei Tübingen am Fuße der schwäbischen Alb. Hier finden wir Schwab in den nächsten fünf Jahren (1837—1842), unermüdlich im Dienste der Musen thätig, soweit ihn nicht ernstliche Geschäfte in der kleinen Gemeinde beanspruchten, und aufgesucht von Dichtern und Dichterfreunden, die im gastlichen Pfarrhause nie vergeblich anklopften. Dieses Idyll fand seinen jähen Abschluß durch Schwabs Berufung als Stadtpfarrer an St. Leonhard in Stuttgart (1842), wo ihm später die Würde eines Oberkonsistorial- und Studienrates und seitens der Universität Tübingen die eines Doktors der
Theologie verliehen wurde. Seine Lebensarbeit, die in Rücksicht auf die verhältnismäßig kurze Spanne Zeit, die ihm beschieden war, eine außergewöhnlich reiche genannt werden muß, war gethan, und nach, achtjähriger Wirksamkeit in Stuttgart verschied der erst 58 jährige in der Nacht vom 3. zum 4. November 1850. Sein Schwanenlied war das Gedicht: „Für Schleswig-Holstein", welches als Prolog in einem zum Besten der Schleswig-Holsteiner veranstalteten Konzerte gesprochen wurde.
Schwabs litterarische Thätigkeit war eine ebenso reiche wie mannigfaltige. Wir haben von ihm Uebersetzungen, teilweise metrisch („Lamartines poetische Gedanken", „Napoleon in Aegypten, von Barthelemy und Mery"), Sammlungen von Werken anderer Dichter („Erlesene Gedichte von Paul Fleming", dem Verfasser des allbekannten Kirchen - Liedes „In allen meinen Thaten", „Fünf Bücher deutscher Lieder und Gedichte. Von Haller bis .auf die neueste Zeit", „Die deutsche Prosa von Mosheim bis auf unsere Tage"), ja, sogar eine Anzahl Reisehandbücher. Schwab kannte nicht nur seine engere schwäbische Heimat und die angrenzenden Länder (Schweiz) auf das gründlichste, sondern er hatte sich auch in außerdeutschen Ländern umgesehen. So hatte er im Jahre 1827 während seiner Stuttgarter Wirksamkeit als Gymnasialprofessor eine Reise nach Paris unternommen, und im Sommer 1841 wurde das stille Pfarrerleben in Gomaringen durch eine längere Reise nach Skandinavien unterbrochen. In seinen Reiseschriften zeigt sich Schwab als treuen, genauen Beobachter namentlich der Sitten und Volksgebräuche und gemütvollen Erzähler. Zu erwähnen sind: „Die Neckarseite der schwäbischen Alb", „Der Bodensee", „Wanderungen durch Schwaben", „Die Schweiz in ihren Ritterburgen", usw. Bekannter unter Schwabs Prosaschriften sind seine fast klassisch zu nennenden Darstellungen aus der alten Geschichte, die als Musterlektüre selbst in unsere besseren Schullesebücher Eingang gefunden haben, und welche die Zierde jeder guten Volksbibliothek bilden. Hierher gehören: „Buch der schönsten Geschichten und Sagen", „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums", „Die deutschen Volksbücher, für Jung und Alt wiedererzählt". Nebst einer Biographie Schillers („Schillers Leben"), sowie (mit Klüpfel) einen „Wegweiser durch die deutsche Litteratur" besitzen wir von ihm, Werke, die von dem Fleiße und der Vielseitigkeit ihres Verfassers vollgiltiges Zeugnis ablegen.
Immerhin besteht der Ruhm unseres Dichters nicht hierin, sondern in seinen „Balladen". Wir meinen darunter nicht jene längeren epischen Dichtungen, von denen einleitend die Rede war, wie die „Romanzen aus dem Jugendleben des Herzogs Christoph von Württemberg", die „Legende von den heiligen drei Königen in 12 Romanzen", den „Möringer, schwäbische Sage in vier Romanzen", den „Appenzeller Krieg in neun Romanzen" u. a. Von ihnen gilt das Urteil Gottschalls: Sie sind „geschwätzig, breit in der Schilderung, oft matt in der Pointe; ihnen fehlt der ideale Hauch des Uhlandschen Kolorits, die Grazie, die Harmonie der Linien; an ihre Stelle tritt eine wohlgefällige Landschaftsmalerei und eine ebenso wohlgefällige Gemüts-Theologie, welche mit ihren Reflexionen die Erzählung unterbricht. Die Mischung eines oft hausbackenen Realismus mit dieser gutmütigen Redseligkeit vermag nicht Dichtungen aus einem Gusse zu erzeugen, wie sie aus Meister Uhlands lebendiger Anschauung fertig hervorsprangen". Vielmehr meinen wir, daß in der eigentlichen Ballade, jener knappen epischen Dichtung mit vorwiegend lyrischem Charakter die Stärke unseres Dichters beruht. Wer denkt hier nicht an das ergreifende „Gewitter":
„Urahne, Großmutter, Mutter und Kind In dumpfer Stube beisammen sind?"
Wie treffend weiß da der Dichter die erwartungsfrohe Stimmung der einzelnen zu malen, bis der tötliche Strahl ihr ein jähes Ende bereitet:
„Sie hören's nicht, sie sehen's nicht. Es flammt die Stube wie lauter Licht: Urahne, Großmutter, Mutter und Kind Vom Strahl miteinander getroffen sind) Vier Leben endet ein Schlag — Und morgen ist's Feiertag."


