Ausgabe 
4.11.1900
 
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gewiß; schließlich aber könnte ich den Direktor, wenn er sich wider Erwarten weigern sollte, doch nicht dazu zwingen, und ich stände diesem Ruthardt gegenüber dann wohl gar als eine Betrügerin da."

Da trat Sandory näher an sie heran und sagte mit gedämpfter Stimme:Verstehen ivir uns doch endlich recht, beste Frau Pollnitz! Wenn ich Ihnen einen solchen Rat erteile, stehe ich selbstverständlich auch nach jeder Richtung hin für die Konsequenzen ein, die sich aus seiner Befolgung ergeben könnten. Sie sollen sich den Kopf ebensowenig darüber zerbrechen, woher Sigismund Ruthardt das Geld nimmt, als darüber, wer es ihm zurück erstattet. Ich wünsche nur, daß Sie ihn veran­lassen, es Ihnen zu geben weiter nichts! Wegen der Rückzahlung sollen Sie sich, dann nicht die geringste Sorge machen. Ich verbürge mich dafür, daß Ihnen keinerlei Ungelegenheiten entstehen werden."

Als hätte er ein erlösendes Zauberwort gesprochen, erhellte sich! plötzlich die sorgenvolle Miene der würdigen Frau. Ehe Sandory es verhindern konnte, hatte sie mit beiden Händen seine Rechte ergriffen.

Nun erst begreife ich Sie, mein lieber, verehrter Freund! Weil Ihnen Ihr Zartgefühl verbietet"

Aber er wehrte mit einiger Entschiedenheit dem drohenden Ausbruch ihres dankbaren Entzückens.Noch einmal, beste Frau: Sie sollen nichts fragen und sich über nichts den Kopf zerbrechen. Werden Sie heute abend spielen?"

Nein! Aber meine Tochter ist in dem Stück be­schäftigt, und ich hatte die Absicht, sie ins Theater zu begleiten."

Das werden Sie also nicht thun, sondern Sie werden Herrn Sigismund Ruthardt natürlich ohne Fräulein Ellis Vorwissen brieflich ersuchen, gleich! nach dem Schluß der Kontorstunden, also um sieben Uhr, zum Zwecke einer sehr wichtigen Unterredung zu Ihnen zu kommen. Alles weitere hängt dann von Ihrer Geschicklichkeit ab. Es wird Ihre eigene Schuld sein, wenn Sie Ihr Ziel nicht er­reichen und auf den schönen Traum eines Brünner Engage­ments verzichten müssen."

Er hatte die letzten Worte mit einem Nachdruck ge­sprochen, der keinen Zweifel über ihre Bedeutung lassen konnte. Mit einem kleinen Seufzer drückte ihm Frau Pollnitz verständnisvoll die Hand.

Ach, wenn mein Gatte wüßte, wie wir uns hier durch­schlagen müssen. Ich schreibe ihm niemals etwas davon, weil ich fürchte, er würde sich's vom Munde absparen, um uns zu helfen. Aber der Weg einer Künstlerin ist dornenvoll das dürfen Sie imir wahrlich glauben, mein lieber Freund!"

' Als Sandory gegangen war, verwandelte sich ihre elegische Miene freilich auf der Stelle in eine sehr zornige, und wütend schüttelte sie hinter ihm drein die Faust.

Ich hätte ihm ins Gesicht springen mögen für diese Zumutung", knirschte sie.Der Henker mag wissen, was er damit beabsichtigt. Aber ich habe keine Wahl mehr; denn fort müssen wir um jeden Preis."

(Fortsetzung folgt.)

ein ganz anderes Thema augenscheinlich sehr wenig er­baut. Ihr Antlitz bewölkte sich, und sie mgchte eine un­zweideutig wegwerfende Gebärde.

Wie soll ich zu ihm stehen? Der junge Mensch ist ein Phantast, den man überhaupt nicht ernsthaft nehmen kann!"

Nun, ich meinte, daß sich bei diesen künstlerische Lektionen vielleicht gewisse zarte Beziehungen zwischen ihm und Ihrer Tochter angesponnen haben könnten."

Davor bewahre uns der Himmel! Elli müßte ja keinen Funken gesunden Menschenverstandes haben, wenn sie sich auf dergleichen eingelassen hätte."

Nun, der Sohn des vielbeschäftigten Doktor Rui- hardt wäre vielleicht keine so üble Partie."

Aber die Schauspielerin machte eine sehr entschieden ablehnende Geste.Da ist so gut wie gar kein Vermögen. Ich habe mich bei zuverlässigen Leuten danach erkundigt. Und dieser junge Mensch, der nichts hat und nichts ist, wie könnte er überhaupt ans Heiraten denken? Er ist vielleicht nach zehn Jahren noch nicht im stände, eine Frau anständig zu ernähren. Es ist Unsinn, überhaupt davon zu reden. Sie können sich wohl denken, lieber Freund, daß mir jetzt ganz andere Dinge im Kopfe liegen als solche Kindereien. Wenn es mir doch gelingen möchte, diese lumpigen paar hundert Thaler aufzutreiben! Man würde sie gewiß nicht verlieren; denn der Theaterdirektor in Brünn müßte mir gleich bei meinem Eintreffen einen anständigen Vorschuß bewilligen, und unsere Gage wäre groß genug, daß wir später bedeutende Ersparnisse davon machen könnten."

Rudolf Sandory, der zuletzt eine gewisse Zerstreut­heit an den Tag gelegt hatte, zog seine Uhr. Ich muß mich! jetzt empfehlen, da ich noch einen Besuch zu machen habe. Wenn ich Ihnen raten darf, so wenden Sie sich an Herrn Sigismund Ruthardt mit der Bitte, Ihnen die Keine Gefälligkeit zu erweisen".

Frau Pollnitz war außer stände, die Enttäuschung zu verbergen, die seine Worte ihr bereitet hatten. Sie maß den Besser mit einem funkelnden Blick.An den? Womit habe ich es verdient, daß Sie sich über mich lustig machen, Herr Sandory?"

Aber ich denke nicht daran, liebste Freundin! Und ich würde Ihnen einen solchen Schritt gewiß nicht em­pfehlen, wenn ich nicht sicher wäre, daß er von Erfolg sein wird. Wann gedachten Sie denn, Ihre Reise anzu­treten?"

O, wir hätten schon übermorgen fahren können. In solcher Lage hält man sich nicht viel mit umständlichen Vorbereitungen auf. Aber was hilft es, davon zu reden, wenn ich auf den guten Willen dieses jungen Menschen angewiesen bleiben soll! Er hat es uns selber gesagt, daß er nichts besitzt."

Demgegenüber kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß er immer ein paar tausend Mark mit sich herumträgt, die er Ihnen ohne weiteres geben könnte. Und er wird es ganz gewiß thun, wenn Sie ihn mit einigem Nachdruck darum bitten."

Dockj Frau Pollnitz setzte offenbar nicht das geringste Vertrauen in diese Zusicherung.Wenn es sich auch so verhielte", sagte sie verdrießlich,ich kann mich vor diesem Jüngling nicht so tief demütigen, ihm unsere verzweifelte Sage zu schildern."

Dazu möchte ich Ihnen auch gar nicht raten. Von Ihrer Absicht, Waldenberg auf Nimmerwiederkehr zu ver­lassen, dürfen Sie ihm ja schon deshalb nicht sprechen, weil dann auch Fräulein Elli ohne Zweifel sogleich Kennt­nis davon erhalten würde. Aber es hat für keinen Men­schen etwas demütigendes, sich infolge unglücklicher Zu­fälle in vorübergehender Geldverlegenheit zu befinden. Je fester Sie ihm die Rückgabe seines Darlehens inner­halb weniger Tage versprechen können, desto stärker dürfen Sie die Farben bei der Schilderung Ihrer augenblick­lichen Bedrängnis auftragen, ohne sich damit irgend etwas zu vergeben."

Das Gesicht der Schauspielerin bewölkte sich immer mehr.Wie leicht es doch ist, solche guten Ratschläge zu erteilen", meinte sie bitter.Daß ich in Brünn "ben gewünschten Vorschuß erhalten würde, ist ja so gut wie

Gustav Schwab.

Zum 50 jährigen Todestage von Uhlandsältestem Schüler". 4. November.

Von Paul Pasig.

Nachdruck verboten.

Doch laß' mich immer froh gestehen, Daß ich 'Sein ält'ster Schüler bin:

, Will den in mir die Nachwelt sehen, So zielt mein Schatten aufrecht hin"

Mit diesen stolz-bescheidenen, an Uhlaud gerichteten Worten deutet Gustav Schwab selbst die Stellung an, welche er in der deutschen Sitteratur beanspruche: er will nichts mehr und üichts weniger sein, als derälteste Schüler" des anerkannten Hauptes der sogenannten Schwäbischen Dichterschule". In wer Thal dürfte Schwab, der Verfasser der altbekannten Balladen:Das Ge­witter",Der Reiter und der Bodensee" u. a. in. mit diesen Worten, recht verstanden, im allgemeinen seine